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F.A.Z. Woche : Das Marx-Business

Auf Probe: ein Modell des künftigen Denkmals in Trier. Bild: dpa

Vor 150 Jahren analysierte ein deutscher Immigrant in London den Kapitalismus. Heute ist Karl Marx selbst eine Ware. Hinter seinem Namen steht ein millionenschweres Geschäft. Unsere Reporter haben es sich angesehen.

          Der Kapitalismus ist gnadenlos. Ohne Rücksicht auf Freund oder Feind frisst er sich bis in die letzten Poren der Gesellschaft; alles und jeden unterwirft er sich. So in etwa hat Karl Marx die Dynamik der modernen Wirtschaftswelt beschrieben. Der Mann hatte recht - abgesehen von einem kleinen Schönheitsfehler. Während Marx als finale Wendung einen Siegeszug des Proletariats prophezeite, hat die Weltgeschichte einen ganz anderen Plan verfolgt und dem Kapitalismus den ultimativen Sieg beschert.

          Johannes Pennekamp

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer dafür einen letzten Beweis braucht, der muss nach Trier reisen. In der Fußgängerzone zwischen Eiscafés und Schuhläden steht dort das Haus, in dem der Philosoph seine Kindheit und Jugend verbrachte. Eine Steintafel an der Fassade erinnert an den früheren Bewohner. Innen hat sich ein "Euroshop" breitgemacht: Sonnenbrillen, Haarklammern, Fahrradpumpen; alles kostet hier einen Euro. Der Warenfetisch in Marx' Elternhaus ist eine bösartige Pointe der Geschichte. Denn der berühmteste Trierer hat 1867 in seinem Hauptwerk "Das Kapital" vor Mini-Löhnen, fragwürdigen Arbeitsbedingungen und der Globalisierung gewarnt. Im Jahr 2017 ist er selbst längst ein Produkt, mit dem Geld verdient wird.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Neues Interesse an Krisenpropheten

          Der Mann mit dem Rauschebart, der zeit seines Lebens die Reichen kritisierte und mit seiner vielköpfigen Familie in teilweise bitterer Armut lebte, erlebt kurz vor seinem 200. Geburtstag ein Revival. Er wird wieder gelesen, sein Werk dient Hunderttausenden Menschen in aller Welt als geistiger Kompass durch bewegte Zeiten; seine Name garantiert Touristen und Besucher. "Es ist schon interessant, zu sehen, wie der große Analytiker von Ware, Wert und Preismechanismen jetzt selbst zu einer Ware wird", sagt Marien van der Heijden, Chef des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam. Dort liegen tief in den Archiven die meisten Handschriften und alle überkommenen Manuskripte von Marx.

          Die letzte große Finanzkrise hat das Interesse an dem Krisenpropheten neu geweckt; das anstehende Jubiläum lässt das Marx-Business aufblühen: in Trier, in Berlin, in China - und ein wenig auch in London: In der britischen Hauptstadt hat Marx mehr als die Hälfte seines Lebens verbracht. Auf dem Highgate Cemetery im Nordwesten Londons, den Besucher für vier Pfund betreten dürfen, liegt er begraben. Wer sich an einem Frühlingssonntag in der Metropole auf Spurensuche begibt, der stößt auf ein Häuflein Interessierter am Piccadilly Circus - und auf Heiko Khoo, einen überzeugten Marxisten.

          Khoo führt ein paar Touristen zwei Stunden lang durch den Stadtteil Soho. Zehn Pfund kostet der Rundgang. "Sie haben Glück, dass Sie früh dran sind", begrüßt er seine Kunden. "Wenn erst mal die ganzen Chinesen erfahren, dass Marx in London war, werden Millionen von ihnen diese Tour hier machen." Ein Scherz, der nur halb scherzhaft gemeint ist. Der Marx-Kenner hat gerade ein Buch über die Londoner Zeit des großen Mannes geschrieben. Veröffentlicht werde es zuerst in China, sagt Khoo - da wo er den großen Wachstumsmarkt für sein Gewerbe vermutet. Die chinesische Botschaft engagiert ihn schon heute für Führungen. Auch chinesische Banker, die auf Geschäftsreise in London sind, gehen mit ihm auf Marx-Spurensuche. Doch an diesem Sonntagmorgen sind keine Chinesen mit von der Partie. Stattdessen ist eine buntgemischte Gesellschaft aus aller Welt erschienen. Der Amerikaner Joe zum Beispiel, der zu Besuch in London ist: "Der Kapitalismus ist 19. Jahrhundert. Wir brauchen aber ein Wirtschaftsmodell für das 21. Jahrhundert", findet er. Deshalb ist er hier.

          Für den Schreibtisch oder das hauseigene Museum: Marx-Büsten im Souvenirshop.
          Für den Schreibtisch oder das hauseigene Museum: Marx-Büsten im Souvenirshop. : Bild: Marcus Kaufhold

          Gedenktafel erinnert an Marx

          Die erste Station ist eine Eckkneipe nur ein paar Straßen vom Piccadilly Circus entfernt. Heute ist hier eine Cocktail-Bar, zu den Zeiten von Marx hieß der Laden "Red Lion". Im Versammlungsraum des Pubs im Obergeschoss trafen sich 1847 Marx und seine Anhänger. Hier wurde er beauftragt, das "Kommunistische Manifest" zu verfassen. Khoo zitiert den berühmten ersten Satz: "Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Kommunismus."

          Zu Lebzeiten scherte sich kaum jemand um den deutschen Immigranten aus Trier, der im England der industriellen Revolution den Großteil seines Werkes schrieb. Er war an die Themse gekommen, weil er in Frankreich und Deutschland von der Obrigkeit als Umstürzler verfolgt wurde. Ein hochgebildeter Rebell. London war die Welthauptstadt des Kapitals. Es war groß, reich und teuer. Es seien armselige Jahre für Marx im Stadtteil Soho gewesen, sagt Khoo. An einem der Häuser in der Dean Street ist eine blaue Gedenktafel an die Fassade geschraubt. Fünf Jahre hatte die Familie einst hier in einer kleinen Wohnung gelebt, drei Kinder sind hier gestorben. Drüben, in der British Library schrieb Marx an seinem Werk. Heute parken in der Dean Street teure Sport- und Geländewagen. Auf der Straße stimmt Khoo am Ende seiner Tour "Die Internationale" an: "Völker hört die Signale" Die Passanten wundern sich, die Zuhörer applaudieren.

          Marx aus der Flasche? Ein Spätburgunder aus Mertesdorfer Weinbergen, wo die Familie Marx Weinberge besaß.
          Marx aus der Flasche? Ein Spätburgunder aus Mertesdorfer Weinbergen, wo die Familie Marx Weinberge besaß. : Bild: Ullstein

          Briefe kosten ein Vermögen

          Im Amsterdamer Archiv haben sie die bekanntesten Zitate, Thesen und Wendungen von Marx in Dutzenden dicken Bänden in den Regalen stehen. Das Manuskript des "Kapitals" sei bei der Bombardierung Hamburgs im Juli 1943 verbrannt, sagt Institutschef van der Heijden. Das Manuskript für das "Manifest der Kommunistischen Partei" hat der Setzer in London kurz nach der Drucklegung 1848 zerrissen. In Amsterdam haben sie noch eine handschriftliche Abschrift der ersten Seite des Manifests und Marx persönliches Exemplar des "Kapitals".

          Der Archivchef hatte für beide einen Antrag zur Aufnahme ins Unesco-Welterbe eingereicht, und für beides ein Ja bekommen. Beide Handschriften sind heute unbezahlbar. Auf Versteigerungen in Londons Auktionshäusern kostet ein einfacher Brief aus der Feder von Marx heute so viel wie ein VW Golf, eine Kopie des "Kapitals" mit einem Autograph des Autors hat den Preis eines Porsches. Die Handschriften in Amsterdam liegen hinter dicken Stahltüren. Die Archivare haben ein kleines, wertvolles Paket geschnürt. Es geht nächstes Jahr als Leihgabe nach Deutschland. In Trier soll das Geschäft mit Marx zu einem echten Wirtschaftsfaktor werden.

          Trier bereitet sich auf 200. Geburtstag vor

          In seinem Geburtshaus, in dem er auch sein erstes Lebensjahr verbrachte, hat die Friedrich-Ebert-Stiftung schon lange ein Museum eingerichtet. Mehr als 40 000 Besucher seien im vergangenen Jahr gekommen. Jeder dritte war Chinese. Das Ticket kostet vier Euro, die Flasche Marx-Wein von der Mosel 8,99 Euro. Das ist nur ein Vorgeschmack: Im kommenden Jahr feiert Trier den 200. Geburtstag von Marx. Fans aus aller Welt werden kommen. Die alte Römerstadt rüstet sich für den Ansturm.

          Auf dem Highgate-Friedhof in London ist ein besonders großes Exemplar seiner Büste zu sehen.
          Auf dem Highgate-Friedhof in London ist ein besonders großes Exemplar seiner Büste zu sehen. : Bild: Martin Sasse/laif

          Rainer Auts, der für die Organisation verantwortlich ist, steht am Fenster seines Büros. Er schaut auf den Simeonstiftplatz. Bald wird er von hier aus mit Marx Blickkontakt aufnehmen können. Vor seinem Fenster wird eine Statue des Philosophen errichtet, auf einem Podest, fünfeinhalb Meter hoch. Ein Geschenk aus China. Monatelang wurde darüber gestritten; jetzt ist klar: Der Riesen-Marx kommt - und fast so groß wie geplant. Überall wird darüber gesprochen; in Deutschland, in England und vor allem in China.

          Kulturtouristen in die Geburtsstadt locken

          Auts hat die Aufgabe, diese Aufmerksamkeit in Besucherzahlen umzumünzen. Mit seinen zehn Mitarbeitern plant er die "Große Landesausstellung" im Sommer 2018. Die soll den Denker "kritisch würdigen". Der Bund stellt 1,5 Millionen Euro bereit. Stadt und Land geben zusammen eine weitere Million. Das öffentliche Geld erhöht den Druck. "Die Welt wird gucken, wie wir das machen", sagt Auts. Der studierte Historiker ist seit einem Jahr Geschäftsführer der eigens gegründeten Ausstellungsgesellschaft.

          Rund 2,5 Millionen Euro muss er schätzungsweise mit dem Ticket-Verkauf und Marx-Merchandising einnehmen. Damit das klappt, sei man schon jetzt "B2B unterwegs". Will heißen: Im März knüpften die Trierer auf der Tourismusmesse ITB in Berlin Kontakte zu Reiseanbietern, die "klassische Kulturtouristen" - also Gutverdiener mit überdurchschnittlicher Bildung - nach Trier bringen sollen. Auch bei Studenten, Kirchen- und Gewerkschaftsmitgliedern will Auts Werbung machen. "Das Werk ist so relevant", sagt er, "da gibt es ganz unterschiedliche Zielgruppen."

          China nutzt Marx als Existenzberechtigung

          Wie in London hofft man auch in Trier auf die Chinesen. Auts hat eine Mitarbeiterin zu einer Messe nach Xiamen, Triers Partnerstadt im fernen Reich der Mitte, geschickt. "Das Potential dort ist riesig", sagt er. Damit hat er recht. Denn in China, dem Land, das bald im siebzigsten Jahr von einer Partei regiert wird, die nach Meinung vieler nur noch dem Namen nach kommunistisch ist, erreicht die Marx-Vermarktung gerade ihren Höhepunkt. Dabei ist China das Land mit den meisten Neureichen in der Welt.

          Es hat mittlerweile mehr als eine Million Millionäre. Denn anstelle der klassenlosen Gesellschaft propagiert die Partei seit dem Start der Reformen von Deng Xiaoping Ende in den siebziger Jahren einen hemmungslosen Kapitalismus. Doch gerade deshalb wird die Marke Marx von Chinas Herrschern gern gebraucht: als Beweis für die Existenzberechtigung der Diktatur des Proletariats in Form der Partei. 250 Millionen Yuan (knapp 34 Millionen Euro) lässt Chinas Staatspräsident Xi Jinping, der seinen Doktortitel in marxistischer Theorie erworben hat, jedes Jahr an Subventionen fließen: in Universitäten und Schulen, Denkfabriken und neu errichtete Marx-Archive, um Marx zu ehren. Ein Etikettenschwindel, von dem jeder weiß.

          Marx auf Tassen und Stifte, zum Mitnehmen als Souvenir. Ein Widerspruch?
          Marx auf Tassen und Stifte, zum Mitnehmen als Souvenir. Ein Widerspruch? : Bild: mauritius images

          "Weltkonferenz des Marxismus"

          Marx, lautet die Propaganda, sei für China immer noch aktuell. Die Straßen der großen Städte sind zwar voller Porsches und Gucci-Läden. Doch das sei nur ein vorübergehender Schritt auf der Reise Chinas zum Endziel der klassenlosen Gesellschaft. So fand vor anderthalb Jahren in Peking die erste "Weltkonferenz des Marxismus" statt. Die Partei hatte Professoren aus aller Welt einfliegen lassen. Die wohnten den Bekundungen der Kadergelehrten aus den Parteischulen bei, die zu begründen versuchten, warum Marx im China der Gegenwart noch eine Rolle spiele.

          Dreihundert Yuan bekam jeder Reporter als Prämie, der über das bizarre Spektakel berichtete. Bis heute arbeitet Chinas Marketingkampagne für ein Marx-Comeback mit finanziellen Anreizen: Dozenten, die an Universitäten oder Schulen Marx-Vorlesungen abhalten, bekommen dafür vom Staat zweitausend Yuan je Ideologieeinheit, umgerechnet 270 Euro. In China läuft das Marx-Business staatlich gelenkt. In Deutschland funktioniert es kurz vor dem großen runden Geburtstag ganz von selbst.

          Bildungsauftrag im Vordergrund?

          In den Kinos lief gerade wochenlang "Der junge Karl Marx". August Diehl spielte die Hauptrolle. Frisch gedruckte Biographien liegen in den Regalen der Buchhändler. Und dann sind da noch die Marx-Schriften selbst, mit denen sich - dank kostenfreier Rechte - gutes Geld verdienen lässt. In Deutschland macht das der Berliner Karl Dietz Verlag, ein kleiner Fachverlag mit einer "langen und trotz aller verlegerischen Verdienste doch unrühmlichen Vergangenheit", wie Verlagsleiter Martin Beck sagt.

          Bis 1989 habe der Dietz-Verlag als "ein Flaggschiff der SED-Rechtfertigungspropaganda" fungiert; heute erscheint dort "Das Kapital" in der Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW). Das Werk gehöre "zu unseren Kassenschlagern", so Beck. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008 habe man mehr als 3100 Exemplare des ersten Bandes verkauft - zwei Jahr zuvor seien es weniger als 800 gewesen. Heute liegt die Zahl irgendwo dazwischen. Das steigende Interesse in Krisenzeiten hat Begehrlichkeiten geweckt. Auch die Verlage Kröner und Faber & Faber haben den dicken Wälzer neu aufgelegt.

          Mit Marx Geld zu verdienen ist en vogue. Ist es aber nicht ein Widerspruch, den Kapitalismuskritiker selbst zur Ware zu machen? Rainer Auts, der Ausstellungsmanager in Trier, muss über diese Frage erst nachdenken. Dann sagt er: "Diesem Vorwurf wird man sich nicht verwehren können." Für ihn aber stehe der Bildungsauftrag klar im Vordergrund. Werden die Tickets in Trier dann günstiger sein als bei vergleichbaren Ausstellungen? Auts schüttelt den Kopf. "Auch wir unterliegen dem kapitalistischen Verwertungszwang."

          Quelle: F.A.Z. Woche

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