https://www.faz.net/-gpd-169c1

: Wir können Google beherrschen

  • Aktualisiert am

Die Vorstellung, Google wäre eine Suchmaschine mit ein paar Gratisdiensten, ist falsch. Googles Geschäftsmodell beruht darauf, dass Nutzer seine Produkte akzeptieren, die entweder Werbeplätze sind oder die Effizienz von Werbung steigern.

          Die Vorstellung, Google wäre eine Suchmaschine mit ein paar Gratisdiensten, ist falsch. Googles Geschäftsmodell beruht darauf, dass Nutzer seine Produkte akzeptieren, die entweder Werbeplätze sind oder die Effizienz von Werbung steigern. Der Erfolg beruht dabei auf den Werbesystemen AdWords und AdSense. Mit ihnen erlöst das Unternehmen 97 Prozent seines Jahresumsatzes von knapp 24 Milliarden Dollar, indem es Anzeigen zu zwei Dritteln auf eigenen Produkten und zu einem Drittel auf Fremdprodukten plaziert. Alle Aktivitäten Googles sind im Grunde Fortsetzungen dieses Geschäftsmodells: Die Suchmaschine wird erweitert (etwa um die Funktion Street View), um den Markt der lokalen Anzeigen zu erschließen. Bücher erhöhen die Abrufzahlen der Suchmaschine. Das Mobiltelefon Nexus soll zusammen mit dem Betriebssystem Android den stark wachsenden Werbemarkt auf webbasierten Smartphones erschließen, bislang die Domäne von Apples iPhone.

          Google ist ohne Zweifel ein Gigant, auch in Deutschland: 91,7 Prozent Marktanteil bei Suchmaschinen, 4,2 von 4,7 Milliarden Suchanfragen, 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Google beherrscht den Markt textbasierter Werbung auf Suchmaschinen und macht mindestens die Hälfte seiner Online-Werbeumsätze in Deutschland. Wettbewerbshüter runzeln also mit Grund die Stirn, wissen aber, dass das deutsche Recht bloße Marktbeherrschung noch toleriert. Wer sich an die Gesetze hält, muss sich nichts vorwerfen lassen.

          Die Dynamik von Google scheint unbegrenzt. Das zeigt sich an neuen News-Zugangswegen (Livingstories, Fastflip), dem angekündigten E-Buchshop Google Editions, an Telekommunikations- und Drahtlos-Netzdiensten, an lokalen Telefonnetzen und der zunehmenden werblichen Nutzung der eigenen Homepage der Suchmaschine - die der reichweitenstärkste und damit teuerste Werbeplatz in der Online-Welt ist. Hinzu kommen diverse Übernahmeversuche beziehungsweise einschlägige Gerüchte, etwa im Zusammenhang mit Twitter oder dem Bewertungsportal Yelp sowie eine Eigenmarke im Markt der neuen Tablet-PCs.

          Wie abhängig wir schon sind

          Spielt Google bereits eine so zentrale Rolle als Infrastrukturanbieter, dass unsere Gesellschaft davon abhängig ist? Das Unternehmen bedient oberhalb der Provider-Ebene nahezu alle Ebenen von Infrastruktur. Deren Nutzungsanteil ist freilich sehr unterschiedlich: Die Verwendung des Name Servers (Internet-Adressverzeichnis) oder der Cloud-Rechenzentrums-Betrieb durch Google finden in Deutschland faktisch nicht statt, der Browser Chrome dürfte rund fünf Prozent Marktanteil haben. Und die Anwendungen zeigen ein diffuses Bild: Die Nutzung von Docs, News, Calendar und Talk liegt unter einem Prozent der Seitenzugriffe in der jeweiligen Vergleichsgruppe, mit Mail erreicht Google derzeit zwölf Prozent (ein Drittel etwa von web.de), während die Suchmaschine, Youtube (75 Prozent) und Maps (68 Prozent) unangefochtene Spitzenreiter in ihren Segmenten sind.

          Dominanz ist hier also nicht zu bezweifeln, wohl aber eine Abhängigkeit von Google: Es gibt brauchbare Alternativen zur Suche, zum Videoportal und zum Landkartendienst. Selbst die Nutzung der Suchmaschine ist im Verhältnis zur allgemeinen Internetnutzung geringer, als man es aufgrund Ihrer Gatekeeper-Funktion erwarten müsste. Nach bisher unveröffentlichten Daten, die dem Autor vorliegen, erhält Google im Monat neun Prozent der 7,67 Milliarden Besuche auf den 10 000 meistbesuchten deutschen Websites, und sieben Prozent von rund 9,8 Milliarden Besuchen auf 300 000 Websites. Angesichts dessen, dass es in Deutschland dreizehn Millionen registrierte .de-Domains gibt und mindestens fünf Prozent der weltweit geschätzt 200 Millionen Websites auf unser Land entfallen, dürfte der Nutzungsanteil Googles insgesamt weit unter fünf Prozent aller Besuche liegen.

          Zu einer anderen Bewertung kommt man, wenn Google-Produkte künftig mehr genutzt werden sollten. Bislang stellt sich noch die Frage, wie erfolgreich der Konzern sein wird, dessen erfolgreichste Angebote zunächst keine eigenen Erfindungen waren, während seine späteren Produkte wie Checkout, Jaiku, Picasa, Knol und Orkut gegen die Konkurrenz von Paypal, Twitter, Flickr, Wikipedia und Facebook/WKW/StudiVZ, jedenfalls in Deutschland, kaum ein Bein auf den Boden bekamen. Zudem zeigen Verhandlungen über neue Allianzen, etwa eine zwischen Apple und Microsoft über die Einbindung der Suchmaschine Bing auf dem iPhone oder die Gerüchte um den Erwerb einer Suchmaschine sowie ein eigenes Werbesystem durch Apple, dass sich das Blatt auch wieder wenden kann.

          Google wird aber auch wegen einer Vielzahl von Aktivitäten kritisiert, die Datenschutz und Privatsphäre betreffen. Dies bezieht sich nicht nur auf Street View, sondern auch auf zwei Dienste, deren Technik und Zulässigkeit für Laien nicht leicht nachzuvollziehen sind: zum einen die bis zu achtzehnmonatige Speicherung von Suchabfragen, zum anderen das Webanalyse-Werkzeug Analytics, das auf knapp der Hälfte der 10 000 meistgenutzten deutschen Websites installiert ist, jede dort besuchte Seite an Google-Server im Ausland übermittelt und durch die Speicherung von Internetprotokoll-Adressen die Erstellung website-übergreifender Bewegungsprofile ermöglicht. Dabei ist die Regel, dass ohne Verbindungdaten zwar der Rechner, nicht aber die Person identifizierbar ist - und nur, wenn keine dynamischen IP-Adressen verwendet werden.

          Mit der Verbreitung von mobilem Surfen und einer Vielzahl von Endgeräten, auf denen persönliche Dienste laufen, sowie der Tendenz zu festen IP-Adressen wird die Zuordnung von Geräten zu Personen jedoch immer eindeutiger. Plakativ gesagt: Während sich früher mehrere Menschen in einem Haushalt ein Endgerät mit einem dynamischen IP teilten, wird sich das Verhältnis so umdrehen, dass in zehn Jahren jede Person mehrere Endgeräte mit einer eindeutigen statischen Kennung hat. Diese drei Trends werden die Privatsphäre-Problematik verschärfen.

          Kritisch ist die Datensammlung für Nutzer eines Google-Kontos, bei dem eine Registrierung mit expliziten Daten wie Klarname und Adresse erfolgt. Google besitzt danach nicht nur diese Daten, sondern nutzt sie auch, um Werbung individuell zu optimieren, indem von Nutzern erstellte Inhalte wie etwa Mails maschinell nach Indizien für Interessen durchsucht werden.

          Googles große Datengier

          Wie datengierig aber ist Google im Vergleich? Die Finanzbranche und große Händler wissen bereits extrem viel über Bürger. Telekommunikationsanbieter und Internet-Provider könnten auch sehr viel wissen, wenn sie die gespeicherten Verbindungsdaten verwenden würden. Google gehört zur zweiten Gruppe und ist das einzige Unternehmen, das Suchanfragen und Internet-Bewegungsdaten - über Google Analytics - maschinell analysiert. Über den Bezahldienst Google Checkout werden außerdem Transaktionsdaten gesammelt, wenngleich in Deutschland mit geringem Erfolg.

          Eine neue Dimension eröffnet die Technologie der maschinellen Gesichtserkennung in der Bilderplattform Picasa und bei Street View. Eigentlich ist sie eine Personenerkennung: Mit der Zuordnung von Gesichtern zu Identitäten wird faktisch die Anonymität aufgehoben. Google hat sich mit dieser Funktion im neuen Produkt "Goggles" an die Spitze der Befürworter des technisch Möglichen gesetzt, ist dabei aber nicht allein: Auch Apples iPhoto erkennt Gesichter und mit der App "Recognizer" eines anderen Anbieters wird dies bald auch für jedermann auf dem iPhone verfügbar sein. Dass Google seine Funktion bisher nicht freigeschaltet hat, entlastet das Unternehmen nicht.

          Google erreicht in Deutschland gut sechzehn Millionen Nutzer täglich. Es stellt sich die Frage, wie die Unabhängigkeit der Suchmaschine von kommerziellen Interessen gesichert werden kann, denn sie ist zwar kein redaktionelles Angebot, für den Meinungsbildungsprozess aber ebenso wichtig, weil der Weg zu einem redaktionellen Online-Angebot in bis zu dreißig Prozent der Fälle über eine Suchmaschine führt. Daher sollte schon heute politisch diskutiert werden, eine neutrale und diskriminierungsfreie Suche auch medienrechtlich zu verankern.

          Der Rundfunkstaatsvertrag kennt im Rahmen der "Plattformregulierung" Regeln, die einen diskriminierungsfreien Zugang zu Set-Top-Boxen und "elektronischen Programmführern" sicherstellen sollen. In den Mediengesetzen ist auch geregelt, dass redaktionelle Inhalte und Werbung zu trennen und zu kennzeichnen sind. Warum also sollte man nicht auch Aggregatoren wie Google auf eine unmanipulierte Auswahl von Internetinhalten verpflichten und ihnen nur unter Auflagen erlauben, selbst im Inhaltegeschäft tätig zu werden?

          Google ist dominant und hat das Potential, die Privatsphäre zu bedrohen, Meinungsbildung zu beeinflussen und in bisher artfremde Informationsprozesse vorzudringen. Trotzdem sollte die Debatte sachlicher werden. Man kann das Internet als ein Kulturphänomen akzeptieren: Weil es Wissen befördert, Freiheitsrechte sichert und ungemein praktisch ist. Aber es ist Zeit, nach den Ursachen zu fragen, warum heute drei Viertel der Internettechnologie aus den Vereinigten Staaten kommen, obwohl der erste programmierbare Computer von Konrad Zuse gebaut wurde. Christoph Kappes

          Der Autor leitet die Agentur Fructus, die Unternehmen bei ihren Internet-Aktivitäten berät.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Seltene Erden : Pekings Waffe im Handelskrieg

          In jedem Smartphone, in jeder Hightech-Rüstung stecken Seltene Erden. 80 Prozent dieser Metalle kommen aus Fernost. Setzt China das nun als Druckmittel gegen Amerika ein?

          Brexit-Abstimmung : Was ist daran „kühn“?

          Die britische Premierministerin Theresa May will den Parlamentariern ein Angebot unterbreiten, das sie nicht ablehnen können. Doch dem Vernehmen nach wird es kaum der erhoffte große Wurf sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.