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ARD-Film „Verunsichert“ : Des Räubers künstlerische Freiheit

  • -Aktualisiert am

Versicherungsfall Strelau: Judith (Karoline Bär, rechts) ist Franziskas (Henny Reents) beste Freundin und Sachbearbeiterin einer skrupellosen Versicherung. Bild: WDR/Zeitsprung Pictures/Guido En

Eine ehemalige Schadensreguliererin wendet sich gegen die Versicherung, bei der sie gearbeitet hat: Wie weit ist es her mit der „wahren Begebenheit“, die das tragende Fundament von „Verunsichert“ darstellt?

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          Eine Versicherung gegen platte Fernsehfilme, die mit gutgemeintem Furor selbst der nobelsten Sache einen Bärendienst erweisen – das wär’s doch! Sobald der Claim „nach einer wahren Begebenheit“ aufscheint, würde schon die halbe Versicherungssumme fällig, spätestens aber, sobald der im Kunstschnee sitzende Obdachlose ins Bild kommt, für den einzig die Protagonistin neben Kleingeld auch ein gutes Wort übrig hat (hier nach anderthalb Minuten, da haben wir bereits den Suizid eines Versicherungsopfers hinter uns). Dass eine solche Police hierzulande niemand anbietet, versteht sich, schließlich will die Assekuranzbranche Profit machen. Und für Schmerzensgeldforderungen anlässlich des öffentlich-rechtlichen „Themenfilms“ reichten selbst Rekordrücklagen kaum aus.

          „Verunsichert“ in der Regie von Jörg Lühdorff, der auch das Drehbuch schrieb – nicht immer ist diese Engführung ein Vorteil –, erzählt unter Berücksichtigung aller nur denkbaren Fernsehfilm-Klischees die hundertfach gesehene Heldenreise einer Moralistin, die wacker den Kampf gegen einen bis ins Mark gewissenlosen und übermächtigen Gegner aufnimmt und dabei über sich selbst hinauswächst.

          Für die keineswegs nur als Dorfpolizistin überzeugende Henny Reents gilt Letzteres zumindest in Ansätzen: Wie sie trotz der Neigung ihrer Figur, sich schnell verunsichern zu lassen, Stärke zeigt, ohne die grundlegende Unsicherheit abzustreifen, das ist nuanciert gespielt. Auch den üblichen schrägen Mentor gibt es, einen in den Alkohol abgestürzten Anwalt – natürlich aus tragischen Gründen: „Er war nicht immer so“ –, den nicht einmal der sonst fast alles könnende Martin Brambach zu einer interessanten Figur aufzubrambachen versteht.

          Mitschuld am Suizid?

          Gegen die milliardenschwere Aescuria-Versicherung anzutreten ist für die Heldin auch eine Abbitte dafür, selbst viele Jahre für diesen Konzern gearbeitet und unter anderem den eingangs gesehenen Suizid eines bis zur Verjährung seiner Ansprüche hingehaltenen Mannes mitverschuldet zu haben. Von diesem Tod erfährt Franziska Schlüter just in dem Moment, in dem sie befördert werden soll, und zwar aus dem Mund ihres charmant jovialen und zugleich eiskalten Chefs (Steve Windolf). Ein besonders lächerlicher Regieeinfall ist es, diesen Schnösel als yuppiehafte Chefgeste unablässig einen Tennisball auftitschen zu lassen. Für ihn ist das alles nur ein Spiel.

          Der Suizid führt zum Erwachen der Heldin: Es gibt kein Richtiges im Falschen. Sie kündigt und vertritt als Anwältin einen Versicherungskunden gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber. Bei dem Mandanten handelt es sich zufällig um Franziskas Nachbarn, noch zufälliger wird die Auszahlung der Versicherungssumme an den schwerbehinderten Familienvater von Franziskas bester Freundin (Karoline Bär) verschleppt, die weiter bei der Aescuria arbeitet.

          Der als prototypisch apostrophierte Fall zieht sich über Jahre und ist auch dramaturgisch zäh. Dabei wird die Botschaft wieder und wieder unterstrichen, sei es durch Sentimentalitäten (der Klient muss für die Gerichtskosten das Studiengeld der Tochter angreifen), durch direkte Aussprache („Was ist das denn für eine menschenverachtende Haltung?“) oder durch Karikieren des Gegners. Feixend unterhalten sich etwa Franziskas Exkollegen auf dem Gerichtsflur: „Sie hat einfach vermutlich zu viele schlechte Anwaltsserien gesehen.“ „Das hier ist auf jeden Fall eine Tragödie: die Selbstzerstörung einer Frau.“

          Zu den ermattenden Dialogen kommt das Unvermögen, eine minimal anregende Nebenhandlung zu entwerfen. Ganz ohne Story-Anbindung kommt sogar eine Szene im Bundesjustizministerium aus, in der die Heldin mit durchaus nachvollziehbarer Begründung eine Beweislastumkehr fordern darf. Gut gemeint ist das sicher, filmisch ein Fiasko.

          Wie weit ist es aber nun her mit der „wahren Begebenheit“, die das tragende Fundament der Vermarktung dieses Themenfilms darstellt? Er lehnt sich an die Biographie der Bonner Juristin Beatrix Hüller an, selbst ehemals Schadensreguliererin bei einer Versicherung und heute medienbekannte Kritikerin von Versicherungsmethoden. Die Entscheidung, fortan als Fachanwältin für Versicherungsrecht zu arbeiten, traf Hüller, die im Film einen kleinen Camouflage-Auftritt als Richterin hat, nach dem Fall eines todkranken Mannes, den sie mit Attestforderungen hinhielt, obwohl er nicht mehr lange zu leben hatte. Schon die Suizid-Szene war also: künstlerische Freiheit. Und alles Weitere jenseits des Grundsätzlichen wohl auch.

          Schlimmer ist, dass der Film trotz aller Erklärdialoge beinahe nichts erklärt. Dass nach vielen Fusionen nur noch wenige Weltkonzerne den Versicherungsmarkt dominieren, kommt so wenig zur Sprache wie deren verfehlte Strategie der eigentlich viel zu niedrig bepreisten Policen, das Aufbrauchen der Rücklagen zur Bilanzschönung oder die aktive Einflussnahme der Konzerne auf die juristische Aus- und Fortbildung. Dass seit einigen Jahren die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) für die – eingeschränkte – Aufsicht der Versicherungskonzerne in Deutschland zuständig ist, muss auch nicht unbedingt optimistisch stimmen. Daraus sollte sich doch ein spannender, komplexer Wirtschaftskrimi entwickeln lassen. Lühdorff aber entschied sich für einen J’accuse-Film voller Betroffenheitspathos (und grenzwertiger Werbung für Hüllers Kanzlei), vielleicht, um sich gegen maue Quoten abzusichern. Pathos und Empörung ziehen schließlich immer.

          Verunsichert läuft heute, Mittwoch 9. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

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