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Festival lädt Lisa Eckhart aus : „Wir weichen der Gewalt“

Lisa Eckhart sollte am „Harbour Front Literaturfestival“ teilnehmen, um aus ihrem Roman „Omama“ zu lesen. Bild: dpa

Die Kabarettistin Lisa Eckhart sollte in Hamburg an einem Literaturwettbewerb teilnehmen. Weil der „Schwarze Block“ der Antifa aufmarschieren will, wird sie ausgeladen. Das ist ein Menetekel.

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          „Speicherneid? Backsteinbedarf?“ Wer über solches verfügt und in Hamburg nach einer passenden Lokalität für eine Feierlichkeit sucht, dem kann der „Nochtspeicher“ weiterhelfen. 185 Quadratmeter stehen im Erdgeschosssaal zur Verfügung, weitere 160 Quadratmeter hat die „Nochtwache“ zu bieten – „für Ihre eigene Festivität“, wie es in der Werbung heißt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Für die Kabarettistin Lisa Eckhart allerdings gilt das nicht. Sie sollte am 14. September beim „Debütantensalon“ auftreten, einem Wettbewerb des „Harbour Front Literaturfestivals“. In diesem konkurrieren acht Autorinnen und Autoren um den mit zehntausend Euro dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis. In vier Salons treten jeweils zwei Kandidaten auf und lesen aus ihren Debütromanen. Ausgewählt werden sie von einer Vorjury, deren Wahl in diesem Jahr unter anderem auf Lisa Eckhart mit ihrem Roman „Omama“ fiel. Doch dann wurde die Lesung mit Lisa Eckhart abgesagt, sie wurde sogar aus dem Wettbewerb ausgeladen.

          Dafür führt der Leiter des Festivals, Nikolaus Hansen, im Gespräch mit dieser Zeitung zwei Gründe an. Beim „Debütantensalon“ stelle man die Autorinnen und Autoren immer paarweise vor. Zuerst habe sich ein Kandidat, der mit Lisa Eckhart auf die Bühne sollte, geweigert, das zu tun. Aus Angst, dies könne als Zeichen verstanden werden, er sei mit irgendetwas von dem, was Lisa Eckhart im September 2018 in einer Ausgabe der ARD-Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ gesagt hatte, einverstanden. Dann machte ein zweiter Autor, der schon zugesagt hatte, ebenfalls einen Rückzieher. Daraufhin, erzählt Nikolaus Hansen, habe man die Veranstaltung geteilt, jeder Debütant sollte seinen eigenen Salonauftritt bekommen. Doch dann – hätten die Betreiber des „Nochtspeichers“ kalte Füße bekommen, weil Drohungen des „Schwarzen Blocks“ der Antifa eingegangen seien. Unter Polizeischutz wolle man die Lesung auch nicht anberaumen, weil dies die Geschäftstätigkeit in dem „linken“ Viertel, in dem der „Nochtspeicher“ angesiedelt ist, unmöglich mache.

          Daraufhin, sagt Festivalchef Hansen, sei man an das Management von Lisa Eckhart herangetreten und habe sie gebeten, sie möge sich von sich aus aus dem Wettbewerb zurückziehen. Dies habe die Kabarettistin – verständlicherweise – abgelehnt. Um den Wettbewerb aufrechterhalten zu können, habe man sich dann entschieden, sie auszuladen.

          Alarmiert: Dieter Nuhr
          Alarmiert: Dieter Nuhr : Bild: dpa

          Glücklich ist der gelernte Verleger Hansen, der auf eine Karriere bei Rogner & Bernhard, Rowohlt, dem Arche und dem Atrium Verlag zurückblickt und das Harbour Front Literaturfestival 2009 mit dem Verleger Peter Lohmann aus der Taufe hob und mit Petra Bamberger und Heinz Lehmann leitet, ganz und gar nicht. Im Gegenteil. „Für uns war der Text von Lisa Eckhart in den ,Mitternachtsspitzen‘ kein Anlass, sie nicht einzuladen. Ihr Debütroman ,Omama‘ war der Anlass, sie einzuladen“, sagt er. Relativierend fügt er hinzu: „Es ist nicht so, dass Lisa Eckhart der Mund verboten wird. Ihr Buch erscheint, sie hat eine Lesung im Hamburger Literaturhaus.“ Mit dem „Debütantensalon“ stehe man in einer besonderen Konstellation: „Aufgrund der Situation, die sich um Lisa Eckhart gebildet hat, können wir den Wettbewerb, wie wir ihn vorhatten und seit zehn Jahren gestalten, leider nicht mehr machen. Mich erinnert das an Weimarer Verhältnisse. Wir weichen einer Gewalt, aber es gibt auch keinen eleganten Weg, der Gewalt nicht zu weichen.“

          Die Verantwortlichen des „Nochtspeichers“ äußerten sich auf Anfrage nicht. Dafür meldete sich der Kabarettist Dieter Nuhr auf Facebook zu Wort – für dessen erst für ihre Website eingeworbenes und dann gelöschtes Audiostatement zum Thema Wissenschaft die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) endlich den richtigen Umgang gefunden hat. „Der Protestmob auf den Straßen entscheidet also darüber, wer hier bei uns seine Kunst ausüben darf“, schreibt Nuhr mit Blick auf die „mit der Begründung, es ,könnte im linken Viertel Proteste geben‘“, geäußerten „Sicherheitsbedenken“. Man müsse „nun endlich darüber diskutieren, was Freiheit der Rede heute noch bedeutet. Wer Lisa Eckart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig. Ich fürchte, bei einigen ist es eine Mischung aus beidem.“

          Weiter heißt es, sie stehe „als Künstlerin mit einer verstörenden Kunstfigur auf der Bühne, die eine Performance abliefert, die an Relevanz und Irritation nichts zu wünschen übrig lässt. Der Künstlerin Lisa Eckart ist Antisemitismus völlig fremd. Die Anschuldigung ist eine lächerliche Diffamierung. Der linke und der rechte Mob wünscht sich offenbar nun eine Kunst, die linientreu den eigenen Ideologien folgt. Wer da nicht hinein passt, wird mundtot gemacht. Das Auftrittsverbot ist eine klare Entscheidung gegen die künstlerische Freiheit. Die fadenscheinige Begründung Antisemitismus soll das Ganze moralisch untermauern. Aber Lisa Eckart ist keine Antisemitin. Sie ist nur nicht links genug. Der Vorwurf des Antisemitismus ist lediglich der perfide Versuch, eine politisch verdächtig eigenständig denkende Person zu diskreditieren.“ Selbst vor „totalitären Maßnahmen wie einem Auftrittsverbot“ schrecke man nicht mehr zurück, dem müsse entgegengesteuert werden.

          Der Vortrag, an dem sich die Kritik entzündet, die in Hamburg nun in der Tat ins Totalitäre umschlägt und die von Linken und Rechten vor allem im Netz gepflegte „Cancel Culture“, die oft nichts anderes als persönliche Vernichtung bedeutet, auf die Straße trägt, hieß „Die Heilige Kuh hat BSE“. Im September 2018 bei den „Mitternachtsspitzen“ vorgetragen, blieb er lange unbeachtet – bis im Mai dieses Jahres ein Sturm dagegen aufzog. Dieser hatte mit dem zwischenzeitlichen Erstarken der MeToo-Debatte zu tun; mit dem als Sextäter verurteilten Filmproduzenten Harvey Weinstein; dem immer noch nicht vollständig aufgeklärten Skandal um Jeffrey Epstein, der einen Sexhandel mit Minderjährigen betrieb; und mit gewalttätigem Antisemitismus, gipfelnd im Attentat auf die Synagoge von Halle.

          Bei Lisa Eckhart kamen nur Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen vor – und eine ganze Reihe anderer, die sie unter dem Satz subsummierte: „Was ist denn das für ein sittlicher Inzest, wenn ein Opfer sich an einem Opfer vergreift?“ Im Fall der drei Genannten rekurrierte sie darauf, dass sie Juden sind, und verband dies mit gängigen antisemitischen Vorurteilen, in Sätzen wie „Denen geht’s wirklich nicht ums Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld“. Es sei „nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen“.

          Dass sich Lisa Eckhart als Person solche Sätze zu eigen macht – diesen Eindruck wird man kaum haben dürfen. „Wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten“, sagte Eckharts Kunstfigur auf der Bühne, sei dies „der feuchte Albtraum der politischen Korrektheit“. Den malt sie so drastisch aus, dass man ihre Gratwanderung aber auch durchaus für misslungen halten darf. Vom „Schwarzen Block“ freilich werden Eckharts Unkenrufe auf die „politische Korrektheit“ nur bestätigt. Dass der Verleger Hansen „Weimarer Verhältnisse“ aufruft, sagt alles.

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