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Historische Unterschrift: Der amerikanische Politiker Cordell Hull, „Vater der Vereinten Nationen“, unterschreibt am 29.06.1945 in Washington die UN-Charta. Bild: dpa

75 Jahre UN-Charta : Für eine bessere Welt

Vor 75 Jahren wurde die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet. Als Lehre aus dem Versagen des Völkerbundes, der den Zweiten Weltkrieg nicht verhindern konnte. Mit dem Gremium sollten Konflikte künftig friedlich gelöst werden. Ein Traum bis heute.

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          Die Vorgeschichte des Ereignisses beginnt „irgendwo auf See“, wie es in der offiziellen Mitteilung vom 14. August 1941 hieß. Dort nämlich, auf dem amerikanischen Schiff „USS Augusta“, hatten sich der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill getroffen, um über die damals mehr als prekäre Lage Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg zu sprechen.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Die Vereinigten Staaten waren zu diesem Zeitpunkt offiziell noch neutral. Das gute persönliche Verhältnis Churchills und Roosevelts hatte jedoch den bedrängten Briten schon viel amerikanische Unterstützung gebracht. Am Ende ihres Treffens verkündeten die beiden Staatsmänner die Grundsätze einer „Atlantikcharta“. Für die Zeit nach dem Sieg über „die Nazi-Tyrannei“ fassten sie die Gründung einer neuen Weltorganisation ins Auge. Der nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufene Völkerbund hatte sich ganz offensichtlich nicht bewährt.

          Die Bezeichnung „Vereinte Nationen“, als die uns die Organisation heute bekannt ist, wird erstmals in einem Dokument vom 1. Januar 1942 – mittlerweile waren die Vereinigten Staaten auch in den Krieg eingetreten– erwähnt. Die Erklärung wurde von Vertretern der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, der Sowjetunion und Chinas unterschrieben. Am folgenden Tag folgten weitere 22 Staaten. Die 26 Unterzeichner verpflichteten sich, den Kampf gegen die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan fortzusetzen und keinen Separatfrieden zu schließen. Als Ganzes fungierten sie von nun an unter der Bezeichnung „Vereinte Nationen“. Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderen besetzte Länder wie die Tschechoslowakei, Belgien, die Niederlande oder Dänemark, aber auch Australien und die anderen britischen Dominions sowie Staaten in Mittelamerika wie Costa Rica und El Salvador.

          Die UN führen 51 Gründungsmitglieder auf

          Die Gründung der Vereinten Nationen (UN) wurde im weiteren Verlauf des Krieges vorangetrieben. Im Jahre 1945 versammelten sich Vertreter von 46 Staaten in San Francisco, um die UN-Charta zu unterzeichnen. Die Zeremonie fand am 26. Juni statt. Voraussetzung für eine Einladung zur Gründungskonferenz war, dass die betreffenden Staaten Deutschland und Japan den Krieg erklärt hatten und die Grundsätze der Erklärung von 1942 akzeptierten. Der Einladungswunsch führte noch in den letzten Monaten des Krieges zu Kriegserklärungen, die militärisch freilich nicht mehr von Belang waren. Die 46 in San Francisco vertretenen Staaten luden vier weitere zur Teilnahme ein. Neben dem eben befreiten Dänemark und Argentinien waren dies auch die Sowjetrepubliken Belarus (Weißrussland) und Ukraine.

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          Letzteres war Ergebnis sowjetischer Forderungen. Stalin argumentierte, diese beiden Sowjetrepubliken hätten durch die deutschen Besatzer so gelitten, dass ihnen ein Sitz in den UN zustehe. Somit hatte die Sowjetunion als einziges UN-Mitglied drei Stimmen und nicht, wie alle anderen, nur eine. Die UN führen 51 Gründungsmitglieder auf. Als Nummer 51 wird Polen geführt. Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung der Charta im Juni 1945 gab es in Warschau noch keine von allen anerkannte Regierung. Die Sowjetunion hatte zwar schon ihre Statthalter installiert. Aber in London hielt sich noch die Exilregierung, die während des Krieges als legitime Vertretung des besetzten Landes gegolten hatte. Erst als sich die polnischen Parteien – letztlich zu Lasten der Londoner – auf eine gemeinsame Regierung verständigt hatten, konnte ein polnischer Vertreter am 15. Oktober die Charta unterzeichnen, die am 24. Oktober in Kraft trat.

          Franklin D. Roosevelt, der „Erfinder“ der UN, hoffte – im Grund wider alle historische Erfahrung – durch die Gründung der Organisation auf eine Nachkriegswelt, in der alle Konflikte friedlich gelöst werden würden. Zynischere Zeitgenossen, zu denen man durchaus auch Roosevelts Verbündete Stalin und Churchill zählen darf, setzten eher darauf, die gewohnte Machtpolitik auch im Rahmen der neuen Organisation weiterführen zu können.

          Sicherheitsrat als Konstruktionsfehler

          Rückblickend haben beide Denkrichtungen in gewisser Weise ihre Ziele erreicht. Die Zyniker machen sich bis heute die Konstruktion des wichtigsten UN-Gremiums, des Sicherheitsrates, zunutze. Falls es zum Konflikt kommt und elementare Machtinteressen tangiert sind, hat jede der großen Mächte die Möglichkeit, einen bindenden Entschluss mit ihrem Veto zu verhindern. Und einen Fehler wie die Sowjetunion 1950, als ihr Vertreter bei der entscheidenden Abstimmung über ein Eingreifen der Vereinten Nationen in den Koreakrieg fehlte, hat bis heute keine Großmacht ein zweites Mal gemacht.

          Die Träumer von einer besseren oder gar idealen Welt können auf die zahlreichen Unterorganisationen der Vereinten Nationen verweisen, die auf ihrem jeweiligen Gebiet vieles leisten. Aber in Fällen wie dem Völkermord in Ruanda haben die UN auch eklatant versagt. Ihnen wie auch der gesamten Organisation UN wird immer wieder – nicht zu Unrecht – Ineffizienz und Geldverschwendung vorgeworfen. Aber selbst wenn die UN nur eine Begegnungsstätte wären, wo alle zusammenkommen können, müsste man sie im Grunde schon allein dafür erfinden.

          Größter aktueller Konstruktionsfehler ist die Zusammensetzung des Sicherheitsrats. Dieser spiegelt die Machtverhältnisse der Welt von 1945 wider, was der heutigen Realität nicht mehr entspricht. Seit Jahr und Tag wird über die Reformen wie eine Erweiterung des Sicherheitsrates gestritten. Eine Einigung zeichnet sich ab.

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