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Corona in Frankreich : Marseille macht mobil

„Rettet die Bars und Restaurants“: In Marseille gehen die Gastronomen gegen die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie auf die Straße. Bild: AFP

Die Infektionszahlen steigen rasant – und Frankreich gibt ein chaotisches Bild ab. Weil von Samstag an Bars und Restaurants bis auf weiteres geschlossen werden sollen, gehen wütende Gastronomen gegen die Regierung auf die Barrikaden.

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          Auf den ungebremsten Anstieg der Neuinfektionen in Frankreich reagiert die Regierung in Paris mit einem chaotischen Krisenmanagement. Premierminister Jean Castex schloss einen neuen landesweiten Lockdown nicht aus, sollten die Infektionen weiter exponentiell steigen. Trotz neuer Beschränkungen wie einem Versammlungsverbot für mehr als zehn Personen im Freien in den Großstädten erreichte die Zahl der Neuinfektionen einen neuen Höchstwert von 16.096 Menschen, wie die staatliche Gesundheitsbehörde am Donnerstagabend meldete. Gesundheitsminister Olivier Véran wurde am späten Freitagnachmittag in Marseille erwartet, nachdem er mit seinen Ankündigungen die Stadt in Aufruhr versetzt hat.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die strikten Maßnahmen stoßen in der Mittelmeermetropole auf Unverständnis und Wut. Café- und Restaurantinhaber protestierten am Freitag für eine Aufhebung des Öffnungsverbots, das bereits an diesem Samstag in Kraft treten sollte. Da der zuständige Präfekt die entsprechende Verordnung nicht unterzeichnet hat, dürfen die Gaststätten noch bis Samstagabend um Mitternacht offen bleiben. Der Vorsitzende des lokalen Gaststättenverbandes, Bernard Marty, hielt der Regierung vor, die Ansteckungsgefahr einseitig in den Cafés und Restaurants zu verorten. Damit würden die Gaststättenbetreiber bestraft, die alle Hygiene- und Abstandsregeln respektiert hätten. Das kurzfristige Verbot führe abermals dazu, dass frische Lebensmittel weggeworfen werden müssten.

          Der rechtsbürgerliche Regionalratspräsident Renaud Muselier (LR) versuchte über eine einstweilige Verfügung, die Schließung der Gaststätten abzuwenden. In einem Meinungsbeitrag für die Regionalzeitung „La Provence“ am Freitag forderten die grüne Bürgermeisterin von Marseille, Michèle Rubirola, die Vorsitzende der Metropole Marseille-Aix-en-Provence, Martine Vassal (LR) und Muselier, dass die Regierung ihr autoritäres Vorgehen überdenken müsse. „Sie können nicht allein entscheiden!“, schreiben sie. Eine parteiübergreifende Front von der Linken bis zur Rechten kommt in Marseille sehr selten vor.

          Raoult kritisiert „unvernünftige Maßnahmen“

          Die sozialistische Bezirksbürgermeisterin Samia Ghali kündigte an, dass die Kommunalpolizei Verstöße gegen das Öffnungsverbot nicht ahnden werde. Auch der inzwischen berühmte Mediziner Didier Raoult mischte sich in die Debatte ein. Der Leiter des Forschungsinstituts „Méditerranée Infection“ warf in einem Brief dem Leiter der staatlichen Krankenhäuser AP-HM in Marseille vor, die Verantwortung für die „unvernünftigen Maßnahmen“ zu tragen. Der Krankenhausleiter habe in Paris Alarm geschlagen, weil er seine Personalprobleme nicht in den Griff bekomme. „Seit dem 6. September hat sich die Zahl der Neuinfektionen in Marseille stabilisiert“, schrieb Raoult. Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten sei innerhalb der vergangenen Woche von 34 auf 38 gestiegen, fügte er hinzu. Kompliziert sei die Situation nur deshalb, weil so wenig Intensivbetten zur Verfügung ständen.

          Noch sind Restaurants wie dieses in Marseille offen – am Samstag sollen sie aber bis auf weiteres schließen
          Noch sind Restaurants wie dieses in Marseille offen – am Samstag sollen sie aber bis auf weiteres schließen : Bild: dpa

          Premierminister Jean Castex gab zu, dass es das vorrangige Ziel der Regierung sei, eine Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden. In Paris und in Marseille werden bereits wieder nicht zwingend notwendige Operationen abgesagt. Die Krankenhausleitung AP-HP in Paris teilte mit, dass von diesem Wochenende an 20 Prozent der geplanten Operationen verschoben würden. Trotz gegenteiliger Versprechen ist die Personalsituation angespannt. Die Regierung bezieht die niedergelassenen Ärzte und privaten Kliniken weiterhin kaum in das Krisenmanagement ein.

          Pannen bei der Auswertung von Tests

          Auch bei der Testkampagne ist die Regierung dabei, das Vertrauen der Franzosen zu verspielen. Bei einer Anhörung vor dem Senat gab Gesundheitsminister  Véran Probleme bei der Auswertung der Tests zu. Wartezeiten von einer Woche sind inzwischen die Regel in den meisten überlasteten Laboreinrichtungen. Tatsächlich gebe es in einigen Städten Verzögerungen bei den Ergebnissen, sagte Véran. Die Auswertungsverzögerungen seien jedoch „nicht für die neue Welle der Epidemie“ verantwortlich, behauptete er. Doch Ärzte beklagen, dass die Nachverfolgung von Kontaktpersonen aufgrund der Pannen bei der Übermittlung der Testergebnisse nicht funktioniere. Deshalb könnten Ansteckungsketten nicht rechtzeitig unterbrochen werden. Auch die Corona-Warn-App, mit der Frankreich vorgeblich seine Unabhängigkeit von Google und Apple demonstrieren wollte, hat sich als Flop erwiesen.

          Premierminister Castex verteidigte am Donnerstagabend im Fernsehen seine Entscheidung, die Corona-Warn-App „Stop Covid“ nicht heruntergeladen zu haben. „Ich will die Franzosen dazu bringen, die App herunterzuladen, aber ich habe es nicht getan. Voilà. Ich bin ehrlich mit Ihnen“, sagte Castex in der Fernsehsendung „Vous avez la parole“. Nur 2,3 Millionen Franzosen haben die Warn-App laut der jüngsten Zwischenbilanz heruntergeladen. Nach Recherchen der Organisation Anticor entstehen den Steuerzahlern Betriebskosten in Höhe von 300.000 Euro monatlich für die App, die seit der Inbetriebnahme vor drei Monaten knapp 200 Warnmeldungen versandt hat.

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