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25 Jahre später : Mutmaßlicher Hintermann des Völkermords in Ruanda festgenommen

An einer Gedenkstätte in der Nähe Kigalis liest eine Frau die Namen der Opfer des Völkermordes. Bild: AFP

Seit 1994 war Félicien Kabuga auf der Flucht, nun wurde er in der Nähe von Paris festgenommen. Als einer der Hintermänner soll er den Völkermord in Ruanda mitverantwortet haben.

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          Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Völkermord in Ruanda hat die französische Kriminalpolizei einen der Hauptangeklagten, Félicien Kabuga, in seinem Versteck im Pariser Vorort Asnières-sur-Seine aufgespürt und festgenommen. Beamte stürmten am Samstag im Morgengrauen seine Wohnung und führten den 84 Jahre alten Mann ab, „der seit 25 Jahren von den Strafverfolgungsbehörden gesucht wurde“, wie es in einer Mitteilung hieß. Kabuga hatte sich seit Jahren mit Hilfe seiner Kinder in wechselnden Wohnungen in Frankreich versteckt. Während des Lockdown war er erstmals für längere Zeit nicht umgezogen, hieß es. Gegen Kabuga liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Er wurde in Untersuchungshaft in Nanterre genommen. Frankreich strebt an, einem Auslieferungsantrag an die internationale Gerichtsbarkeit stattzugeben. Der Hinweis auf das Versteck sei von den Ermittlern des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda gekommen. Es habe sich um eine höchst komplizierte Fahndung gehandelt, hieß es in Paris. So sei bis zur letzten Minute befürchtet worden, dass Kabuga wieder flüchte.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Kabuga, Angehöriger der Hutu-Mehrheit, hatte es in Ruanda unter anderem mit Teeplantagen zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Jahrelang finanzierte er die Partei „Mouvement républicain national pour la démocratie et le développement“ seines Vertrauten Juvénal Habyarimana, der 1973 durch einen Putsch an die Macht gekommen war.

          800.000 Menschen wurden ermordet

          Am 6. April 1994 wurde die Falcon-50 des damaligen Präsidenten Habyarimana beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen. An Bord befand sich neben Habyarimana auch Burundis Präsident Cyprien Ntaryamira. In Ruanda, dem sogenannten Land der tausend Hügel, tobte damals ein Bürgerkrieg, der von den aus Uganda eindringenden Tutsi-Rebellen des heutigen Präsidenten Ruandas, Paul Kagame, begonnen worden war.

          Der Konflikt zwischen den Ethnien Hutu und Tutsi ist uralt. Immer wieder war es in der Geschichte der einstmals deutschen Kolonie zu Massakern und blutigen Machtkämpfen zwischen den Volksgruppen gekommen. Nie aber eskalierte die Lage wie nach dem Tod der beiden Staatsoberhäupter.

          Unermüdlich hetzte der Hutu-Propagandasender „Radio-Télévision Libre des Mille Collines“ und rief zum Mord an der Minderheit der Tutsi auf. Die meist jugendlichen Banditen der Miliz Interahamwe zogen mit ihren Macheten durch die Straßen und machten Jagd auf Tutsi und unliebsame Hutu. Die Ministerpräsidentin Agathe Uwilingiyimana, Mitglied einer Oppositionspartei, wurde ebenso ermordet wie zehn zu ihrem Schutz entsandte belgische Blauhelmsoldaten. Bis Kagames Rebellen von der „Front patriotique rwandais“ die Macht ergriffen, kostete der Konflikt rund 800.000 Menschenleben.

          Kabuga war seit 1994 auf der Flucht

          Der im tansanischen Arusha beheimatete Internationale Strafgerichtshof für Ruanda, der dem Morden bis vor fünf Jahren nachging, sah es 1998 als erwiesen an, dass Félicien Kabuga einer der wichtigsten Hintermänner des Völkermords war, und erließ Haftbefehl unter anderem wegen Genozids. Als Leiter des sogenannten Fonds zur nationalen Verteidigung soll Kabuga unter anderem die Interahamwe-Milizen und auch das mörderische Treiben von „Radio Mille Collines“ maßgeblich finanziert haben.

          Im Juni 1994, kurz vor dem Sieg der Kagame-Rebellen, gelang es Kabuga, sich aus Ruanda abzusetzen. Zunächst reiste er in die Schweiz, danach in die kongolesische Hauptstadt Kinshasa und in die kenianische Hauptstadt Nairobi. Irgendwann verlor sich die Spur jenes Mannes, nach dem Interpol seit 2001 gefahndet hat.

          Serge Brammertz, Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, begrüßte die Festnahme Kabugas. Seit der Einstellung der Aktivitäten des Ruanda-Tribunals ist der sogenannte Internationale Residualmechanismus in Den Haag für den in Ostafrika begangenen Genozid zuständig.

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