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Muslime in Frankreich : Unbehagen mit der Meinungsfreiheit

Eine Mohammed-Karikatur auf der Titelseite der „Charlie Hebdo“-Ausgabe nach dem Anschlag auf die Redaktion Bild: AFP

Das Recht auf Blasphemie unterstützt eine Mehrheit der französischen Muslime nicht. Besonders für die Jungen ist der Islam wichtiger als die Werte der Republik. Der Dachverband ruft dazu auf, Mohammed-Karikaturen zu ignorieren.

          2 Min.

          Das „Recht auf Blasphemie“, das Präsident Emmanuel Macron in Frankreich geschützt sehen will, weckt bei vielen Franzosen muslimischen Glaubens Unbehagen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop, die von der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in Auftrag gegeben wurde. 40 Prozent der befragten Muslime geben an, dass sie ihre religiösen Überzeugungen über die Werte der Republik wie Meinungs- und Gewissensfreiheit stellen. Bei den Muslimen unter 25 Jahren sind es sogar 74 Prozent, die meinen, ihre Religion stehe über der Republik. 69 Prozent der Muslime bewerten den Nachdruck der Mohammed-Karikaturen als „unnötige Provokation.“ Nur 19 Prozent von ihnen sind der Meinung, dass blasphemische Karikaturen zur Meinungsfreiheit beitragen. 70 Prozent geben an, dass es ein Fehler der Redaktion war, sie zu drucken.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das Umfrageergebnis zeugt von den Bruchlinien, die sich durch die französische Gesellschaft ziehen. Für einen Großteil der Franzosen bleibt das Recht, sich auch despektierlich über Religionen äußern zu können, ein hohes Gut. 59 Prozent der Franzosen billigen laut der Umfrage die Entscheidung der Satirezeitung „Charlie Hebdo“, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen im Namen der Meinungsfreiheit zu drucken. Ein Drittel gibt an, dass die Karikaturen eine „unnötige Provokation“ darstellen.

          Störungen bei Schweigeminute

          Bei der Verurteilung der Terroranschläge herrscht hingegen ein breiter gesellschaftlicher Konsens. 92 Prozent der Franzosen verurteilen das Attentat auf „Charlie Hebdo“, bei dem muslimische Attentäter im Januar 2015 in die Redaktion eindrangen und elf Menschen töteten. Bei den Franzosen muslimischen Glaubens sind es 82 Prozent. Auffällig ist dabei die Einstellung der jungen Muslime zwischen 15 und 17 Jahren, hier ist der Prozentsatz geringer. Nur 67 Prozent verurteilen die Anschläge. Bei einer Schweigeminute für die Terroropfer war es an vielen Schulen in der Banlieue zu Störungen gekommen.

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          Anders als nach der ersten Veröffentlichung der Karikaturen im Februar 2006 hat der Dachverband der muslimischen Vereinigungen CFCM dieses Mal sofort reagiert und die Muslime aufgerufen, die Zeichnungen „zu ignorieren“. In einem Kommuniqué bekräftigte der Islamrat, dass er jegliche Form von Gewalt verurteile. „Der Terrorismus, der im Namen unserer Religion zuschlägt, ist unser Feind“, sagte Muhammad Moussaou, der seit Jahresbeginn dem CFCM vorsteht. Der Franko-Marokkaner gilt als wesentlich moderater als sein Vorgänger Ahmet Ogras, ein Franko-Türke, der durch seine Verbindungen zur türkischen Staatsführung und zur AKP aufgefallen war. „Wir verurteilen nachdrücklich die Entscheidung des Magazins, Karikaturen, die Respektlosigkeit gegenüber unserer Religion und unserem Propheten beinhalten, abermals zu veröffentlichen", hatte das türkische Außenministerium mitgeteilt.

          Der aus Marokko stammende Imam von Bordeaux, Tareq Oubrou, appellierte hingegen an die Gläubigen, die Meinungsfreiheit als eigenen Vorteil anzusehen. „Wir leben in einem Rechtsstaat. Wenn es Konflikte gibt, dann werden sie über die Justiz geregelt“, sagte er im Radiosender France Inter. Zugleich äußerte er die Befürchtung, dass etliche Muslime die Karikaturen nicht zu deuten wüßten. „Es gibt Wahrnehmungen und Gefühle und ein Klima der Anspannung, das alle Schichten unserer Gesellschaft erfasst hat“, sagte Oubrou. „Ich rufe die Muslime zu Indifferenz auf“, sagte er.

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