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Homosexualität und Kirche : Nicht katholisch genug für die Schule

Papst Franziskus: Die Schule hofft, dass er den Konflikt zu ihren Gunsten beeinflussen wird. Bild: EPA

Eine gleichgeschlechtliche Ehe widerspricht der kirchlichen Lehre, meint die katholische Kirche im amerikanischen Bundesstaat Indiana. Wie es einem schwulen Lehrerpaar dort ergeht – und was der Papst damit zu tun hat.

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          High School und College ohne Sport ist in Amerika unvorstellbar. Beim Kräftemessen der Athleten in den eigenen Schulfarben mit den Mannschaften anderer Schulen geht es um kollektive Identität. Wenn die „Jayhawks“ und die „Cyclones“ (oder wie auch immer die Teams heißen mögen) im Basketball- oder American-Football-Finale einer Schul-Meisterschaft stehen, toben Tausende, oft Zehntausende Schüler und Studenten, Lehrer und Angehörige in berstend vollen Hallen und Stadien.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Sportteams der Brebeuf Jesuit Preparatory School in Indianapolis heißen „Braves“, die Tapferen. Die 1962 gegründete jesuitische Schule im Bundesstaat Indiana bereitet achthundert Schülerinnen und Schüler für den Gang aufs College vor. Das große B auf den Trikots steht für den Namen der Teams – und zugleich für den der ganzen Schule, deren Namenspatron der heilige Jean de Brébeuf ist. Der französische Jesuit war 1625 als junger Missionar nach Kanada gekommen. Bei den Huronen war er gerne gesehen und erfolgreich, während die mit den Huronen verfeindeten Irokesen vom Christentum nichts wissen wollten. Nach einem Überfall auf die jesuitische Missionsstation am Huronsee richteten die Irokesen Brébeuf 1649 am Marterpfahl hin.

          Für die „Braves“ hat die Saison in diesem Herbst nicht gut begonnen. Nicht, weil die Sportler schlecht vorbereitet gewesen wären. Sondern weil sie Opfer eines Konflikts sind, der nun im Vatikan entschieden werden muss. Wann diese Entscheidung in rund 7800 Kilometer Luftlinie Entfernung fällt, weiß Gott allein. Und vielleicht noch Papst Franziskus.

          Jedenfalls wurden die „Braves“-Golferinnen Anfang August vom Einladungsturnier der Guerin High School im nahen Noblesville wieder ausgeladen. Den Langlauf-Teams der Jungen und der Mädchen von Brebeuf erging es Mitte September genauso: Auch sie waren beim Wettbewerb der Leichtathleten bei der Guerin High School unerwünscht. In den Wettkämpfen dieser Schule, die als wichtige Vorbereitung für die nächste Saison gelten, messen sich ausschließlich katholische High Schools. Von denen gibt es allein in Indianapolis außer Brebeuf noch weitere sechs. Wenn dann noch die Teams der katholischen Privatschulen aus den Städten der Umgebung dazukommen, kämpfen in Noblesville Hunderte Teenager nicht nur für sich persönlich um Sieg und Plätze, sondern eben auch für ihre Schule.

          Wegen sexueller Orientierung entlassen

          Zum Cheftrainer aller Leichtathletik-Teams der Brebeuf School wurde Mitte August Layton Payne-Elliott ernannt. Das war eine bewusste Auszeichnung der Schulleitung für den Mathematiklehrer, der zuvor fünfzehn Jahre lang auch als Assistenztrainer der Leichtathleten tätig war. Denn eigentlich hätte der Lehrer von der Jesuitenschule gefeuert statt dort befördert werden müssen. Weil Layton Payne-Elliott schwul ist. Und seit 2017 außerdem verheiratet.

          Und zwar mit Joshua Payne-Elliott. Auch der ist Lehrer, ebenfalls an einer privaten katholischen Schule in Indianapolis: der 1918 gegründeten Cathedral High School. Besser gesagt: Er war Lehrer. Denn Joshua wurde, anders als sein Ehemann Layton, tatsächlich rausgeworfen. Am 23. Juni, nach dreizehn Jahren Tätigkeit an der Schule. Dabei hatte die Schulleitung seinen Vertrag vier Wochen zuvor noch um ein weiteres Jahr verlängert. Das ist in Amerika übliche Praxis: An privaten wie auch an staatlichen Schulen erhalten Lehrer meist nur Jahresverträge.

          Die Erzdiözese Indianapolis, geführt von Erzbischof Charles Thompson, hatte die Entlassung beider Lehrer in einem Schreiben an die zwei katholischen Schulen gefordert. Darin heißt es: „Alle Kirchenmitarbeiter müssen, beruflich wie privat, die Lehre der Kirche unterstützen und vermitteln.“ Das gelte auch und vor allem für Schulen, da diese ein zentraler Ort der Verkündigung dieser Lehre seien. Die gleichgeschlechtliche Ehe, die im Bundesstaat Indiana seit 2014 zugelassen ist, widerspreche aber der kirchlichen Lehre.

          Bei einer Pressekonferenz wenige Tage nach der Entlassung Joshua Payne-Elliotts verteidigte der Erzbischof seine Entscheidung. Zwar sei „jemandes sexuelle Orientierung an sich keine Sünde“. Aber in der Funktion eines „öffentlichen Zeugen der Kirchenlehre“ müsse man „die Würde der Ehe als Verbindung von einem Mann und einer Frau verteidigen“. Lehrkräfte an katholischen Schulen seien deshalb als „Verkünder unserer Kirchenlehre“ verpflichtet, dieser auch im Privatleben zu folgen.

          Klage wird wohl keinen Erfolg haben

          Joshua Payne-Elliott hat die Erzdiözese wegen Diskriminierung und wegen Eingriffs in seinen Arbeitsvertrag mit der Cathedral High School verklagt. Er verlangt, wieder eingestellt zu werden, außerdem Schadenersatz in unbestimmter Höhe. Wenn nicht alles täuscht, hat die Klage wenig Aussicht auf Erfolg. Denn das Oberste Gericht in Washington hat in mehreren Grundsatzurteilen das Recht religiöser Gemeinschaften bestätigt, dass diese von angestellten „Verkündern“ ihrer Dogmen und Überzeugungen verlangen dürfen, diesen auch im Privatleben zu folgen. Nicht umsonst hatte Erzbischof Thompson in seinem Schreiben an die beiden katholischen Schulen die Forderung, die verheirateten schwulen Lehrer zu entlassen, damit begründet, dass deren Lehramt dem Priesteramt vergleichbar sei.

          Zu anhaltender Unruhe im katholischen Kirchenleben in Indiana und in ganz Amerika hat aber nicht die Entlassung Joshua Payne-Elliotts aus der Cathedral High School geführt, sondern die Rebellion der Brebeuf School zugunsten von Layton Payne-Elliott. In einem Schreiben der Schulleitung unter Pater William Verbryke war zu lesen, man widersetze sich „mit allem Respekt“ der Forderung, „einen hochqualifizierten und fähigen Lehrer zu entlassen, nur weil dieser in einer anerkannten gleichgeschlechtlichen Gemeinschaft lebt“.

          Daraufhin entzog der Erzbischof der Schule die Anerkennung als katholische Bildungseinrichtung und untersagte ihr, die Messe zu feiern. Ausdrücklich verbot es Thompson auch, am 15. August den üblichen Gottesdienst zum Schuljahresbeginn in der Kapelle der Brebeuf School zu veranstalten. Der von der Erzdiözese gegen die jesuitische Schule ausgesprochene „Kirchenbann“ hatte auch zur Folge, dass „gehorsame“ katholische Schulen in Indiana die Athleten von Brebeuf bei ihren Wettbewerben nicht mehr dabei haben wollten. Die Sportler der Brebeuf School waren plötzlich nicht mehr „katholisch genug“, um gegen die „echt katholischen“ Athleten fügsamer Schulen wie der Cathedral High School anzutreten.

          Über die zuständige Provinz des Jesuitenordens, der die Aufsicht über Brebeuf führt, reichte die Schule Widerspruch gegen den Beschluss der Erzdiözese bei der Kongregation für das katholische Bildungswesen im Vatikan ein. Da die Mühlen des Kirchenrechts langsam mahlen, dürfte die Entscheidung einige Monate, wenn nicht Jahre auf sich warten lassen. Bei Brebeuf hofft man vielleicht, Papst Franziskus, der erste Jesuit an der Spitze der Weltkirche, könnte den Ausgang des Konflikts zugunsten der jesuitischen Schule beeinflussen. Aber in seiner Eigenschaft als Kirchenoberhaupt dürfte Franziskus gerade umgekehrt eher der Position der Hierarchie zuneigen, die dem notorisch vorpreschenden Jesuitenorden wieder einmal das Gängelband des Kirchenrechts hat anlegen müssen.

          Aufgeschoben statt aufgehoben

          Am vergangenen Dienstag gab es in der Sache eine Art Pausenpfiff des Vatikans. Die Kongregation für das Bildungswesen setzte die von Erzbischof Thompson gegen Brebeuf verhängten Sanktionen vorübergehend aus. Damit darf an der Schule wieder die Messe gefeiert werden. Zur besonderen Freude von Schulleiter Pater Verbryke auch am 24. Oktober, wenn die Schule den Gedenktag ihres Namenspatrons begeht. In einer Mitteilung an die Schüler und Lehrer warnt der Pater aber vor voreiligen Schlüssen: „Die vorübergehende Aufhebung des erzbischöflichen Erlasses bedeutet nicht, dass die Angelegenheit geklärt oder eine Entscheidung getroffen ist. Sie bedeutet auch nicht, dass die Bildungskongregation in dieser Sache zu einer bestimmten Seite tendiert.“ Die Erzdiözese Indianapolis teilte ihrerseits mit, dass eine temporäre Aufhebung von Sanktionen zur „normalen, kirchenrechtlichen Vorgehensweise“ gehöre. Die endgültige Entscheidung beeinflusse das nicht.

          Cheftrainer Layton Payne-Elliott hatte schon zuvor Anlass zur Freude. Seine 5000-Meter-Läufer belegten am vergangenen Wochenende beim „Flashrock Invite“ in Carmel den zweiten Platz. Sieger bei dem für staatliche, private und konfessionelle High Schools offenen Wettbewerb wurde die Concordia Lutheran High School aus Fort Wayne. Solange die Sanktionen des Erzbischofs gegen Brebeuf auf Geheiß des Vatikans suspendiert bleiben, dürfen sich Layton Payne-Elliotts junge Leichtathleten auch wieder an Wettbewerben nur für katholische Privatschulen beteiligen. Fürs Erste sind sie ja wieder „katholisch genug“, um zum Beispiel mit den Jungs und Mädchen von der Cathedral High School um die Wette zu laufen. Wen würde bei diesem Duell wohl der gemäß erzbischöflichem Befehl von der Schule entlassene Joshua Payne-Elliott anfeuern?

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