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S. Fischer und Monika Maron : Mainstream ohne Ufer

„Streitbar, klug und künstlerisch anspruchsvoll“ nannte Siv Bublitz, Verlegerische Geschäftsführerin bei S. Fischer, noch ihren jüngsten Roman: Monika Maron, aufgenommen im März 2009 in Mainz. Bild: Picture-Alliance

Der Verlag S. Fischer trennt sich von seiner Autorin Monika Maron und will uns weismachen, gegen ihre Bücher und Ansichten habe er gar nichts: über eine unsouveräne und vielleicht auch unehrliche Entscheidung.

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          Der Verlag S. Fischer hat seiner Autorin Monika Maron den Stuhl vor die Tür gesetzt. Seit 1981 hatte sie dort alle ihre Bücher publiziert, neunzehn an der Zahl, als erstes 1981 den Roman „Flugasche“, der in der DDR verboten worden war, zuvor als Fortsetzungsroman in diesem Feuilleton erschien und bei Fischer allein im Taschenbuch einundzwanzig Auflagen erlebt hat.

          Schon im März dieses Jahres wurde Monika Maron bedeutet, damit sei es nun vorbei. Zwar gab es im Horizont des achtzigsten Geburtstags der Autorin am 3. Juni 2021 noch Planungen für einen Essay-Band. Aber als sie ihrem Verlag dazwischen eine kleine Erzählung anbot, wurde das Manuskript, wie sie der F.A.Z. im Gespräch berichtet, „ungelesen“ abgelehnt. Dem Agenten der Schriftstellerin wurde zur Begründung mitgeteilt, sie sei „politisch unberechenbar“. Bei der Geschichte soll es sich um den Bericht von der Anschaffung eines Hundes gehandelt haben.

          Das alles ist das gute Recht eines Verlags, es herrscht Vertragsfreiheit in diesem Land. Dass im Hause S. Fischer, das sich seit Jahren nach einem Deutschen Buchpreis verzehrt, das Buch der diesjährigen Gewinnerin dieser Ehrung, Anne Weber, mit der Begründung abgelehnt worden sein soll, solche Versepen mache man nicht, würde mit zu diesen Freiheiten gehören. Natürlich kann ein Verlag sich darauf festlegen, lieber „Für einen Sommer unsterblich“ als „Annette, ein Heldinnenepos“ zu drucken oder nur politisch berechenbare Schriftsteller. Was immer das heißen soll und etwa im Falle seines Hausklassikers Thomas Mann einst hieß.

          Nur lobende Worte

          Wer also an dieser Stelle sich oder den Verlag fragt, ob „politisch berechenbar“ wirklich ein gutes Kriterium im Umgang mit Romanautoren ist, die weder rechts- oder linksradikal sind, für den gibt es ausführlichere Begründungen. Im Hause Fischer, oder besser: an der Spitze des Hauses Fischers wird Monika Maron einerseits übel genommen, dass sie in vierzig Jahren ein einziges Mal ein Buch nicht bei Fischer, sondern in der „Edition Buchhaus Loschwitz“ publiziert hat. Die herausgebende Buchhändlerin, Susanne Dagen, hat 2015 und 2016 den „Deutschen Buchhandlungspreis“ bekommen. Erst als sie 2017 Unterschriften für einen offenen Brief gegen gewaltsame Attacken auf rechte Verlage während der Frankfurter Buchmesse sammelte, begann sie fortan ihrerseits als rechte Buchhändlerin zu gelten.

          Monika Maron gegenüber wird also das Prinzip der Kontaktschuld angewandt. Ihrem Essayband, dessen jüngster Text 2019 in der für Rechtsradikalismus auch nicht bekannten „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienen ist, wird von Siv Bublitz, der Verlegerischen Geschäftsführerin bei S. Fischer, darum auch kein inhaltlicher Vorwurf gemacht. Noch für den jüngsten Roman, „Artur Lanz“, in dem Figuren Marons wenig Zweifel über ihre Meinungen zu Gendersternchen, muslimischer Einwanderung und einem hierzulande angeblich repressiven Diskussionsklima lassen, findet Bublitz nur lobende Worte: „streitbar, klug und künstlerisch anspruchsvoll“.

          Das hätte nicht passieren dürfen

          Bublitz wurde, wie es scheint, auch weder von außen – etwa per Twitterstürmchen – noch intern von Verlagsmitarbeitern aufgefordert, Maron aus der Autorenreihe Fischers auszuschließen. Das unterscheidet diesen Fall von den wenigen bisherigen der sogenannten „Cancel Culture“. Nein, der Grund liegt angeblich nicht in den Ansichten Marons. Sondern im Vertrieb des Buchhauses Loschwitz. Für den ist der rechte Verlag Antaios zuständig, zu dem die Buchhändlerin auch sonst gute Kontakte unterhält. Antaios betreibt einen Versandbuchhandel, bei dem man, Monika Maron zufolge, auch alle ihrer bei S. Fischer verlegten Bücher bestellen kann. Hier könne, schreibt Bublitz an ihre Autoren, der S. Fischer Verlag nicht wegsehen, denn das widerspreche seiner Tradition und seinen Werten. Maron habe sich demgegenüber uneinsichtig gezeigt. Maron selbst gibt zu Protokoll, sie habe nicht einmal gewusst, wer ihren Band vertreibe.

          Wir dürfen also die Sicht des S. Fischer Verlages zusammenfassen: Mit den Büchern von Monika Maron ist alles in Ordnung, sie sind klug, künstlerisch anspruchsvoll und streitbar. Gegen ihre Ansichten hat man auch nichts, jedenfalls nichts, das einer Zusammenarbeit entgegenstünde. Aber ein Buch mit Essays hätte nicht von einem rechten Verlag mit angeschlossenem Versandbuchhandel vertrieben werden dürfen.

          Auf dem Vertriebswege

          Das macht Maron „politisch unberechenbar“? Wie berechenbar sind denn nun umgekehrt Verlage, die sich einer Tradition mit Werten rühmen? Was ist aus der Haltung geworden, nicht nur Werke zu veröffentlichen, sondern das Werk eines Autors, lebenslang. Aus jenem Unseldschen „Eheversprechen“, zu seinen Autoren zu stehen, komme, was wolle? Monika Maron hat Bücher geschrieben, die zur Schullektüre wurden: „Stille Zeile sechs“ etwa, den Roman über eine Historikerin, die einem DDR-Funktionär die Memoiren schrieb. Bei Fischer erschienen auch ihre Essays über die Deutsche Einheit und die Ostdeutschen, etwa mit der Forderung, diese endlich „aus ihrem Kollektivstatus in die Individualität zu entlassen“. Und auch, als die Romane Marons ihren Figuren Haltungen andichteten, mit denen die Autorin als Person des öffentlichen Lebens auch selbst kokettiert oder sie offen zur Schau trägt – das heutige Deutschland sei eine Meinungsdiktatur, der Islam sei pauschal zu verurteilen, es gebe keine Helden und keine echten Männer mehr – hielt der Verlag an seiner Autorin fest. Ja, im Klappentext des Romans „Artur Lanz“ lobte er daran ein „differenziertes Stimmungsbild einer Gesellschaft, die sich dem Mainstream unterwirft“.

          Hat S. Fischer sich nun mit der Entscheidung, nach einem bereits angekündigten Essayband keine weiteren Werke von ihr zu verlegen, selbst diesem Mainstream unterworfen? Dass S. Fischer die Werke Marons „engagiert publiziert“ hat, auch als diese „wegen politischer Äußerungen längst in den öffentlichen Fokus gerückt war“, räumt die Verlegerin Siv Bublitz im Gespräch mit der F.A.Z. selbst ein. Dass Monika Maron ihrerseits das Erscheinen jener Essays in einer Reihe mit dem zweideutigen Titel „Exil“ – so als sei es schon wieder so weit – inzwischen bedauert, hat ihr aber nicht geholfen. Denn bei S. Fischer meint man offenkundig, sie habe gewissermaßen auf dem Vertriebswege alles verspielt. Man hätte bei weiterer Zusammenarbeit mit Maron „indirekt einen publizistischen Kontext unterstützt“, der nicht zu S. Fischer passe. Diese Entscheidung ist unsouverän, maßlos und vielleicht auch unehrlich: Soll man es doch offen sagen, was einen stört, und nicht aus einer Irritation einen Fehltritt sondersgleichen machen.

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