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Folgen der Corona-Pandemie : Die ausgeknockte Fitnessbranche

Live aus dem Fitness-Studio: Zwei Hamburger Trainer lassen sich beim Workout filmen. Bild: dpa

Vertreter sind empört über die Politik. Doch Corona fördert auch neue Geschäftsmodelle – für den Kunden der Zukunft.

          3 Min.

          Während in Berlin um Lockerungen in der Corona-Krise gerungen wird, verschärfen sich die Existenzängste der Unternehmen der Fitnessbranche. Mit einseitigen Anzeigen in großen Tageszeitungen sendeten am Montag die Mitglieder des Deutschen Industrieverbandes für Fitness und Gesundheit (DIFG) einen Hilferuf an die politisch Verantwortlichen. Deutschland brauche Fitnessstudios, um gesund zu bleiben, hieß es im Text mit Hinweis auf vermeintliche negative Auswirkungen der Ausgangsbeschränkungen wie Übergewicht und Kreislaufprobleme.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV), Birgit Schwarze, wurde gegenüber der F.A.Z. noch deutlicher. „Wir sind empört, dass uns die Politik keine Perspektive gibt.“ Die Organisation fordert vom Bund und den Ländern einen Fahrplan, wann und unter welchen Auflagen die Anlagen geöffnet werden können. „Viele unserer Kunden wollen wieder kommen, um etwas Gutes für ihren Körper und ihre Psyche zu tun“, sagt Schwarze.

          Deutschland ist der größte Fitnessmarkt in Europa. Der DSSV vertritt jeden dritten der insgesamt 10.000 Fitnessbetriebe im Lande. In der Branche sind 250.000 Menschen beschäftigt. Darüber hinaus gibt es andere populäre Angebote wie Yogastudios und Kletterhallen. Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, müssen die Unternehmen ständig in neue Trends und Anlagen investieren. Im DIFG sind auch Zulieferer aus der Industrie wie Gerätehersteller organisiert. Sie alle leiden gerade.

          Doch der Stillstand in der Pandemie hat nicht nur bedrohliche Seiten, er hat auch die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle forciert. Kreativität und neue Ideen sind gefragt. „Was jetzt entsteht, ist die Zukunft des Sports“, sagt Moritz Kreppel.

          „Politik lässt uns im Unklaren“

          Er ist Mitgründer des in Berlin ansässigen Start-ups Urban Sports Club. In das Unternehmen haben Beteiligungsgesellschaften wie Holtzbrinck Ventures (Flixbus), Rocket Internet und Partech investiert. Der Anbieter hat sich auf die immer mehr an Flexibilität interessierte Kundschaft eingestellt und betreibt keine eigenen Anlagen, sondern ermöglicht Mitgliedern mit einem monatlichen Festpreis den flexiblen und ortsungebundenen Zugang zu verschiedenen Sportanbietern – Fitness, Yoga, Klettern, Tennis, Squash, aber auch Wellness, Sauna und Wassersport. Es geht um rund fünfzig Sportarten. Das Unternehmen ist Marktführer in Europa und ermöglicht Kunden den Zugang in ein Netzwerk von 12.000 Standorten verteilt auf fast siebzig Städte in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und Portugal.

          Auch Urban Sports Club leidet an der Krise und den geschlossenen Anlagen. Konkrete Zahlen nennt das Unternehmen nicht. Die meisten Kunden pausierten derzeit und zahlten ihren Mitgliedsbeitrag nicht. Dies habe man angeboten, sagt Kreppel. Die Not hat jedoch den Einfallsreichtum befördert. Das Unternehmen bietet den noch zahlenden Kunden Fitnesskurse im Internet-Livestream an – entweder aus den Studios, welche die Mitglieder vor der Pandemie physisch besucht haben, oder wahlweise von anderen Anlagen.

          Weiterhin gibt es die vier Mitgliedschaften zwischen 29 Euro und 129 Euro im Monat, je nach Preis variieren Angebotsvielfalt, Zugänge und Qualität des Angebots. Die Resonanz auf die Livestreams sei groß, und man habe das Ziel, daraus für die Zeit nach Corona ein neues digitales Produkt zu schaffen, sagt Kreppel. Er gehe davon aus, dass Sporttreiben in Zukunft wechselweise offline auf einer Anlage und online zu Hause stattfinde – für den Kunden von morgen.

          Weil alle in der Branche im selben Boot sitzen, versucht Urban Sports Club die Partner auf dem Markt etwas zu stützen. 80 Prozent der aktuellen Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen fließen je nach Kundenresonanz den Anbietern der Kurse zu. Solidargeld erhielten auch die Anlagen, die sonst von Kunden gebucht würden, aber derzeit kein Livestreaming verwirklichen könnten, zum Beispiel Kletterhallen und Wellnessbäder. 20 Prozent der Einkünfte nutzt Urban Sports Club für die eigenen Kosten und den Ausbau des neuen Online-Produkts. Ähnlich gehen Mitbewerber wie Classpass und Gympass vor, die sich zuletzt am Sprung aus den Vereinigten Staaten versucht haben.

          Die Fitnessstudios in Deutschland erreichten nach einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte im vergangenen Jahr Höchststände. So verzeichnete die Branche mehr als 11,6 Millionen Mitgliedschaften, ein Wachstum um 5 Prozent. Der Gesamtumsatz legte um 3,4 Prozent auf rund 5,5 Milliarden Euro zu. 14 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland verfügt über eine Mitgliedschaft bei einem kommerziellen Anbieter. Gerade die Billigangebote von Fitnessketten treiben das Wachstum auf dem Markt voran. Im Durchschnitt beträgt der monatliche Mitgliedsbeitrag eines Kunden etwa 43 Euro.

          Dagegen herrscht in Sportvereinen und Sportverbänden mit wenigen Ausnahmen Stagnation. 27,6 Millionen Mitgliedschaften registriert der Deutsche Olympische Sportbund aber noch immer. Fachleute erwarten, dass im Jahr 2025 rund 14 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied in einem Fitnessstudio sein werden. Im Vorjahr wurden in Europa fast 65 Millionen Fitness-Mitgliedschaften verkauft. Wie viel Kraft die Industrie nun in der Corona-Krise einbüßt, ist noch nicht klar. „Wir machen uns ziemliche Sorgen, wenn uns die Politik weiterhin im Unklaren lässt“, sagt DSSV-Präsidentin Schwarze.

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