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„Meister des Todes 2“ im Ersten : Die Warlords von nebenan

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Das gute und das schlechte Gewissen: Anwältin Christiane Schuhmann (Katharina Wackernagel) und Sabine Stengele (Veronica Ferres), die Witwe eines HSW-Managers Bild: SWR

Waffen aus Deutschland, scheinbar legal geliefert und nun in den falschen Händen gelandet: Daniel Harrich hat die Fortsetzung des Investigativ-Dramas über Heckler & Koch gedreht.

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          Deutsche Waffen, deutsches Geld – morden mit in aller Welt“: Was Demonstranten vor dem Landgericht Stuttgart skandieren, ist nicht nur ein erstaunlich treffgenauer Slogan-Klassiker der Friedensbewegung, sondern auch bereits das Fazit dieses Films sowie seines mit einem Grimme-Preis bedachten Vorgängers „Meister des Todes“ aus dem Jahr 2015. Auch in der Titelfrage haben sich Filmemacher Daniel Harrich und der abermals als Mitautor tätige Gert Heidenreich für die Fortschreibung entschieden: „Meister des Todes 2“, das wirkt beinahe schon trotzig ungelenk. Dahinter mag Kalkül stecken, denn als Investigativ-Drama – den Grimme-Preis gab es 2016 (übrigens erstmals) für „Besondere journalistische Leistung“ – will der Film Anforderungen ans Spannungserzählen allenfalls nebenbei erfüllen. Der ersten Produktion war es aber hervorragend gelungen, jahrelange investigative Recherchen mit einer packenden, individuellen, gut gespielten Handlung zu verbinden.

          Schon damals ging es um unsaubere Waffenexporte nach Mexiko. Hinter der fiktiven Rüstungsfirma HSW war unschwer der Waffenproduzent Heckler & Koch zu erkennen, und tatsächlich gelang es dem unter Geheimhaltung produzierten Spielfilm und der Dokumentation „Tödliche Exporte“, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Die Grundlage des engagierten Films bildeten Friedensaktivisten zugespielte Informationen, die belegten, dass an „belieferungsfreie“ mexikanische Bundesstaaten verkaufte Waffen von Heckler & Koch – etwa G36-Sturmgewehre – doch zu großen Teilen in „verbotene“ Unruheprovinzen wie Chiapas und Guerrero gelangt sind. Die „Endverbleibserklärungen“, die sich deutsche Behörden ausstellen ließen, waren das Papier nicht wert, auf denen sie standen. Der Verdacht stand im Raum, Bestechungsgelder seien geflossen.

          Plakatives Gerichtsdrama mit angestückter Seitenhandlung

          Kurzzeitig ermittelte die Staatsanwaltschaft München sogar gegen Harrich und gegen den Aktivisten Jürgen Grässlin. Vorgeworfen wurde ihnen die Veröffentlichung von Akten in einem laufenden Verfahren. Dieses Verfahren führte 2018 immerhin zu mehreren Gerichtsverfahren gegen deutsche Waffenhersteller. Es kam zwar nur zu wenigen Verurteilungen von Personen aus der zweiten und dritten Reihe – auch hier nur zu Bewährungsstrafen –, sichtbar aber wurde die Unwirksamkeit bestehender Kontrollprozesse. Nun also folgt die halbfiktive Antwort auf die juristische Aufarbeitung, und sie will uns zeigen, welch eine Farce dieser Prozess gewesen ist und wie tief Regierungsmitarbeiter in die Machenschaften der Waffenlobby verstrickt seien.

          Die Idee, den eher betrüblichen Fortgang der Dinge auch in der fiktiven Variante zu spiegeln, ist gut und richtig. Leider macht Harrichs Team filmisch aber eine Menge falsch, so dass am Ende ein plakatives Gerichtsdrama mit leider angestückt anmutender, emotional zugespitzter Seitenhandlung in Mexiko herausgekommen ist. Letztere lehnt sich an die Entführung und Ermordung von 43 mexikanischen Studenten im Jahr 2014 an, wirkt aber wenig authentisch, was schon damit beginnt, dass alle Beteiligten fließend Deutsch miteinander sprechen und mexikanische Polizisten auf die erste Frage hin ins (Aus-)Plaudern geraten. Wo es in der Prozesshandlung Dramatik braucht, wird aus dem Nichts ein Herzinfarkt inszeniert. Der wahre Ablauf hätte durchaus gereicht.

          Die Besetzung kann sich sehen lassen: Axel Milberg gibt den gerissenen HSW-Geschäftsführer wieder mit Bravour. Doch Heiner Lauterbach (etwas hölzern) und Udo Wachtveitl (arg süffisant) glänzen als mitangeklagte Vertreter der Führungsebene weit weniger als 2015. Neu hinzugekommen sind Désirée Nosbusch als befremdlich parteiisch wirkende Richterin, Oliver Mommsen als kleinlauter Staatsanwalt und Katharina Wackernagel als Menschenrechtsanwältin und vollständige Klischeefigur. Der größte dramaturgische Fehlgriff war es aber, die Ehefrau des zum Schuldigen gestempelten ehemaligen HSW-Vertriebsleiters Stengele zur Hauptfigur zu machen: Veronica Ferres stolpert als Verkörperung des schlechten Gewissens schwäbischen Ingenieurstolzes durch die Handlung. Sie tut das schluchzend, saufend und ostentativ kaputt, doch beim kleinsten Lichtblick wieder strahlend. Nichts davon wirkt im Ansatz glaubhaft. Natürlich wandelt sich die Mitläuferin zur Kämpferin. Kein Stereotyp auslassend, wurde der Figur gar noch ein Waffen-SS-Vater angedichtet.

          Die üblichen belastenden Unterlagen tauchen auf, gelangen in den Prozess, werden missachtet. Damit hat die hemdsärmelige, sogar leicht kitschig exotische Mexiko-Handlung (warmes Rot statt kaltem Blau) ihre Schuldigkeit getan. Mehr und mehr verdichtet sich der mit Erklärdialogen durchsetzte Film zur Anklage gegen die Anklage. Sogar Befangenheit des Gerichts wird angedeutet. Das wütende Resümee darf der aus Südamerika eingeflogene, um seine Hoffnung auf den deutschen Rechtsstaat betrogene Betroffene äußern: „Hier ist alles nur ein bisschen sauberer, aber es ist dieselbe Scheiße wie in Mexiko.“ Wer es genauer wissen möchte, für den gibt es die Anschluss-Dokumentation.

          Meister des Todes 2, heute um 20.15 Uhr im Ersten. Im Anschluss folgt Tödliche Exporte – Rüstungsmanager vor Gericht.

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