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Corona-Demos : Plötzlich abgedriftet

Acht Wochen habe „der Prozess“ bei ihm gedauert, berichtet der Redner, und es klingt ein wenig nach den verschiedenen Stufen bei Scientology, die man da durchlaufen muss: den Widerstand aufgeben, „googeln“, „aufwachen“ und dann missionieren.

„Zieht die Leute in die Kanäle rein, aus denen ihr euch informiert!“, ruft der Unternehmer in die Menge. „Sagt: Ich kann nicht verlangen, dass du meine Meinung annimmst, aber investiere fünf Minuten.“ Diesen Freundschaftsdienst sei einem doch jeder Freund schuldig.

Googlen, aufwachen, missionieren

Als der Mann vom Sockel steigt, umringen ihn begeisterte Zuhörer. Wie kann man sich vernetzen, wie sich organisieren? Der Graumelierte winkt ab. „Danke Ihnen, toll!“, rufen zwei Damen. Und: „Wie heißen Sie?“ Brüsk: „Spielt keine Rolle.“

Enttäuscht zieht von dannen, wer hier schon den Anführer einer Bewegung geboren sah. Smart und eloquent, ja, aber offenbar noch nicht bereit für größere Aufgaben.

Plötzlich naht die Antifa, es wird unübersichtlich. Eine Pegida-Aktivistin brüllt in ein Megafon, ein Gegendemonstrant will es ihr entreißen, einer zeigt den Hitlergruß. Die Polizei greift sofort ein.

Dem Unternehmer, der eben noch im Licht der großen Bühne stand, wird es etwas zu bunt; er eilt in den Schatten.

Wer ist dieser Mann, der Erfolg und Familie hat und hier seiner Wut über die deutsche Corona-Politik Luft macht? Wer ihm eine Weile zuhört, der erfährt genug, um seinen Namen im Internet zu finden, und der kann sehen, dass er wirklich Firmen aufgebaut und an die Börse geführt hat. Was treibt so einen auf die Straße nach all den Jahren, in denen er, wie er sagt, immer zufrieden war?

Eine persönliche Antwort, das muss man gleich sagen, bekommt man von ihm nicht. Der Mann hat eine Mission, und wie es so ist bei Missionaren, kennen sie nur ein Thema. Deshalb legt er sofort los, spricht über „den kleinen Kreis an Leuten, der uns fremdbestimmt“, Merkel und Bill Gates, das große Geschäft mit der Zwangsimpfung.

„Wissen Sie, was 2014 passierte, als Gates seinen Tetanus-Impfstoff nach Afrika brachte?“ – „Haben Sie Bill Gates 2011 bei Lanz gesehen, als er ganz offen über seine wahren Ziele gesprochen hat?“

All diese Fragen muss man mit nein beantworten, wenn einem die Legenden der Verschwörungstheoretiker fremd sind. Es ist ein bisschen, als sprächen die Leute hier eine andere Sprache, und dass die meisten Menschen diese Sprache nicht verstehen, bestärkt den Unternehmer nur in seinem Eindruck, dass er als Einziger Bescheid wisse.

Als sprächen die Leute hier eine andere Sprache

So ist der Mann überzeugt davon, dass Gates junge Afrikanerinnen massenweise mit seinem Tetanus-Impfstoff sterilisiert habe. Die Weltgesundheitsorganisation weist das Gerücht des unfruchtbar machenden Impfstoffs seit Jahrzehnten als falsch zurück. Und obwohl es keinerlei Belege für diese wilde Theorie gibt, wird sie seit dreißig Jahren immer wieder neu ausgegraben und in den verschiedensten Varianten befeuert.

Der Unternehmer behauptet: Gates habe das in seinem Interview mit Markus Lanz sogar zugegeben, habe dort ausgeplaudert, durch Impfungen das Bevölkerungswachstum verringern zu wollen.

Was Gates in der Sendung wirklich sagte: dass er mit den Impfkampagnen Kinder am Leben erhalten will. Dass er erst zurückhaltend war, weil er fürchtete, andere Probleme würden durch eine Überbevölkerung verschärft, dann aber feststellte, dass das Gegenteil der Fall ist: „Wenn man die Gesundheit verbessert, gründen die Eltern kleinere Familien, weil sie wissen, dass ihre Kinder auch wirklich aufwachsen und sie später unterstützen können.“

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