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Thriller-Serie : Die Hölle ist in „Himmelstal“

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Himmelstal“ Bild: Warner Media

Gefangen in der Psychiatrie: In der schwedischen Thriller-Serie nach dem Buch von Marie Hermanson bringen sich Schwestern gegenseitig um den Verstand.

          3 Min.

          Dass sich das Sanatorium als Spielort für einen Psychothriller anbietet, liegt auf der Hand? Menschen im geistigen Ausnahmezustand, strenge Machtverhältnisse in einem abgeriegelten Raum, der der Wissenschaft vom menschlichen Fühlen und Denken gewidmet ist. Literatur und Film sind voll von Beispielen, die das erzählerische Potential dieses Ortes nutzen, Martin Scorseses „Shutter Island“, basierend auf dem Roman von Dennis Lehane, ist nur eins davon. Nun reiht sich die schwedische Serie „Himmelstal“ ein.

          Der abgeriegelte Raum ist hier, anders als bei Lehane und Scorsese, keine Insel, aber ebenfalls ein von der Natur geformtes Gefängnis, wenn auch ein wunderschönes: Die der Serie ihren Namen gebende Luxusklinik ist umgeben von einem atemberaubenden Bergpanorama, „unser eigenes Stückchen Himmel“ pflegt eine Aufseherin gegenüber Neuankömmlingen den Ort zu nennen. Dazu gehört auch Helena (Josefin Asplund), die ihre Zwillingsschwester Siri (ebenfalls gespielt von Asplund) besuchen will. Die beiden hatten jahrelang keinen Kontakt, dramatische Zerwürfnisse werden angedeutet. Eine unerwartete Nachricht hat Helena schließlich dazu bewogen, ihrer Schwester noch eine Chance zu geben, doch es dauert keinen Tag, bis Siri ihre Hoffnung auf ein besseres schwesterliches Verhältnis zerstört.

          Eine neue Facette

          Denn für die Einladung gab es einen konkreten Grund: Siri will Himmelstal verlassen und Helena soll an ihrer statt dort bleiben. Siri erzählt, dass sie sich in eine Frau verliebt hat, die in Gefahr schwebt und dringend ihren Beistand braucht. Nur für einen Tag will sie deshalb mit Helena die Rollen tauschen, um sich der Aufsicht von Klinikleiter Dr. Fisher (Matthew Modine) und seinem Team zu entziehen. Helena lehnt ab, doch davon lässt sich Siri nicht weiter beirren. Sie betäubt ihre Schwester und lässt sie in Himmelstal zurück.

          „Verrückte Geschichte“, denken sich auch die behandelnden Ärzte und interessieren sich sehr für diese vermeintlich neue Facette von Siris geistigem Zustand, den die Psychiater generell so ganz anders beschreiben als die Schwester zuvor selbst. Siri hatte behauptet, für einen Alkoholentzug als Bewährungsauflage in der Einrichtung zu sein, tatsächlich haben die Ärzte sie als veritable Psychopathin eingestuft, die, wie alle Insassen von Himmelstal, eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt. „Ist doch besser, wenn sie hier ein produktives Leben führen, als wenn sie in irgendeinem Gefängnis verrotten müssen“, erklärt Dr. Fisher. Diese Produktivität meint allerdings keine Arbeit, sondern die Existenz als Forschungsgegenstand und zu einem solchen wird auch Helena verdammt, nachdem ihr den Rollentausch keiner abnimmt. Irgendwie muss sie sich nun in diesem himmlischen Ort zurechtfinden, wo mit jedem Tag mehr Höllisches über sie hereinbricht: ein Kellerverlies, chemische Keulen für unbeugsame Patienten, Totalüberwachung, brutale Häftlinge, Geheimorganisationen und natürlich die obligatorischen verrückten Wissenschaftler.

          Die Serie basiert auf einem Roman der schwedischen Autorin Marie Hermanson. Für ihre Adaption haben die Serienmacher in einem interessanten Kniff allerdings das Geschlecht der Zwillinge verändert. Aus den beiden Brüdern Max und Daniel wurden die Schwestern Siri und Helena – und das offenbar nicht willkürlich. Auch die Kollegin Dr. Kowalska (Agnieszka Grochowska) kommt in der Serie neu dazu, sie wurde in Himmelstal explizit eingestellt, weil sie ihre Doktorarbeit über weibliche Psychopathie geschrieben hat.

          Dieses Interesse der Macher am Aspekt der Weiblichkeit im psychotherapeutischen Kontext ist spannend, gerade wenn man bedenkt, dass die Diagnose psychischer Krankheit als Mittel zur Diskriminierung von Frauen eine lange Geschichte hat. Unabhängig davon entfaltet sich eine klassische Thrillerhandlung, in deren Zentrum das Spiel mit verschiedenen Identitäten steht. In Himmelstal ist nichts, wie es scheint, vertrauen kann man niemandem. Josefin Asplund schlägt sich als Helena im Kampf gegen diese Ohnmacht überzeugend. Umgeben von ausnahmslos zwielichtigen Gestalten bündeln sich alle Sympathien und Erwartungen der Zuschauer in dieser unfreiwilligen Heldin, und sie hält stand. Allein ihr Schicksal bewegt zum Wiedereinschalten. Der Sender TNT Serie quält bei den abrupten Episodenenden im spannendsten Moment immerhin nicht mit langen Wartezeiten und sendet die Miniserie in zwei Blöcken mit jeweils vier Folgen.

          Himmelstal läuft bei TNT Serie.

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