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„Neue Zürcher Zeitung“ : Eine Frage der Glaubwürdigkeit

In der Kritik: Die „Neue Zürcher Zeitung“ schüttet trotz Inanspruchnahme öffentlicher Hilfen Dividenden aus. Bild: Reuters

8 Millionen Franken für die Aktionäre: Die Schweizer NZZ hat trotz öffentlicher Hilfe hohe Dividenden ausgeschüttet. Das sorgt für Unmut, intern und extern.

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          Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) neigt sich traditionell einem bürgerlich-liberalen Publikum zu. Das 1780 gegründete Blatt hält nichts von staatlicher Bevormundung, sondern setzt auf Eigenverantwortung. Gemäß der klar marktorientierten Linie sind Subventionen und öffentliche Hilfen für die Wirtschaft prinzipiell unerwünscht. Doch angesichts des ökonomischen Niedergangs, der im Kampf gegen das Coronavirus den ganzen Globus erfasst, gibt sich die Zeitung undogmatisch. So hält man beispielsweise den viele Milliarden teuren Einsatz von Kurzarbeitergeld und Bürgschaften für richtig. In einem Kommentar mahnte der Wirtschaftsressortleiter Peter Fischer Ende März zugleich: „Wer von Steuergeldern profitiert, täte gut daran, bei der Dividendenpolitik Zurückhaltung zu üben.“

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Gut zwei Wochen später schüttete die „AG für die Neue Zürcher Zeitung“ Dividenden von 8 Millionen Franken an ihre Aktionäre aus. Zuvor hatte der ehemalige NZZ-Verlagsgeschäftsführer Veit Dengler dafür plädiert, die Dividende zu streichen: „NZZ braucht alle Reserven für unbestimmt lange schwierige Zeit“, twitterte er. Doch der Aufruf verhallte. Dabei ist die „NZZ“ in der Tat empfindlich von der Corona-Krise getroffen. Zwar steigt das Interesse der Leser, aber die Anzeigenerlöse sind im freien Fall. Daher entschied der Verlag Anfang April, Kurzarbeit zu beantragen. Das Kurzarbeitergeld wird aus den Kassen der Arbeitslosenversicherung bezahlt; insofern zahlt nun die Allgemeinheit einen wesentlichen Teil der Gehälter der NZZ.

          „Wir können nicht wettern und dann die Hand aufhalten“

          Bei den Mitarbeitern in der Redaktion in Zürich kommt das gar nicht gut an. „Für unsere Zeitung ist das ein Armutszeugnis. Wir hätten darauf bestehen sollen, uns ohne Hilfen durchzuboxen“, sagt ein Redakteur, der namentlich nicht genannt werden will. Der Journalist sieht die Glaubwürdigkeit des Blattes beschädigt: „Wir können doch nicht gegen Staatsbeteiligungen und Subventionen wettern und dann selbst die Hand aufhalten.“

          In diesem Zusammenhang sorgte auch ein Kommentar des Chefredakteurs Eric Gujer intern wie extern für Kopfschütteln. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem die NZZ-Aktionäre mit großer Mehrheit die Dividendenausschüttung beschlossen, schrieb er im Leitartikel auf Seite eins: „Die Corona-Krise besiegen wir nur mit Selbstverantwortung, nicht mit Seuchen-Sozialismus.“ Und dann plädierte er für „weniger Dividenden und Boni für das Geschäftsjahr 2020“. 2020? Als ob es den mit Mitteln der Allgemeinheit gestützten Unternehmen, einschließlich der NZZ, nicht guttäte, auch schon die Gewinne aus dem Jahr 2019 in der Bilanz zu halten, anstatt sie auszuschütten. In der Redaktion fürchtet man jetzt umso größere Sparrunden; auch von möglichen Entlassungen ist die Rede.

          Eine vergleichbare Angst geht in den Redaktionen der TX Group (vormals Tamedia) um, zu der Zeitungen wie der Züricher „Tages-Anzeiger“, die „Basler Zeitung“ und „Der Bund“ in Bern gehören. Auch dort ist man entsetzt darüber, dass TX an den Dividendenplänen festgehalten und für das Geschäftsjahr 2019 insgesamt 37 Millionen Franken an die Aktionäre ausgeschüttet hat, obwohl in den Redaktionen Kurzarbeit eingeführt wurde. Das Vertrauen zur Verlagsführung sei schwer erschüttert, sagt ein Redakteur, der nun mit einer harten Sparwelle und einem schmaleren Leseangebot rechnet. Damit werde in dieser nachrichtenstarken Zeit die Chance verpasst, dauerhaft neue Abonnenten zu gewinnen.

          Das Verhalten der beiden Medienhäuser sorgt über deren Mauern hinaus für Unmut. Wie die linke „Wochenzeitung“ (WOZ) berichtete, wollte die für Medien zuständige Ministerin Simonetta Sommaruga den krisengeschüttelten Verlagen kurzfristig mit Soforthilfen von 78 Millionen Franken unter die Arme greifen. Doch mit diesem Vorstoß konnte sich die Sozialdemokratin in der Mehr-Parteien-Regierung in Bern nicht durchsetzen. Anderen Regierungsmitgliedern stieß offenbar sauer auf, dass NZZ und TX Dividenden zahlten, obwohl sie Kurzarbeitergeld beanspruchten. Das Schweizer Online-Magazin „Republik“ fragte den Verleger Peter Wanner („Aargauer Zeitung„), ob die beiden Verlage der Medienbranche also einen Bärendienst erwiesen hätten. Seine Antwort: „Ich bin überzeugt, ein solidarischer Dividendenverzicht hätte in dieser schwierigen Situation der gesamten Branche geholfen.“

          Ganz im Regen stehen lässt die Regierung die Verlagshäuser freilich nicht. Am Mittwoch machte sie den Weg frei für die schon länger geplante öffentliche Stützung von Online-Medien (30 Millionen Franken) und die Aufstockung der indirekten Presseförderung um 20 auf 50 Millionen Franken im Jahr. Letztere bezieht sich auf die Subventionierung der Postzustellung, die bisher auf Titel mit einer Auflage von bis zu 40000 Exemplaren begrenzt war. Von der Aufhebung dieser Obergrenze profitieren also die größeren Zeitungen – wie die NZZ und der „Tages-Anzeiger“.

          Korrektur: Im Vorspann des Artikels hieß es in einer vorherigen Version, die NZZ habe 37 Millionen Franken Dividenden ausgeschüttet. Das war ein bedauerlicher Fehler, gemeint waren 8 Millionen.

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