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Proteste in Hongkong : Angeschossener Demonstrant soll in kritischem Zustand sein

Vermummte Demonstranten errichten eine brennenden Barrikade. Bild: dpa

Bei dem von der Polizei angeschossenen Demonstranten soll es sich um einen Schüler handeln. Er wurde in die Brust getroffen. Ein Todesfall würde wohl zu einer dramatischen Eskalation der Lage in Hongkong führen.

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          Der Tag werde „sehr, sehr gefährlich“ werden, hatte die Hongkonger Polizei am Montag gewarnt. Am Dienstag wurde daraus traurige Gewissheit: Zum ersten Mal seit Beginn der Protestbewegung wurde ein Demonstrant von scharfer Munition aus einem Polizeirevolver getroffen. Die Hongkonger Zeitung „Oriental Daily“ berichtete, der Mann befinde sich in einem kritischen Zustand. Bei dem Opfer soll es sich um einen Schüler handeln. Die Polizei bestätigte, dass bei dem Vorfall scharfe Munition eingesetzt wurde. 

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          In einem Video, das im Internet kursiert, ist zu sehen, wie ein Polizist aus nächster Nähe auf einen Demonstranten schießt. Dieser hatte ihn zuvor mit einer Eisenstange angegriffen. Weitere Aktivisten schienen den Beamten eingekreist zu haben. Hongkonger Medien berichten übereinstimmend, dass der verletzte Demonstrant in der linken Brust getroffen worden sei. Bilder zeigen ihn blutend und mit einer Sauerstoffmaske.

          Ein Todesfall würde wohl zu einer dramatischen Eskalation der Lage in Hongkong führen. Die Lokalregierung hatte stets betont, dass es Ausweis der Zurückhaltung der Polizei sei, dass bisher noch niemand zu Tode gekommen sein.

          Mindestens fünf Schüsse sollen abgegeben worden sein

          Es war auch nicht der einzige Zwischenfall dieser Art am Dienstag. Die „South China Morning Post“ berichtet, insgesamt seien von der Polizei mindestens fünf Schüsse mit scharfer Munition abgegeben worden. In einem Fall hatten Aktivisten mit langen Stangen ein Polizeifahrzeug angegriffen. Auch dort waren die Beamten gegenüber den Angreifern in der Minderheit. Erst ein Warnschuss in die Luft führte dazu, dass sich die radikalen Aktivisten zurückzogen. Die Polizei hatte in den vergangenen Wochen immer wieder davor gewarnt, dass sie gezwungen sein könnte, potentiell tödliche Gewalt einzusetzen, wenn das Leben ihrer Sicherheitskräfte in Gefahr sei.

          Hongkongs Polizeichef Stephen Lo rechtfertigte später den Einsatz scharfer Munition damit, dass das Leben von Polizisten ernsthaft in Gefahr gewesen sein. Der Angeschossene sei 18 Jahre alt und auf dem Weg ins Krankenhaus noch bei Bewusstsein gewesen. Über dessen aktuellen Zustand wisse Lo nichts, teilte er mit.

          Die seit 17 Wochen anhaltende Protestbewegung hat sich seit langem auf den 1. Oktober vorbereitet. In mehreren Stadtteilen kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Aktivisten warfen Brandbomben und setzten Barrikaden in Brand. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Wasserwerfer ein. Ein angemeldeter „Trauermarsch“ zum 70. Gründungstag der Volksrepublik China war von der Polizei verboten worden.

          Der symbolträchtige Tag gilt den Aktivisten als günstiger Moment, um die Lage in Hongkong zu eskalieren und so den Druck auf die Zentralregierung in Peking zu erhöhen. So wollen sie unter anderem erreichen, dass eine Amnestie für die mehr als 1600 festgenommenen Demonstranten erlassen und eine unabhängige Untersuchung von Polizeigewalt vorgenommen wird. Die Eskalation der Gewalt in Hongkong überschattet die Feierlichkeiten zum Gründungstag der Volksrepublik, die Staatspräsident Xi Jinping nutzen wollte, um seinen Machtanspruch zu untermauern. Der Gesichtsverlust an diesem symbolisch wichtigen Tag erhöht die Gefahr, dass China in den Konflikt militärisch eingreifen könnte. Das wäre im Sinne einer kleinen radikalen Fraktion unter den Aktivisten, die es auf eine direkte Konfrontation mit Peking anlegen.

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