https://www.faz.net/-gpg-a1riv
Bildbeschreibung einblenden

Corona-Ausbruch in Bayern : Droht Söder ein Tönnies-Moment?

Markus Söder Bild: dpa

Auf einem niederbayerischen Bauernhof haben sich 174 Erntehelfer mit Corona infiziert. Erinnerungen an den Ausbruch im Landkreis Gütersloh werden wach. Ministerpräsident Markus Söder weicht aus.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Am Wochenende ist bekannt geworden, dass ein großer landwirtschaftlicher Betrieb in Niederbayern einen massiven Corona-Ausbruch zu verkraften hat. Zunächst wurden sieben Personen positiv getestet – offenbar, nachdem sie Symptome gezeigt hatten. Eine Reihentestung ergab dann, dass mindestens 174 der aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine stammenden Erntehelfer infiziert sind. Auf dem Hof waren sie in der Gurkenernte eingesetzt.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Der betroffene Betrieb in der 3340 Einwohner zählenden Gemeinde Mamming im Landkreis Dingolfing-Landau wurde vom Kreis unter Quarantäne gestellt, keiner der 480 Mitarbeiter darf derzeit das mit einem Bauzaun eingehegte und von Sicherheitsleuten bewachte Gelände verlassen. Der Frucht- und Gemüsehof wird sich nach Angaben des Landrats auf massive Ernteausfälle einstellen müssen, zumal Ersatzkräfte so schnell nicht zur Verfügung stehen dürften.

          Im Moment geht die Staatsregierung davon aus, dass es sich um ein isolierbares und mithin beherrschbares Infektionsgeschehen handelt. Dafür spreche „im Moment einiges“, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Montag auf einer Pressekonferenz. Wenn sich das bestätige, bleibe „der Lockdown auf den Betrieb beschränkt“. Sollte sich das Virus schon ausgebreitet haben, müsse man über weitere Schritte diskutieren.

          Opposition: Warum ist nichts passiert?

          Damit ist noch nichts darüber gesagt, inwieweit sich die politischen Auswirkungen isolieren lassen. Könnte Mamming für Söder zum Imageproblem werden, wie es der – freilich größer dimensionierte – Fall des Schlachthofs Tönnies für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) wurde? Söder sagte dazu etwas ausweichend: „Man kann nie Fälle vergleichen.“ Man könne „Corona nicht komplett verhindern“. Wenn es aber auftrete, sei es das Wichtigste, gleichsam „innerhalb von Stunden zu handeln“. Das nahm Söder für sich und die Akteure im Freistaat in Anspruch. In der Nähe des Gemüsehofs gibt es bereits eine Teststation, in der Mamminger Bürger sich untersuchen lassen können.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Von der Opposition in Bayern war schon am Sonntag Kritik gekommen. Der parlamentarische Geschäftsführer der Landtags-Grünen, Jürgen Mistol, verwies auf seine parlamentarische Anfrage zur „Unterbringung von Saisonarbeitskräften in Corona-Zeiten“. Aus der Antwort des Arbeitsministeriums geht hervor, dass der Staatsregierung keine Daten vorliegen, wie viele ausländische Erntehelfer derzeit im Freistaat beschäftigt sind. Viele von ihnen befänden sich nur kurzfristig in den jeweiligen Betrieben. Ein Monitoring sei im übrigen „auch nicht gesetzlich vorgeschrieben“. Es lagen auch keine Erkenntnisse vor, wie viele in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind; hier gebe es „keine Meldeverpflichtung“.

          Gleichfalls nicht beantwortet werden konnte die Frage, wie häufig die Gemeinschaftsunterkünfte für Saisonarbeitskräfte seit Beginn der Corona-Pandemie kontrolliert wurden. Mistol zog daraus den Schluss: „Die hygienischen Zustände bei der Unterbringung von Saisonarbeitskräften in Sammelunterkünften sind der schwarz-orangen Landesregierung auch in Corona-Zeiten reichlich egal.“ Florian von Brunn, Verbraucherschutzexperte der SPD, sagte: „Wir haben nach dem Corona-Ausbruch in dem Wiesenhof-Schlachthof Mitte Mai bereits ein Sonderkontrollprogramm auch für Bauernhöfe mit Erntehelfern gefordert.“ Passiert sei offensichtlich nichts.

          Die Sorge vor den „Mini-Ischgls“

          Söder ging am Montag sogleich in die Vorwärtsverteidigung. Es habe am Gemüsehof natürlich ein Hygienekonzept gegeben. Dieses sei nach Angaben des Landrats auch auf Einhaltung kontrolliert worden. Gleichwohl sei „offensichtlich“ dagegen verstoßen worden. Nach bisherigen Erkenntnissen haben sich nicht alle Erntehelfer an die Kontaktgruppeneinteilung von je 25 Personen gehalten. Das Hygienekonzept sah vor, dass die Arbeiter auf speziellen Erntefahrzeugen – „Gurkenflieger“ genannt – liegen und pflücken sollten. Immer dieselben Leute, immer in derselben Reihenfolge. Doch wer sich abends mit wem trifft, sei für die Behörden nur schwer zu kontrollieren, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Montag. Markus Drexler, Sprecher des Bayerischen Bauernverbands, wies darauf hin, dass die Missachtung von Hygienemaßnahmen durch einen Betrieb die ganze Branche in Misskredit und auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen könne.

          Söder kündigte verschärfte Maßnahmen an. Alle Betriebe sollen künftig in kürzeren Abständen kontrolliert werden. Für die Kontrollen sollen „gemischte Teams“ aus Gesundheits- und Gewerbeaufsichtsämtern sowie der Landwirtschaftsverwaltung zuständig sein. Die Kontrollen sollen anders als bisher vorher in keinem Fall mehr angemeldet werden und „Tag und Nacht“ möglich sein. Alle Saisonarbeiter in Bayern sollen im Wege der Anordnung verpflichtend „durchgetestet“ werden. Außerdem soll der Bußgeldrahmen für die Betriebsleitungen von 5000 auf 25.000 Euro erhöht werden.

          Söder weiß aber auch, dass seine Politik von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Wer derzeit in München unterwegs ist, sieht alle Nase lang Verstöße gegen die Pandemie-Regeln, die naturgemäß weitgehend ungeahndet bleiben. Söder appellierte daher auch an die Vernunft: „Corona verzeiht keinen Leichtsinn.“ Man müsse verhindern, dass aus wenigen Fällen schleichend eine zweite Infektionswelle werde. Betriebe wie der in Mamming seien wegen ihrer Überschaubarkeit nicht einmal das Hauptproblem, sondern private Feiern und Urlaubsrückkehrer. „Meine Sorge ist nicht, dass es ein großes Ischgl gibt, sondern viele Mini-Ischgls“, sagte Söder mit Blick auf den früheren Corona-Hotspot.

          Topmeldungen

           Eine Mitarbeiterin des Instituts für Infektiologie Emilio Ribas zeigt den Impfstoff gegen SARS-CoV-2 des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac.

          „Versehen“ des RKI : Das Wumms-Papier aus der Berliner Corona-Zentrale

          Impfung im Herbst – das Schicksal meint es wirklich gut mit den Deutschen, so musste man das neue Positionspapier des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Strategie deuten. Bis der Traum ganz schnell zerplatzte.

          Wieder Proteste : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.