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„Charlie Hebdo“-Prozess : War es das wert?

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Dieses Bild des Gerichtszeichners zeigt Laurent Sourisseau von Charlie Hebdo bei seiner Aussage neben seinem Anwalt Richard Malka im Pariser Gericht. Bild: AFP

Der Prozess gegen die Attentäter auf “Charlie Hebdo“ wühlt schmerzhafte Erinnerungen auf. Aber einen ersten kleinen Sieg über die Angeklagten konnten die Zeichner der Satirezeitung verbuchen.

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          Vor etwas mehr als einer Woche, am Mittwoch, den 2. September 2020, hat in Paris ein Prozess begonnen, der schon jetzt als „historisch“ gilt: der Prozess über die islamistischen Terroranschläge des 7., 8. und 9. Januar 2015, bei denen in der Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris, im Vorort Montrouge, und im „Hyper Casher“-Supermarkt von Vincennes insgesamt siebzehn Menschen getötet und weitere verletzt wurden. Es ist der Prozess, in dem jener Bruch aufgearbeitet werden könnte, den diese Tage bedeutet haben – nicht nur für die Opfer und ihre Angehörigen, sondern für das ganze Land. Es ist der erste in Sachen Terrorismus, der für die Nachwelt auf Video aufgezeichnet wird. Und es ist auch der Versuch des Staates, Kontrolle zurückzuerlangen.

          Neben den Hauptklägern gibt es zweihundert Nebenkläger und über achtzig Rechtsanwälte. Die Täter selbst, die Brüder Chérif und Said Kouachi sowie der mit ihnen befreundete Amedy Coulibaly, werden an dieser neunundvierzig Tage dauernden Verhandlung nicht teilnehmen. Sie werden sich nicht vor Gericht verantworten müssen, da sie am 9. Januar 2015 bei Polizeieinsätzen getötet wurden. Stattdessen sitzen vierzehn Hintermänner für „Beihilfe oder Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung“ auf der Anklagebank. Elf davon sind physisch anwesend, zwei weitere sollen umgekommen sein, Hayat Boumeddiene, Coulibalys Ehefrau, war wenige Tage vor den Anschlägen nach Syrien geflüchtet.

          Das brutale Wiedererleben

          In den ersten Wochen geht es um „Charlie Hebdo“, und so fand der Auftakt des Prozesses am vorvergangenen Mittwoch nicht nur im hochbewachten Justizpalast, sondern auch an den französischen Kiosken statt: Dort sah man auf dem Cover von „Charlie“ die 2006 erstmals gedruckten Mohammed-Karikaturen, die vermeintlich zum Anschlag geführt haben, darüber stand: „Tout ça pour ça“. All das für das. Mit der impliziten – noch immer diskutierten – Frage: War es das wert, für Bilder zu morden? Aber auch: War es das wert, für Bilder zu sterben? (Das Terrornetzwerk Al Qaida drohte nach der Wiederveröffentlichung mit erneuten Anschlägen).

          Riss, der heutige Redaktionsleiter, der den Anschlag mit einer angeschossenen Schulter überlebt hat, beantwortete diese Frage zu Beginn der Woche mit einem klaren „Ja“. Die Alternative wäre, in Unfreiheit zu leben, deshalb bereue er es nicht, diese Karikaturen, die der Zeitschrift bereits 2011 einen Brandanschlag eingebracht hatten, veröffentlicht zu haben. Deshalb sei es auch wichtig, es heute noch einmal zu tun. Denn dieser Prozess, so sagte es der „Charlie Hebdo“-Anwalt Richard Malka vor kurzem – und so hoffen es Opfer und Angehörige –, soll auch der der Meinungsfreiheit sein. Bisher war es vor allem der des Kennenlernens dieser Nebenmänner, Kriminelle, die ihre eigene Rolle im Geschehen (Waffenbeschaffung etc.) konsequent herunterspielen. Es war aber auch der des brutalen Wiedererlebens des ersten Anschlagstags: Es wurden Bilder gezeigt, Überwachungsvideos, die vorführen, wie die Kouachi-Brüder in die Redaktion eindringen und fast zwei Minuten lang mit einer Kalaschnikow auf die Konferenzteilnehmer schießen. Die Überlebenden, auch solche, von denen man noch nie gehört hatte, erzählten ganz eindringlich, was sie erlebt haben, wie es roch, wie es sich anfühlte, was sie dachten, und vor allem, wie sie seitdem überleben.

          Der bisher vorletzte, der siebte Tag war ein Tag der Erinnerung. Angehörige sprachen über die Opfer, über Charb, Cabu, Honoré, über ihre Leidenschaft fürs Zeichnen, für die Freiheit, für das Lachen. An diesem Tag, so glauben einige erkannt zu haben, hat „Charlie“ einen ersten kleinen Sieg verbucht: Als man eine Zeichnung von Charb an die Wand projizierte, auf der eine Frau in Burka ihren nackten Hintern präsentiert und singt „Jeder tut tut tut, was ihm gefällt fällt fällt“, konnten die Angeklagten in ihrer Box es sich nicht verkneifen: Sie lachten!

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