24.07.2011 · Der Doppelanschlag von Norwegen weckt Erinnerungen an das Bombenattentat auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma-City vor 16 Jahren, bei dem 168 Menschen getötet wurden. Der Täter hatte ebenfalls einen rechtsradikalen Hintergrund.
Von Thomas GutschkerEine solche Tat und einen solchen Täter hat es noch nicht gegeben in der Kriminalgeschichte. Ein Mann mit rechtspopulistischem Hintergrund zündet erst eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo, dann tötet er Kinder und Jugendliche in einem Ferienlager auf der Insel Utøya. Am Ende lässt er sich von der Polizei festnehmen.
Der Anschlag von Oslo weckt Erinnerungen an das Attentat von Oklahoma. Am 19. April 1995 zündete Timothy McVeigh eine gewaltige Autobombe vor einem Gebäude der Bundesverwaltung. Das Haus wurde fast vollständig zerstört, 168 Menschen verloren ihr Leben, 680 wurden verletzt. Der Attentäter wurde gefasst, sein Kompagnon flog auf. Er hatte beim Bombenbauen geholfen. Beide kannten sich aus dem Heer. Sie bewunderten die in Amerika weitverbreiteten Bürgermilizen. Das sind Gruppen, die glauben, sie müssten ihre Freiheit gegenüber der Bundesregierung mit Waffengewalt verteidigen. Die Mitglieder hängen einer Ideologe weißer Überlegenheit an, einem anarchistischen Herrenmenschentum. Doch obwohl die beide Männer gelegentlich an Wehrübungen teilnahmen, wurden sie bei ihrer Tat nicht von außen unterstützt. Sie waren Einzeltäter, die ihre Tat genau planten.
Acht Monate vor dem Anschlag besorgten sie sich die Zutaten: Tonnenweise Ammoniumnitrat (Mineraldünger) und mehrere hundert Liter Nitromethan (Kraftstoffzusatz) - Mittel aus der Landwirtschaft, legal erworben. Über den norwegischen Verdächtigen heißt es, er habe Anfang Mai sechs Tonnen Dünger gekauft, die zum Bombenbau verwendet werden können. Fünf Monate vor der Tat suchten McVeigh und sein Helfer ihr Ziel aus: Sie wollten so viele Regierungsmitarbeiter töten wie möglich, vorzugsweise des Bundeskriminalamts FBI und der Behörden, die den Besitz von Rauschgift, Alkohol und Schusswaffen bekämpfen.
Über ihre Motive berichteten sie später in den Vernehmungen. Den Ausschlag zur Tat gab demnach die Erstürmung des Sitzes einer Sekte in Waco, Texas, durch Spezialeinheiten. 76 Personen kamen zu Tode, die Attentäter waren mit keiner einzigen bekannt. Aber McVeigh hatte die Belagerung der Sekte miterlebt. Er fühlte seine eigene Freiheit bedroht. Den Sprengsatz zündete er exakt zwei Jahre nach dem Einsatz in Waco. Er trug ein T-Shirt, auf dem ein Satz von Thomas Jefferson stand: "Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit erneuert werden mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen."
McVeigh wollte überleben, er hatte seine Flucht so gut geplant wie den Anschlag. Dass er der Polizei ins Netz ging, war Zufall. McVeigh wollte nicht berühmt werden, seinen Namen auf den Titelseiten der Zeitungen lesen. Er wollte nur seinen Kampf gegen den Staat gewinnen.
So weit fallen die Ähnlichkeiten ins Auge. Doch der norwegische Verdächtige ließ seiner ersten Tat eine zweite folgen. Das ist neu. Das Massaker auf der Insel Utøya, bei dem viel mehr Menschen, zumal Kinder und junge Leute, ums Leben kamen als zuvor in Oslo, erinnert viel eher an die Schulmassaker von Littleton, Erfurt und Winnenden. Das gilt für die Tat - aber wohl nicht für den Täter. Denn Schulmassaker werden von Tätern begangen, die sich erniedrigt fühlen durch ihre Mitschüler. Sie wenden sich nach innen, versinken in ohnmächtiger Wut, schmieden einen Todesplan. Wenn sie mit der Waffe über das Schulgelände rennen, töten sie Kameraden, Bekannte, vielleicht sogar Freunde von einst. Jeder Schuss verschafft ihnen Genugtuung, das Gefühl der Überlegenheit. Deshalb fällt es ihnen nicht schwer, sich selbst zu richten, bevor die Polizei am Tatort aufkreuzt. Sie haben alles erreicht, was sie erreichen wollten.
Der Mann, der auf Utøya wütete, hätte sich erschießen können. Aber er tat es nicht.
Stärker noch
Lutz Jansen (LJA)
- 24.07.2011, 18:03 Uhr