https://www.faz.net/-gpg-9zpqy

Corona-Demos : Plötzlich abgedriftet

Sucht man im Netz nach Spuren seiner Radikalisierung, wird man nicht fündig. Seine Frau und er scheinen nicht die Art von Menschen zu sein, die Hasskommentare absetzen, Videos drehen oder Verschwörungs-Blogs betreiben.

Man findet lediglich eine Handvoll Interviews und Berichte über den Unternehmer, in denen er etwa erklärt, wie er Deutschlands Marktführer bei Telefonsoftware werden will, über den neuen Trend zu „V-Commerce“ spricht oder seine Auszeichnung als innovativer Mittelständler.

Auch seine Freunde, die jetzt hinzukommen, sehen eher nach FDP-Wählern aus als nach Systemgegnern. Eine der beiden sportlichen Frauen stellt sich als seine Frau heraus.

„Und der hat mich mit den ersten Informationen versorgt“, stellt der Unternehmer sogleich ehrfürchtig seinen Freund vor, einen braungebrannten Mann mit Igelfrisur.

Der Dritte, mit kurzen Hosen und Poloshirt, stellt sich selbst vor: Er habe schon 2008 verstanden, dass „das System an die Wand fährt“. Ach nein, er korrigiert sich: „Mein eigentliches Erweckungserlebnis war der 11. September.“ Klar, stimmt ihm der andere sofort zu, „ein Gebäude bricht in sich zusammen, ohne dass ein Flugzeug reingeflogen ist“.

Die Frauen lauschen. Der Unternehmer gibt zu, das alles habe er nicht so verfolgt. Damals, erklärt er, „hab ich noch nicht kapiert, dass unsere Bundesregierung zu schwach ist, um dem ganzen Druck standzuhalten“. Und er fügt hinzu, indem er sich respektvoll an seinen Komplizen richtet: „Ich sage zu schwach, du bist einen Schritt weiter.“

Wundern sich die Freunde nicht, wer da mit ihnen zusammen demonstriert? Schulterzucken. Die Frau gibt zu bedenken: „Die Andrea ist ja auch ein bisschen alternativer als wir, weil sie sich mit dem Impfthema schon länger beschäftigt.“

Man merkt, dass Andrea für sie ist, was die Kollegen für den Unternehmer sind: jene Freunde, die schon länger dabei sind und nun ihre Bezugspersonen in der neuen Welt wurden.

Was kommt noch, wenn man schon alles erreicht hat?

Eine neue Welt, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Der Unternehmer aus Bad Homburg mag Herausforderungen. An der Fachhochschule war er Jahrgangsbester, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet. Und jetzt?

Was kommt noch, wenn man fünfzig Jahre alt ist und alles erreicht hat, was man so erreichen kann in diesem Alter? Manche lernen eine neue Sprache oder beginnen zu töpfern. Andere entdecken Telegram.

Plötzlich streng, als störe ihn, dass jetzt alle mitreden: „Wir waren vorhin thematisch noch gar nicht ganz durch.“ Doch zu diesem letzten Kapitel in Sachen Verschwörungstheorien kommt es nicht mehr, weil plötzlich sechs Polizisten auf die Gruppe zusteuern. Sie machen Halt vor dem Kollegen in kurzen Hosen: „Ihren Personalausweis bitte.“

Die Freunde werfen sich entsetzte Blicke zu. Der Unternehmer braucht einen Moment, bis er seine Stimme wiederfindet: „Gucken Sie sich das an, wie der Staat die Meinung unterdrückt! Nur weil er letzte Woche ein Schild hochgehalten hat beim Spaziergang.“

Kurze Zwischenfrage: Weil die Demonstration nicht genehmigt war vielleicht? „Das war doch nur ein Spaziergang.“ Seit wann geht man mit Schildern spazieren? „Das hatte er halt noch von einer anderen Demo dabei.“

Die Beamten schirmen den Mann ein wenig ab. Die Freunde schauen alarmiert. „Das sind Zustände wie kurz vorm Dritten Reich“, presst der Unternehmer zwischen den Zähnen hervor. „Die ziehen den jetzt hier raus und nehmen ihn mit.“

Nach ein paar Minuten sind die Personalien vermerkt. Der Mann mit dem Poloshirt kehrt zu seinen Freunden zurück, vielleicht muss er ein Bußgeld zahlen. Die Polizisten verabschieden sich freundlich: „Danke.“

Topmeldungen

In Verl im Kreis Gütersloh wurde ein Wohnblock abgesperrt und Tests durchgeführt.

Cluster bei Tönnies : Was wurde aus dem Corona-Ausbruch in Gütersloh?

Gütersloh war der erste Kreis, in dem wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs eine regionale Einschränkung verhängt wurde. Über die Krankheitsverläufe gibt es nun eine Studie. Entwarnung gibt es noch immer nicht.
In der Kritik: Der neue Awo-Vorstand Steffen Krollmann liegt über Kreuz mit seinem alten Arbeitgeber.

F.A.Z. exklusiv : Awo-Dienstwagen für den Ehepartner

Die Staatsanwaltschaft weitet die Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt aus. Der neue Awo-Chef muss sich derweil gegen Vorwürfe seines ehemaligen Arbeitgebers zur Wehr setzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.