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Start-up Dreamstage : Digitale Konzerte in Netflix-Qualität

Die Startseite von Dreamstage Bild: Screenshot F.A.Z.

Ein ehemaliger Bertelsmann-Vorstand, ein IT-Unternehmer und der Leiter der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, wollen Musikern eine digitale Bühne bieten – mit Kartenverkauf, Interaktion und in hoher Stream-Qualität.

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          Den ersten 24-Stunden-Livestream mit New Yorker Künstlern hat Jan Vogler Ende März auf die Beine gestellt. Zum bisherigen Höhepunkt der Coronakrise in der Metropole spielte der prominente Cellist und Leiter der Dresdner Musikfestspiele wie viele bekannte Musiker in der eigenen Wohnung. Die Aktion erreichte rund 50.000 Zuschauer und erzeugte auch im Nachgang viel Resonanz, berichtet Vogler. Auf Basis dieser Erfahrung ist gemeinsam mit dem früheren Bertelsmann-Vorstand und Sony-Music-Manager Thomas Hesse eine Geschäftsidee entstanden.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „In Folge des Konzertstopps gab und gibt es viele Live-Streams, aber die sind fast alle gratis und obendrein oft von schlechter Qualität“, sagt Hesse. Das helfe den Künstlern, denen die wichtigen Konzerteinnahmen weggebrochen sind, kaum weiter. Mit „Dreamstage“ wollen die beiden nun Musikern eine digitale Bühne bieten, auf der sie Konzerte in hoher Qualität streamen und gleichzeitig dafür Karten verkaufen sowie mit den Fans interagieren können.

          Digitale Shows, für die Nutzer zahlen mussten, gab es in den vergangenen Wochen freilich schon einige – etwa von der norwegischen Metal-Band Kvelertak oder kürzlich das aufgezeichnete Konzert von Nick Cave. Das Elektro-Festival Tomorrowland erreichte mit seiner digitalen Ausgabe laut dem Veranstalter sogar mehr als eine Million Nutzer bei einem Tagespreis von 12,50 Euro. Wer gleich das ganze Wochenende dabei sein wollte, zahlte 20 Euro und kann auch im Nachgang noch auf die Sets der Künstler zugreifen.

          „Künstler soll kein Risiko eingehen müssen“

          Das soll bei Dreamstage nicht möglich sein. „Uns ist enorm wichtig, dass die Konzerte live sind“, sagt Hesse. „Nur so überträgt sich die besondere Spannung und Atmosphäre“. Das Aufnehmen des Auftritts sei relativ unkompliziert und auch für kleinere Musiker mit vergleichsweise bescheidenem Equipment möglich, erklärt Jan Vogler: „Da braucht es an sich nur Kameraleute und einen guten Tonmeister.“ Das Problem sei die digitale Infrastruktur, um das Angebot kostenpflichtig zu machen und den Stream in guter Qualität in die ganze Welt zu senden.

          „Wir haben einen Partner gefunden, der normalerweise nur sehr große Übertragungen macht und uns seine Technik für jedes Konzert zur Verfügung stellt“, sagt Hesse. Wer Netflix gewohnt sei, bekomme eine vergleichbare Qualität, sodass das Konzert auch auf dem heimischen Fernseher wirke. Für die technische Umsetzung der Prozesse im Hintergrund ist der dritte im Bunde, Scott Chasin, verantwortlich, ein ehemaliger Technik-Vorstand von McAfee und Gründer des IT-Sicherheitsunternehmens Protectwise.

          Öffnen

          „Wir verstehen uns als Dienstleister für die Künstler indem wir neben der Übertragung des Live-Konzerts auch die Verbindung zu den Fans herstellen“, so Hesse. Der überwiegende Anteil der Umsätze gehe nach Abzug etwa der Produktions- und Marketingkosten derweil an die Musiker. „Mir ist es sehr wichtig, dass ein Künstler möglichst kein Risiko eingehen muss“, betont Vogler. „Denn wir befinden uns mit dem Wegfall der Auftrittsmöglichkeiten aktuell in einer äußerst dramatischen Situation“. Ein renommierter Künstler könne das überstehen, aber für andere gehe es teilweise um die Existenz.

          Ticketpreise zwischen 15 und 35 Dollar

          Falls gewünscht, hilft Dreamstage gegen Gebühr bei der Umsetzung der Produktion und der Vermarktung. Grundsätzlich sollen die Musiker aber völlig frei sein bei der Umsetzung ihres Auftritts – sei es mit Blick auf den Ort oder die Inszenierung. Der Preis für die Tickets auf Dreamstage werde wohl je nach Künstler und dessen Fanstruktur zwischen 15 und 35 Dollar liegen, sagt Hesse: „Wir haben ja Erfahrung mit der Preisgestaltung von Konzerten und konnten in den vergangenen Monaten zudem einiges beobachten.“

          Die K-Pop-Stars SuperM und BTS hätten etwa für ihre Live-Streams jüngst im Schnitt 30 Dollar je Karte verlangt. Im Fall von BTS schauten stolze 750.000 Fans zu. Mit Blick auf die Profitabilität könnten fünf bis 15 normale Konzerte durch eine Dreamstage-Veranstaltung abgedeckt werden, rechnet Hesse vor. Schließlich fielen viele Kosten für den Tour-Tross oder die Produktion bei einem digitalen Konzert nicht an. Zudem könnten über Dreamstage mit einem Auftritt eine unbegrenzte Anzahl an Fans auf der ganzen Welt erreicht und ganz neue kreative Ideen umgesetzt werden.

          „Es ist uns sehr wichtig, dass wir alle Genres anbieten“

          Hesse und Vogler sind daher überzeugt, dass das Konzept auch über die Corona-Pandemie hinaus aufgeht und ein profitables Geschäftsmodell darstellt. „Wir bieten in gewisser Weise eine Lösung, die kurzfristig ein Problem überbrückt“, sagt Hesse. „Langfristig ist Dreamstage ein komplementäres Angebot zu Präsenzkonzerten, die Menschen natürlich wieder begeistern werden.“

          Das erste Konzert am 22. August spielt Jan Vogler gleich selbst, gemeinsam mit der Pianistin Hélène Grimaud. Andere Jazz- und Klassik-Veranstaltungen sind ebenfalls schon angekündigt. Dabei soll es aber nicht bleiben: „Es ist uns sehr wichtig, dass wir alle Genres anbieten, von Klassik über Rock, Pop, Hip-Hop bis hin zu Country, Jazz oder Welt-Musik“, sagt Hesse. Man sei mit vielen Managern im Gespräch und die Nachfrage sei „extrem groß“.

          Ein großer Pop-Star wolle aber natürlich erst einmal sehen, wie die Seite eigentlich aussieht, bevor er zusagt, so Vogler, Künstler seien eben immer sehr perfektionistisch: „Mein Wunsch ist, dass die Genres zwar getrennt sind, sich aber gegenseitig helfen“. Ab Herbst diesen Jahres soll die Plattform dann geöffnet werden, sodass Künstler sich einfach anmelden und einen Termin einstellen können. Eine Zusammenarbeit mit Spielstätten ist ebenfalls geplant.

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