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Folgen des Diesel-Skandals : Worum es im Audi-Prozess geht

Medienvertreter und Prozessbeobachter warten bereits einen Tag vor Prozessbeginn gegen Ex-Audi-Chef Stadler und drei Ingenieure vor dem Oberlandesgericht an der Justizvollzugsanstalt Stadelheim auf den Beginn der Verhandlung. Bild: dpa

Den Angeklagten im Diesel-Skandal drohen bis zu zehn Jahren Haft. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten rund um den Prozess zusammengefasst.

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          Fünf Jahre nach Bekanntwerden des Diesel-Skandals stehen jetzt vier ehemalige Audi-Manager vor Gericht. Es ist ein Mammutprozess, der voraussichtlich zwei Jahre dauert. Und die Vorwürfe gegen die Angeklagten wiegen schwer.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Worum geht es vor Gericht genau?

          Vor einer Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II wird der Skandal um manipulierte Dieselfahrzeuge erstmals verhandelt. Die Strafrichter müssen herausfinden, wann und vor allem von wem bei Audi, der Tochtergesellschaft von Volkswagen, die Initiative für die Manipulation ergriffen wurde. Der Autohersteller aus Ingolstadt wollte von 2005 an mit einer neuen Strategie den Diesel in Amerika populär machen. Ein zentrales Problem, das sich jenseits des Atlantiks angesichts der deutlich strengeren Grenzwerte stellte: Wie kann der Ausstoß gesundheitsschädlicher Stickstoffdioxide (NO2) vermindert werden, die in den Motoren entstehen? Dazu sollen Ingenieure von Audi die Motoraggregate mittels einer Software manipuliert haben. Die Rede ist von sogenannten Defeat Devices (Abschalteinrichtungen), die dafür sorgten, dass die Dieselautos auf dem Rollenprüfstand viel sauberer waren als im Straßenverkehr. Der langjährige Audi-Chef Rupert Stadler wusste spätestens seit September 2015 von den Vorwürfen gegen den Mutterkonzern VW. Dennoch ließ er den Verkauf von 120.398 betroffenen Audi-Fahrzeugen in Amerika weiter zu.

          Wer muss sich verantworten?

          Auf der Anklagebank sitzen zwei frühere Spitzenmanager der Automobilindustrie und zwei Ingenieure. Prominentester Angeklagter ist Rupert Stadler. Der 57 Jahre alte Betriebswirt stand bis zu seinem Ausscheiden im Oktober 2018 fast 12 Jahre an der Spitze von Audi. Sein Vorgänger auf dieser Position war Martin Winterkorn, der bis September 2015 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen war. Stadler gehörte von 2010 an auch dem Vorstand des Mutterkonzerns an. Neben ihm kommt dem früheren Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz eine prominente Rolle in dem Strafverfahren zu. Er war zur fraglichen Zeit Chef der Aggregate-Entwicklung von Audi und genoss das Vertrauen von Winterkorn. Dieser holte ihn 2007 nach Wolfsburg, wo der heute 61 Jahre alte Hatz als Generalbevollmächtigter für die Motorenentwicklung im Gesamtkonzern verantwortlich war. Die beiden mitangeklagten Ingenieure waren langjährige Mitarbeiter im Unternehmen. Der Italiener Giovanni P., mit 64 Jahren der älteste Angeklagte in dem Verfahren, leitete von 2002 an die Hauptabteilung Dieselmotoren von Audi. Sein Mitarbeiter Henning L. war intern als Fachmann für die Abgasnachbehandlung zuständig. In dem Quartett ist L. der Einzige, der nicht in Untersuchungshaft saß.

          Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

          Die Staatsanwaltschaft München II wirft den Männern in ihrem mehr als 90 Seiten fassenden Anklagesatz „Betrug zu Lasten von Verbrauchern, mittelbare Falschbeurkundung sowie strafbare Werbung“ vor. Nach Auffassung der Strafverfolger sollten Hatz und die beiden Ingenieure P. und L. die illegale Abschaltfunktion für die Dreiliter-Dieselmotoren erdacht und entwickelt haben, und zwar schon viele Jahre bevor amerikanische Behörden im Herbst 2015 den Abgas-Skandal rund um den VW-Dieselmotor EA 189 aufdeckten. Es sollen 434.420 Käufer von Audi-Dieselmodellen getäuscht worden sein. Die Ermittler unterstellen P. und L., mit ihren Handlungen gewerbsmäßig vorgegangen zu sein und sprechen vom Vermögensverlust großen Ausmaßes: Im Fall der amerikanischen Fahrzeuge griffen Veräußerungsverbote – hier soll sich der Schaden auf bis zu 3,1 Milliarden Euro belaufen. Stadler hingegen soll laut Anklage für einen deutlich kleineren Schaden von 27,5 Millionen Euro verantwortlich sein. In diesem Punkt hatte das Gericht selbst ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es legt für die Höhe des Schadens den Kaufpreis zugrunde, und dadurch wächst die Summe auf 300 Millionen Euro. Das wäre im Falle eines Urteils für das Strafmaß entscheidend. Während der Ermittlungen saßen Stadler, Hatz und P. für mehrere Monate in Untersuchungshaft. Stadler und Hatz bestreiten bis heute die Vorwürfe. Über seinen Strafverteidiger hat der einstige Porsche-Vorstand schon mitteilen lassen, dass er sich erklären will. Auch der damalige Audi-Chef, dem vermutlich zuletzt die Möglichkeit für eine Einlassung gegeben wird, dürfte vor Gericht persönlich Gegenposition beziehen.

          Müssen sie mit Haftstrafen rechnen?

          Im Fall einer Verurteilung müssen die Angeklagten mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren rechnen. Mit hoher Wahrscheinlich wird dieses prominente Strafverfahren jedoch eines Tages mit einer Revision vom Bundesgerichtshof entschieden werden. Bis dahin gilt für die vier Angeklagten in einem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung. Das Gericht hat bis zum Jahresende 2022, so lange haben die Richter Sitzungstage terminiert, ausreichend Zeit, den Vorwürfen aus der Anklage auf den Grund zu gehen. In einer umfangreichen Beweisaufnahme werden zahlreiche Dokumente verlesen und Zeugen vernommen werden. Daher besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass bestimmte Punkte der Anklage nicht bewiesen oder anderen Beschuldigten vorgeworfen werden könnten.

          Wird der Prozess die Autobranche verändern?

          Mit der Aufdeckung des Abgasbetrugs durch amerikanische Umweltbehörden kam der Selbstzünder in Verruf – nicht nur in Amerika und nicht nur die manipulierten Diesel aus dem VW-Konzern. Es gibt hierzulande Fahrverbote in mehreren Innenstädten, und es gibt inzwischen auch ein Umdenken der Autoindustrie, die Milliarden in neue Elektrofahrzeuge investiert – auch zu Lasten ihrer konventionellen Motoren. Eines steht jetzt schon fest: Der Diesel als Antriebstechnologie, so vorteilhaft er auf langen Strecken immer noch ist, wird es in Zukunft schwerer haben denn je. Und vom kommenden Jahr an steht der einstige VW-Chef Winterkorn in Braunschweig vor Gericht. Dann geht es um den millionenfachen Diesel-Betrug von VW.

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