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2:1 gegen Holland : Ronaldos Supershow

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Hat hier jemand Kritik geäußert? Cristiano Ronaldo trifft doppelt Bild: dapd

Die Niederländer versuchen es mit voller Offensive. Van der Vaarts Tor lässt Oranje hoffen. Doch dann legt der viel kritisierte Ronaldo eine Gala par excellence hin und sorgt im Alleingang für das niederländische EM-Aus.

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          Die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine behält eine ihrer größten Attraktionen: Cristiano Ronaldo, den überragenden Spieler von Real Marid und der portugiesischen Nationalmannschaft. Der Weltstar legte am Sonntagabend in Charkiw eine Gala par excellence hin und sorgte im Alleingang dafür, dass die Niederlande erstmals seit 1980 wieder nach der Vorrunde gen Heimat reisen müssen.

          Portugal gewann sein abschließendes Spiel in der Gruppe B deutlicher, als es das Ergebnis aussagt, 2:1 gegen die Holländer – und wie selbstverständlich schoss dabei Ronaldo seine beiden ersten Treffer in diesem Turnier (28./74. Minute). Holland war zwar durch van der Vaart (11.) in Führung gegangen, verlor aber danach gegen die immer stärkeren Portugiesen seine Linie und seinen Mut.

          Drei Niederlagen nacheinander bildeten das Ergebnis einer total missratenen Sommerreise in Europas Osten angemessen ab. Die Niederlande müssen nun eine neue Mannschaft aufbauen und vermutlich auch einen Nachfolger für Trainer Bert van Marwijk finden, die Portugiesen dürfen sich freuen: Sie treffen im EM-Viertelfinale am 21. Juni in Warschau auf Tschechien, den Gewinner der Gruppe A – mit guten Aussichten auf einen weiteren Sieg (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker).

          Nach allem, was bisher geschah, hatte van Marwijk verstanden. Endlich, als es schon fast zu spät war, befahl er mehr Risiko und mehr Mut zur Attacke. Um seinen neuen Offensivgeist zu demonstrieren, änderte der Bondscoach, wie in Holland allseits gefordert, die Aufstellung und bot erstmals seine beiden besten Angreifer auf: den Schalker Bundesliga-Schützenkönig (29 Tore) Klaas-Jan Huntelaar ganz vorn und den treffsichersten Premier-League-Goalgetter Robin van Persie (30) gleich dahinter. Beide blieben wirkungslos.

          Dafür rückte Spielmacher Wesley Sneijder nach links, ohne daraus Kapital zu schlagen. Neu mit dabei als erste Wahl war auch Rafael van der Vaart, Hollands Zweitregisseur und Zweitkapitän für den auf die Bank verbannten Mark van Bommel. Er sollte aus dem halblinken Mittelfeld heraus Impulse nach vorn setzen und tat das ab und zu. „Vor zwei Jahren“, sagte Sneijder vor dem Duell der letzten Chance auf Platz zwei in der Gruppe B, „waren wir noch im WM-Endspiel – und jetzt soll nach der Vorrunde Schluss sein? Das darf nicht sein!“

          Das 0:1 - van der Vaart trifft aus der Distanz zur holländischen Führung Bilderstrecke

          Durfte es aber doch. Die Portugiesen vertrauten weiter ihrem bisher glück- und torlosen Star Cristiano Ronaldo, der mit dem rechts postierten Nani die niederländische Abwehr von den Flügeln her knacken sollte. Das kam dann später, nachdem die Elftal in den ersten Minuten das Spiel machen durfte und prompt durch einen sehenswerten Linksschuss van der Vaarts aus 17 Metern Torentfernung traf (11.).

          Danach aber dominierte Portugal oder, um es genau zu sagen, der zweitbeste Spieler der Welt: Es folgte die Supershow des Cristiano Ronaldo, der seinen sogenannten Gegenspieler Gregory van der Wiel wahrscheinlich nicht einmal erblickt hat – so berauschend wie er an ihm und den anderen Niederländern vorbeistiefelte. Vier beste Gelegenheiten ließ der Star von Real Madrid spektakulär aus, dann aber war es so weit.

          Die Portugiesen gönnen sich eine schöpferische Pause

          Verteidiger Joao Pereira spielte einen Pass mitten in die Schnittstelle der wieder einmal überforderten holländischen Defensive, Ronaldo spurtete in den freien Raum und legte den Ball cool an Stekelenburg vorbei, sein erstes Tor in diesem Turnier. Das 1:1 zur Pause war viel zu wenig für die Lusitanier, die aus einem Duell, in dem es auch für sie um alles oder nichts ging, ein Schauspiel hoher Fußballkunst machten. Dagegen sah Oranje blass aus. Bemüht zwar, aber ohne erkennbaren Glauben an die eigenen Möglichkeiten.

          So ging es nach dem Wechsel weiter – mit dem Unterschied, dass sich die Portugiesen erst einmal eine schöpferische Pause gönnten. Erst in der 66. Minute setzte Ronaldo wieder zu einem seiner unwiderstehlichen Sturmläufe an, spielte zu seinem frei stehenden Madrider Vereinskollegen Coentrao, doch bei dessen Schuss war Torhüter Stekelenburg, der beste Holländer, zur Stelle.

          Die Niederländer werden keinen gemütlichen Urlaub verbringen

          Wären doch die niederländischen Feldspieler so wagemutig gewesen wie ihr famoser Torwart, der nach Ronaldos Solo und Traumvorlage auf Nani (72.) noch einmal das Ärgste verhinderte. Dann aber trat der Meister persönlich auf den Plan, ließ sich zur Abwechslung von Nani bedienen, spielte lässig den bemitleidenswerten van der Weil aus und schob den Ball unhaltbar für den wackeren Stekelenburg zum 2:1 für die deutlich bessere Mannschaft ins Tor (74.).

          Es war die Entscheidung in diesem Ronaldo-Festspiel. Die EM-Organisatoren können aufatmen: Der große Portugiese, der auch noch auf zwei Pfostenschüsse kam, bleibt ihnen erhalten. Für die Holländer aber geht’s nach der Vorrunde schleunigst nach Hause. Sie werden dort keinen gemütlichen Urlaub verbringen.

          Portugal - Niederlande 2:1 (1:1)

          Portugal: Rui Patricio - Pereira, Bruno Alves, Pepe, Coentrão - Raul Meireles (72. Custódio), Miguel Veloso, João Moutinho - Nani (87. Rolando), Hélder Postiga (64. Nélson Oliveira), Cristiano Ronaldo
          Niederlande: Stekelenburg - van der Wiel, Vlaar, Mathijsen, Willems (67. Afellay) - Nigel de Jong, van der Vaart - Robben, van Persie, Sneijder - Huntelaar
          Schiedsrichter: Rizzoli (Italien)
          Zuschauer: 37.445
          Tore: 0:1 van der Vaart (11.), 1:1 Cristiano Ronaldo (28.), 2:1 Cristiano Ronaldo (74.)
          Gelbe Karten: Pereira / Willems, van Persie

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