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Ausgangssperren in Madrid : Lockdown nur für Arme?

Demonstration gegen den Lockdown im Madrider Arbeiterviertel Vallecas Bild: Reuters

In Madrid hat die Regionalregierung vor allem in den ärmeren Vierteln Ausgangssperren verhängt. Die Bewohner sind empört und werfen der Regierung Diskriminierung vor. Zu Tausenden ziehen sie auf die Straße.

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          Die Wut im Süden wächst. Mehr als 850.000 Menschen sollen von Montag an zwei Wochen lang möglichst zu Hause bleiben. Es trifft vor allem die ärmeren Viertel im Süden von Madrid, in denen überwiegend Arbeiter und Einwanderer wohnen. Die konservative Regionalregierung spricht von „selektiven“ Ausgangsbeschränkungen, sie seien nötig, um einen härteren Lockdown für die Hauptstadtregion mit 6,7 Millionen Einwohnern zu verhindern, die mehr als ein Drittel aller Corona-Fälle Spaniens registriert. Doch die betroffenen Madrilenen begehren auf und wollen nicht zu Sündenböcken gemacht werden.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Villaverde erhebt sich für die Würde des Südens“, lautet einer der Aufrufe zu einer von rund einem Dutzend Demonstrationen am Sonntag. Wenige Stunden, bevor die neuen Restriktionen in insgesamt 37 sogenannten Gesundheitsbezirken in Kraft traten, kam es in einem Dutzend Stadtvierteln zu Protesten – mit Maske und Sicherheitsabstand. Dass es sie treffe, sei kein Zufall, sondern die Folge von jahrzehntelanger Vernachlässigung, schimpfen Mitglieder der Nachbarschaftsvereine. „Die Arbeiterviertel bezahlen nicht für die Konsequenzen Ihres miserablen Krisenmanagements“, beklagt ein Slogan in Vallecas, der sich an die konservative Regional- und Stadtregierung wendet. Für sie ist es „keine Abriegelung, sondern Diskriminierung“.

          Demonstrieren „zutiefst unverantwortlich“

          Die Empörung richtet sich auch gegen die „Pijos“, wie die wohlhabenden Bürger im Stadtzentrum und im Norden genannt werden, die sich weiterhin frei bewegen dürfen, weil in ihren Vierteln die Fallzahlen deutlich niedriger sind. Im Süden sind auch viele verärgert über den konservativen Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida. Er hatte es als „zutiefst unverantwortlich“ bezeichnet, in diesen Tagen zu demonstrieren. Im Frühjahr hatte er Verständnis für Demonstranten geäußert, die auf dem Höhepunkt der ersten Welle im Salamanca-Viertel gegen die Corona-Politik der regierenden Linkskoalition auf die Straße gingen. Er rechtfertigte sie als „friedlichen Protest“. Salamanca, einer der Stadtteile mit den höchsten Einkommen und Vermögen in Madrid, ist eine Hochburg der rechten Parteien.

          Neben der Sorge vor dem sich immer schneller ausbreitenden Virus wächst im Süden nun auch die Angst um den Arbeitsplatz. Die meisten Einwohner sind auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen, um zu ihren Arbeitsplätzen im Zentrum zu gelangen. Dort verdienen sie als Krankenschwestern, Altenpfleger, Bauarbeiter ihr Geld. Das dürfen sie von Montag an auch weiterhin tun: Um zur Arbeit, zum Arzt oder in die Schule zu fahren, dürfen sie ihre Bezirke weiterhin verlassen. Die Polizei wird die Zugänge nur stichprobenartig überprüfen, eine „absolute“ Kontrolle über sechs Viertel der Hauptstadt und sieben angrenzende Orte sei nicht möglich, gestehen Politiker ein.

          Zweifelnde Fachleute

          Zu Hause werden die Lebensbedingungen für die Menschen noch schwieriger: Viele Familien leben in beengten und teils prekären Verhältnissen – ein weiterer Grund für die höhere Zahl von Infektionen; in Arbeitervierteln rund um die portugiesische Hauptstadt Lissabon bekommt man eine ähnliche Lage schon seit Juni kaum in Griff. In Madrid werden Parks und Spielplätze schließen, Geschäfte und Lokale müssen ihre Kapazität halbieren. In der gesamten Region dürfen sich nur noch jeweils maximal sechs Menschen treffen.

          Doch Fachleute bezweifeln, dass diese Maßnahmen ausreichen werden. „Madrid hat einen Monat verloren“, sagte Medizinprofessor José Martínez Olmos der Zeitung „El País“. Was erst jetzt geschehe, hätte man schon früher tun müssen. Die neuen Einschränkungen reichen nach Olmos’ Ansicht nicht weit genug. Er fürchtet, dass an einem umfassenderen Lockdown bald kein Weg mehr vorbeiführen werde. Aber stärkere Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sind ohne einen neuen nationalen Alarmzustand schwer möglich, den die Zentralregierung mit der Billigung durch das nationale Parlament verhängen müsste.

          In Madrid haben die konservative Regionalpräsidentin Díaz Ayuso und der PP-Bürgermeister Almeida längst die Kontrolle verloren: Mediziner beklagen, dass die Gesundheitszentren – die erste Anlaufstelle für Einwohner mit Corona-Verdacht – völlig überlastet seien und vor dem Kollaps stünden. Jeder fünfte PCR-Test ist in Madrid mittlerweile positiv. In den abgeriegelten Vierteln wurden in zwei Wochen mehr als 1000 neue Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner registriert; in Deutschland sind es derzeit gut 25.

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