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Deutschland nach der Krise : Mehr Abschottung ist die falsche Antwort

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Rund um die Welt suchen Forscher nach einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Bild: obs

Die deutsche Pharmaforschung braucht Kapital. Leider wird die angestrebte Neuregelung zur Außenwirtschaft Forschungsmittel ins Ausland umleiten. Ein Gastbeitrag.

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          Die pandemische Ausbreitung des Covid-19-Virus hat unsere Welt fest im Griff. Und während wir mit Sorge die Folgen in allen Bereichen der Gesellschaft beobachten, gerät einiges auch in Bewegung. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft organisieren das Miteinander neu. Ermöglicht durch die Bereitschaft, sich den Alternativen der digitalen Technologie zu öffnen – beim mobilen Arbeiten, im Handel und in der Politik. Gleichzeitig ist der Schaden dort umso größer, wo die Investitionen in überlebensnotwendige Infrastruktur vernachlässigt wurden, wo der Mut fehlte, den Schritt von der analogen in die digitale Welt zu gehen.

          Dass wir heute die bedachte Erweiterung unserer Bewegungsfreiheit diskutieren können, verdanken wir der schnellen Reaktion der Verantwortlichen zu Beginn sowie der Einsicht, dass wir alle unsere Gewohnheiten schnell und drastisch ändern müssen. Unser Dank gebührt denjenigen, die durch hohen persönlichen Einsatz in der Sorge um kranke und pflegebedürftige Menschen Leben schützen, sowie denjenigen, die unsere Versorgung mit den Notwendigkeiten des täglichen Lebens aufrechterhalten.

          Den Weg der Öffnung können wir nur wagen, wenn wir die Neuinfektionsraten gering halten. Zwei Dinge sind dafür essentiell: umfangreiches Testen, unabhängig von Verdachtsmomenten, und die schnelle Verfolgung von Infektionsketten.

          Industriell geschaffene Innovation ermöglicht heute schon das Testen. Bei der Verfolgung der Infektionsketten tun wir uns jedoch noch zu schwer. Immer noch gibt es primär analoge und damit anfällige, aber keine digitalen und damit schnelle und zuverlässige Lösungen. Warum?

          Hubertus von Baumbach ist Vorsitzender der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim.

          Auf dem Weg zu einer pharmazeutischen Lösung für eine langfristige Stabilisierung unserer Gesellschaft steht die intensive Suche nach einem Impfstoff im Zentrum. Darüber hinaus haben viele Projekte zum Ziel, den Krankheitsverlauf zu mildern, sei es mit schon zugelassenen Arzneimitteln oder durch die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Industrie, Wissenschaft und Behörden arbeiten hier mit höchster Priorität und erfolgreich zusammen.

          Die Sorge um den Verlust der Zugriffsmöglichkeit auf solche Technologien ist nachvollziehbar. Fragwürdig ist jedoch, ob die angedachten ordnungspolitischen Maßnahmen im Rahmen der Novellierung der Außenhandelsverordnung Ergebnis einer sachgerechten Abwägung zwischen nationalen Protektions-Interessen und denen eines attraktiven Innovations- und Investitionsstandortes sind.

          Schon die Absenkung der Genehmigungsschwelle für ausländische Unternehmensbeteiligungen auf 10 Prozent der Anteile war fragwürdig. Wie will man vermeiden, dass durch weitere planwirtschaftliche Eingriffe das so dringend notwendige Risikokapital nicht in die Vereinigten Staaten oder nach Asien umgeleitet wird? Wie will man sicherstellen, dass unsere Talente in Pharmazie, Biotechnologie, aber auch in Elektromobilität oder digitaler Innovation weiterhin auch hierzulande unternehmerisch erfolgreich sein können? Erhöhte Abschottung ist die falsche Antwort.

          Start-ups brauchen Partner

          Kurzfristig wird die angedachte Gesetzgebung den Kampf gegen Covid-19 nicht stärken. Das industrielle Engagement läuft bereits auf Hochtouren – eigenverantwortlich und ohne dass es des staatlichen Dirigierens bedurft hätte. Dass die Lösungen noch nicht verfügbar sind, liegt in der Komplexität der Entwicklung und nicht am Ausverkauf des Know-how.

          Allerdings haben andere Nationen der einstigen „Apotheke der Welt“ inzwischen den Rang abgelaufen. Wenige junge Unternehmen, einige Forschungsinstitutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft sowie einige kleinere und größere Biotechnologieunternehmen beteiligen sich von Deutschland aus an den Bemühungen. In der aktuellen Diskussion kommt jedoch zu kurz, dass die Industrie nicht nur aufgrund ihres Beitrags zur Gesundheitsversorgung bedeutsam ist. Vielmehr ergibt sich ihre gesellschaftliche Relevanz gerade auch durch die sehr hohe Wertschöpfung sowie ihre attraktiven Arbeitsplätze.

          In der Biotechnologie entsteht Neues als Ergebnis eines komplexen jahrelangen und nicht selten von vielen Unternehmen gemeinsam getragenen Prozesses. Die Entwicklung eines neuen Medikamentes erfordert Investitionen von ein bis zwei Milliarden Euro. Produktionskapazität benötigt zusätzlich Kapital in der Größenordnung von einer halben bis einer Milliarde Euro. Für ein junges Unternehmen ist schon in frühen Entwicklungsstadien das ergänzende technische Know-how eines kompetenten Partners und dessen Erfahrung in Entwicklung, Produktion und Zulassung erfolgsentscheidend.

          Auf der Welt können dies nur wenige Unternehmen leisten, in der EU nicht mehr als zehn. Die Auswahl reduziert sich noch einmal durch die Kompatibilität der unternehmensspezifischen Fähigkeiten. Für Start-ups, aber auch für den Wettbewerbserhalt ist es daher wichtig, sich den idealen Partner global suchen zu können.

          Die ordnungspolitische Frage ist somit die nach der Standortattraktivität für Investoren – bewertet im globalen Wettbewerb. Das bedeutet Öffnung statt Abschottung. Außerdem bedarf es mutiger Investitionen in die Bildung und ihre Institutionen sowie in neue Technologien wie die Digitalisierung, um weiterhin eine breite Teilhabe der Gesellschaft zu ermöglichen. Denn die Innovationskraft unserer Gesellschaft war immer die Basis für das Erfolgsmodell „Soziale Marktwirtschaft“.

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