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Was die Armee können muss : Soldaten müssen nicht perfekte Bürger sein

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Ein Bundeswehrsoldat sicher das Camp Marmal in Masar-i-Sharif, im Norden Afghanistans. Bild: dpa

Kämpfer, Diplomat, Aufbauhelfer – die Ansprüche an Bundeswehrsoldaten sind so vielfältig wie noch nie. Um sie zu erfüllen, braucht es eine Tradition, die demokratische Grundwerte verinnerlicht und zugleich für das Gefechtsfeld taugt. Ein Gastbeitrag.

          Was dürfen wir eigentlich von unseren Soldatinnen und Soldaten erwarten und was müssen wir erwarten? Wer diese Frage beantworten will, muss wissen, was Bundeswehrangehörige leisten. Zum einen stellt der Bund Streitkräfte zur Landes- und Bündnisverteidigung auf, zum anderen steht die Bundeswehr in einer Vielzahl von Auslandseinsätzen auf dem afrikanischen Kontinent, im Nahen Osten und in Zentralasien. Beide Aufgaben werden durch ein wesentliches Merkmal vereint: die Notwendigkeit, staatlich legitimierte Gewalt zu Ordnungszwecken einzusetzen. Um diese funktionale Gewalt einsetzen zu können, muss die Truppe bereits in ihrer Ausbildung durch ein notwendiges Maß an militärischer Härte an diese Aufgabe herangeführt werden. Sie ist ebenso unverzichtbar wie die Entbehrungen, die damit einhergehen. Beides muss durch die Soldatinnen und Soldaten in engen Grenzen erfahren werden. Dabei dürfen Diskriminierungen, wiederkehrende Schikanen bis hin zu rituellen Demütigungen jedoch keinesfalls unter dem Deckmantel einer harten Ausbildung den Weg in die Bundeswehr finden.

          Militärische Ausbildung – ebenso wenig wie das soldatische Selbstbild – darf sich nicht in einem rein technisch-funktionalem Kämpfertypus erschöpfen. Die Überbetonung von Gefechtserfahrungen und scheinbar genuin militärischer Prinzipien birgt die Gefahr, dass Fundament für eine apolitische Subkultur innerhalb der Bundeswehr zu werden, welche dem gültigen Leitprinzip der Inneren Führung unvereinbar entgegenstehen würde. Eine solche Subkultur klammert die „weichen“ Fähigkeiten aus, die gerade in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr von enormer Bedeutung sind. Hierzu zählen zivile Fähigkeiten, interkulturelles Verständnis sowie eine grundlegende politische Bildung. Sie gehören heute unweigerlich zu einem professionellen soldatischen Berufsbild dazu.

          Für die Truppe ist durch die Auslandseinsätze und die intensive Auseinandersetzung mit dem kulturell Fremden ein neues Ordnungsbild entstanden. Das klar definierte Feindbild aus Zeiten des Kalten Krieges ist inzwischen einem Bild der prinzipiellen Unordnung und Instabilität gewichen. Diese vage Bedrohung manifestiert sich für die Bundeswehrangehörigen bei asymmetrisch und terroristisch agierenden Gewaltakteuren, denen sie in einer Vielzahl der Auslandseinsätze gegenüberstehen.

          Die Herstellung und Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung ist infolgedessen auch sinnstiftend geworden und macht gleichzeitig eine klare Orientierungsgrundlage für die Angehörigen der Bundeswehr umso wichtiger. Dabei haben speziell Soldatinnen und Soldaten ein gesteigertes Bedürfnis nach Symbolen und Ritualen, welche gemeinschaftsstiftend wirken und der Vergewisserung des soldatischen Selbstbildes dienen. Derzeit sehen wir  im Dienstalltag und im öffentlichen Raum allerdings immer weniger offizielle und zugleich emotional wirkkräftige Symbole und Zeremonien. Die Folgen sind Freiräume der Orientierungslosigkeit, die durch inoffizielle und bisweilen makabre Rituale besetzt werden. Denn das Bedürfnis nach Orientierung und Gemeinschaft bleibt bei allen Militärangehörigen bestehen.

          Die Truppe nicht abermals überfordern

          Mit dem Wandel hin zu einer Einsatzarmee und der Auflösung eines klassischen Feindbildes hat sich das Bedürfnis nach Orientierung nochmals gesteigert. Zwar hat sich die Bundeswehr als Gesamtorganisation den Auslandseinsätzen angepasst, die Herausbildung einer glaubhaften Traditionslinie sowie die klare Neuformulierung einer Führungskonzeption blieben jedoch seitens der politischen wie auch seitens der militärischen Führung aus.

          Nun gilt es, diese Lücke zu schließen, den Traditionserlass und die Innere Führung neu aufzulegen und diese an den Zeichen der Zeit auszurichten. Am Ende muss ein politisch legitimiertes Konzept der Orientierung stehen, das einsatznah, nachhaltig und an den soldatischen Realitäten ausgerichtet ist. Auf keinen Fall darf es aber in einer überstürzten Reaktion übers Knie gebrochen werden.

          Von zentraler Bedeutung wird es sein, den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr auch weiterhin Verantwortung für ihr Handeln zu übertragen und ihnen hierfür das nötige Vertrauen zu schenken. Die hier benannte Selbstverantwortung muss gerade in Bezug auf die ethische und politische Bildung eingefordert werden. Das ist nicht nur notwendig um den Staatsbürger in Uniform wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen, sondern ebenso notwendig um den Soldatinnen und Soldaten eine Art inneres Rüstzeug mitzugeben.

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          Dabei darf die Truppe nicht abermals überfordert werden und man der fehlerhaften Annahme erliegen, dass ein Staatsbürger in Uniform der perfekte Bürger sein müsse. Entsprechend dieses Rahmens muss eine neue Konzeption verständlich bleiben und Widersprüchen vorbeugen, die sich in den Richtlinien zum Traditionsverständnis der Bundeswehr finden. Erwartungen und Pflichten müssen in aller Deutlichkeit und in einer vereinfachten Sprache in tatsächlich alle Ebenen der Bundeswehr hinein kommuniziert werden. Das bedeutet, politische Bildung wieder als ein zentrales Element in den Dienstalltag einzubinden und nicht an die sporadischen Unterrichtungen und den lustlosen Frontalunterricht der letzten Jahre anzuknüpfen.

          Philipp Fritz ist Oberleutnant der Reserve und Doktorand an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Forschungsinteresse gilt der Konstituierung einer anwendungsorientierten Militärethnologie.

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