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Streit um Lebensmittelpreise : Wie gut kann billig sein?

Bei der Wurst geht es um den Preis – und beim Preis um die Wurst, zumindest am Montag im Bundeskanzleramt Bild: dpa

Über die Preise im Lebensmittelhandel gibt es unterschiedliche Ansichten. Zu niedrig, sagen die einen. Genau richtig, die anderen. Jetzt will es die Bundeskanzlerin wissen.

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          Es herrscht Unruhe in den Reihen des Publikums. „Da kann ich nicht zuhören.“ „Die lebt im Mondland.“ „Da kann ich ja gleich einschlafen.“ Auf dem „Frische Forum Fleisch“ der Grünen Woche haben sich Vertreter der Fleischbranche getroffen. Sie alle ärgern sich. Der Grund: Dietlinde Quack hält einen Kurzvortrag. Sie ist Wissenschaftlerin am Öko-Institut in Freiburg. Auf den Folien ihrer Powerpoint-Präsentation geht es um den Konsum von Fleisch. Quack sagt: Die Deutschen achten heute mehr auf die Qualität als auf den Preis. Die Besucher des Vortrages, hauptsächlich Hersteller, Metzger und Landwirte, verdrehen die Augen. Denn das glaubt hier keiner.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat ein Problem mit unseren Lebensmitteln. Sie seien viel zu günstig. Die Preisgestaltung, vor allem für manches Fleisch im Discounter, nennt sie „unanständig“. Schuld daran hat für Klöckner aber nicht der deutsche Konsument, sondern vor allem einer: der deutsche Lebensmittelhandel. Den Vorwurf der Dumpingpreise wiederholt die Ministerin immer wieder. Im Nachgang des sogenannten Agrargipfels hat Angela Merkel die wichtigsten Handelsvertreter am Montag ins Kanzleramt bestellt, um über faire Lebensmittelpreise zu diskutieren. Damit reagiert die Regierung auf die Bauernproteste und die Wut der Landwirte gegenüber der Niedrigpreispolitik im Handel.

          Stark umkämpfte Branche

          Der Lebensmittelhandel in Deutschland gilt als stark umkämpft. Nur wenige Anbieter gibt es auf dem Markt, da aber alle essen müssen, ist die Nachfrage hoch. Vor allem vier Händler dominieren das Geschäft: Die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, Aldi, Rewe und Edeka. Und diese Konzerne sind es auch, die um die Kunden buhlen – am liebsten mit niedrigen Preisen. Denn in kaum einem Land gibt es so günstig Lebensmittel wie in Deutschland.

          Aber sind sie zu günstig? Einer, der weiß, wie die Preise im Handel zustandekommen, ist Jan Bock. Er leitet den Einkauf des größten Discounters in Europa, Lidl. Der Berufsgruppe eilt ihr Ruf voraus: Sie soll steinhart sein, wenn es um Preisverhandlungen geht. So mancher Hersteller habe Bauchschmerzen in den Gesprächen. So schlimm sei es dann auch wieder nicht, sagt Bock. Schließlich gebe es einen Verhaltenskodex, an den sich jeder halten muss. Ein guter Einkäufer? „Butterweich sollten sie sicher nicht sein“, sagt er. „Wir müssen das gute Preis-Leistungs-Verhältnis auch verhandeln.“

          Dass der Discounter für seine Kunden den besten Preis aushandeln will, daraus macht Bock keinen Hehl. Kritik, wie die von Ministerin Klöckner, höre die Branche nicht das erste Mal. „Es stimmt, dass der deutsche Einzelhandel auch preisaggressiv ist“, sagt Bock. Ein niedriger Verkaufspreis sei trotzdem nicht aussagekräftig, denn der habe längst nicht immer etwas mit dem Einkaufspreis zu tun. Lidl verfüge über effiziente Prozesse und kaufe seine Ware in der Regel direkt beim Produzenten: „Das ist ein großer Vorteil. Und diesen Vorteil geben wir gerne an unsere Kunden weiter.“

          Nicht nur die Händler arbeiteten immer effizienter. In den vergangenen Jahrhunderten profitierten auch die Landwirtschaft und die Produktion von effizienteren Strukturen – oder salopp gesagt: dem technischen Fortschritt. Denn mit der Einführung von Kunstdünger und Maschinen sanken die Kosten für die Herstellung von Lebensmitteln. Und das sei auch gut so, sagt Betriebswirt Rainer Kühl von der Universität Gießen. Vor allem der Konsument profitiere von den günstigen, aber trotzdem hochwertigen Lebensmitteln.

          Profitiert hat natürlich auch der Handel, das weiß Bock. Er spricht schnell, gestikuliert wild, begründet die Preissetzung mit der Marktwirtschaft und dem, was jeder Ökonomie-Student in der ersten Vorlesung lernt: dem Marktgleichgewicht. „Wir haben ein System, bei dem Angebot und Nachfrage sich treffen. Daraus entwickelt sich der Preis.“

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