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Philosoph Achille Mbembe : Unter Antisemitismusverdacht

Sollte man nicht annehmen, dass ein in Johannesburg lehrender Afrikaner weiß, wovon er redet, wenn er von Apartheid spricht? Achille Mbembe 2017 bei einem Vortrag in Hamburg Bild: dpa

Neuer Streit um die Ruhrtriennale und Israel: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung wirft dem Philosophen Achille Mbembe vor, den Holocaust zu relativieren.

          3 Min.

          Der politische Philosoph Achille Mbembe hat in den letzten Jahren in Deutschland und insbesondere in Nordrhein-Westfalen eine ganze Reihe von Auszeichnungen entgegengenommen. Vor zwei Jahren verlieh ihm die Gerda Henkel Stiftung den mit 100 000 Euro dotierten Gerda Henkel Preis für herausragende Forschung in den Geisteswissenschaften, den vor ihm Martin Warnke, Jürgen Osterhammel und Lyndal Roper erhalten haben. Seine Dankesrede, mit der er in die Debatte um die Restitution von Museumsgut aus der Kolonialzeit eingriff, wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gedruckt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Im vergangenen Jahr lehrte Mbembe als Albertus-Magnus-Professor an der Universität zu Köln, als Nachfolger von Arthur Danto, Noam Chomsky und Judith Butler. Ebenfalls 2019 hielt Mbembe im Düsseldorfer Schauspielhaus, das von Landeshauptstadt und Land Nordrhein-Westfalen getragen wird, eine Rede über die Frage, ob es ein Menschenrecht auf Mobilität gibt. Am 14. August soll Mbembe in Bochum die Eröffnungsrede der Ruhrtriennale halten, des internationalen Kulturfestivals, welches das Land Nordrhein-Westfalen und die Ruhrgebietsstädte unterhalten. Droht der Bundesrepublik „politischer Schaden“, wenn Mbembe seine angekündigten „Betrachtungen über planetarisches Leben“ vortragen kann?

          Diese Warnung hat Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ geäußert. Der Diplomat, der seinem Auftrag mit Unterstützung eines Referats im Bundesinnenministerium nachgeht, begründete seine Intervention mit der Finanzierung des Festivals aus öffentlichen Geldern und der damit gegebenen besonderen Verantwortung eines Eröffnungsredners. „Es sollte eine Person dafür ausgewählt werden, die dieser Verantwortung gerecht wird – und nicht in der Vergangenheit bereits durch die Relativierung des Holocaust aufgefallen ist.“

          Der Blick aus Johannesburg

          Achille Mbembe, ein notorischer Relativierer des deutschen Völkermords an den Juden? Den akademischen und kulturellen Institutionen, die Mbembe nach Deutschland einluden, ist der aus Kamerun gebürtige Autor von „De la postcolonie“, der seit 2001 eine Professur an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg bekleidet, nicht wegen entsprechender Äußerungen aufgefallen. Laut Klein hat Mbembe indes „in seinen wissenschaftlichen Schriften nicht nur den Staat Israel mit dem Apartheidssystem Südafrikas gleichgesetzt, was einem bekannten antisemitischen Muster entspricht“, sondern auch „das Existenzrecht Israels in Frage gestellt“.

          Um den bibliographischen Nachweis dieser Schriften gebeten, verwies Kleins Referat auf den Offenen Brief des FDP-Landtagsabgeordneten Lorenz Deutsch, der eine Schrift nennt, den Nachdruck eines Kapitels aus dem 2017 auch bei Suhrkamp erschienenen Buch „Politik der Feindschaft“ in der Zeitschrift „Radical Philosophy“. Der Abgeordnete wirft Mbembe vor, die antiisraelische Boykottbewegung BDS zu unterstützen. Schon 2018 wurde Stefanie Carp, der Intendantin der Ruhrtriennale, die Unterstützung von BDS-Unterstützern vorgeworfen.

          Michael Hanssler, der Vorstandsvorsitzende der Gerda Henkel Stiftung, erklärte gegenüber dieser Zeitung, die Stiftung habe Mbembe als einen der international führenden Vertreter der postkolonialen Theorie ausgezeichnet. „Uns sind keine Schriften Mbembes bekannt, die den Vorwurf des Antisemitismus – geschweige denn der Relativierung des Holocaust – rechtfertigen könnten. Kritik an israelischem Regierungshandeln lässt sich unserer Auffassung nach nicht schlicht mit einer Relativierung des Holocaust gleichsetzen.“ Die Passagen aus „Politik der Feindschaft“ dokumentierten gerade, dass Mbembe Holocaust und Apartheid nicht gleichsetze. Hänssler richtete einen Appell an Klein und Deutsch: „Ich möchte anregen, dass sich diejenigen, die diese Vorwürfe in Form offener Briefe und durch Pressestatements erhoben haben, zunächst einmal ernsthaft mit Achille Mbembes Werk und mit ihm als Person auseinandersetzen.“

          Hannsler kündigte eine ruhige und sachliche Prüfung der gegen Mbembe erhobenen Vorwürfe durch die Gremien der Gerda Henkel Stiftung an. „Im Übrigen darf ich Ihnen versichern, dass andere hohe Vertreter der Bundesrepublik die gegen Achille Mbembe erhobenen Anschuldigungen als haltlos betrachten und sich dazu in dem kommenden Tagen auch äußern werden.“ Bei der Verleihung des Gerda Henkel Preises hatte Michelle Müntefering, die für auswärtige Kulturpolitik zuständige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, die Laudatio gehalten.

          Vom Suhrkamp Verlag, der 2017 das Buch „Politik der Feindschaft“ herausbrachte, dessen französisches Original „Politiques de l’inimitié“ 2013 erschienen war, wird es keine Stellungnahme geben. Tanja Postpischil, Pressesprecherin und Mitglied der Geschäftsleitung, begründete dies gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag damit, dass Mbembe sich „schon hier und dort selbst zu den Vorwürfen geäußert“ habe.

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