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Corona-Demos : Plötzlich abgedriftet

Wut hinter der Maske: Ein Demonstrant bei der Frankfurter Corona-Demo am 16. Mai. Bild: Maximilian von Lachner

Ein Mann hat eine Familie gegründet, Karriere gemacht, Preise gewonnen. Was kommt noch, wenn man mit fünfzig alles erreicht hat? Er entdeckt die Kraft von Verschwörungstheorien und hat einen Feind: Bill Gates. Und die angenehme Gewissheit, genau zu wissen, wer Freund und Gegner ist.

          8 Min.

          Seit sich immer weniger Menschen mit Corona infizieren, sind immer mehr Menschen überzeugt: Das ist doch ein Komplott. Die Verschwörungslust greift um sich, erfasst Rechte und Linke, Hippies und Nazis, Unternehmer und Juristen. Viele alte Bekannte sind dabei, von Pegida, Occupy und der AfD. Aber auch ganz neue.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Leute wie der Bad Homburger Unternehmer, dessen Name „keine Rolle spielt“, wie er sagt, der aber keine Scheu hat, mitten in Frankfurt am Main das Mikrofon zu ergreifen. „Ich selbst gehöre zu den Gewinnern des Systems“, so stellt sich der Mann mit graumeliertem Schopf vor, und man glaubt es ihm auf Anhieb: randlose Brille, hellblaues Hemd, kleiner schwarzer Rucksack.

          Dutzende stehen vor ihm, manche im Che-Guevara-Shirt, manche in Batikkleidern, andere mit Glatzen und trainierten Muskeln. In hessisch gefärbtem Hochdeutsch erzählt der Mann, wie er Firmen mit Hunderten Mitarbeitern aufgebaut und an die Börse geführt habe. „Ich habe immer von diesem System profitiert“, sagt er, „aber ich kann für dieses System keinen Tag länger stehen.“

          Jubel brandet auf, die Leute reißen ihre Hände hoch, der kleine grauhaarige Mann mit dem „IM Erika“-Schild genauso wie die Muslimin mit Kopftuch und Mundschutz, auf dem „Maulkorb“ geschrieben steht. Und dem Mann im Hemd bricht ein wenig die Stimme.

          Eingeweihte unter sich

          „Das berührt mich derartig emotional“, sagt er, und man kann nur ahnen, was sich in seiner Gefühlswelt abspielt: die Erleichterung, Gleichgesinnte gefunden zu haben, der schnell zu Kopf steigende Applaus, der Spaß, einer Menge einzuheizen.

          Weitere Geständnisse: „Ich war komplett im Mainstream, meine Kinder sind durchgeimpft, ich bin durchgeimpft.“ Teilnahmsvolles Schweigen, der Mann holt Luft: Aber es sei doch „derartig offensichtlich, was hier passiert“.

          Was es ist, was hier so offensichtlich passiert, darüber verliert der Unternehmer kein Wort. Sein Publikum braucht er von nichts mehr zu überzeugen. Eingeweihte unter sich.

          Doch dem Mann ist schmerzlich bewusst, dass die Schar seiner Zuhörer nur eine Minderheit ist. Der Glaube ist zwar ansteckend, aber exponentiell verbreitet er sich nicht. Die meisten Deutschen sind immun gegen die Theorie, dass hinter der Pandemie ein großer Plan stehe.

          Den Redner macht das unglücklich: „Selbst die nächsten Verwandten, die Freunde, die halten einen alle für verrückt, das habt ihr alle bestimmt auch gemerkt.“ Trotzige Rufe: „Jawoll.“

          „Man muss sich Telegram installieren, danach weiß man mehr“

          „Ich weiß gar nicht, ob man das hier sagen darf“, raunt der Geschäftsmann ins Mikrofon, und einige machen erregt einen kleinen Schritt nach vorn, um besser zu hören. Die geheime Botschaft: „Man muss sich Telegram installieren, danach weiß man mehr.“

          Wieder frenetischer Applaus, der diesmal nicht nur dem smarten Unternehmer, sondern wohl auch einigen Helden des Publikums gilt. Es sind semiprominente Verschwörungstheoretiker wie der vegane Koch Attila Hildmann oder der apokalyptische Sänger Xavier Naidoo, die über den Nachrichtendienst Telegram ihre Ansichten verbreiten.

          Aluhütler, nicht ohne Selbstironie.

          Der Mann müsste jetzt gemerkt haben, dass man das sagen darf. Er hat die Worte jedenfalls mitten in Frankfurt in ein Mikrofon gesprochen, erhöht vom Sockel des Gutenberg-Denkmals, so dass ihn auch sämtliche Polizisten, Journalisten und Gegenprotestler gut hören konnten. Passiert ist nichts.

          Noch weniger als nichts regte sich im Gesicht der bronzenen Figur über ihm. Den Vater des Buchdrucks, Revolutionär der Massenkommunikation, bringt kein „Lügenpresse“-Gebrüll aus der Fassung.

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