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Tränenforschung : Heul doch!

  • -Aktualisiert am

Sie heult aus Freude über den Oscar: Gwyneth Paltrow Bild: picture-alliance / dpa

Ob Trauer, Freude oder Zorn: Anlässe zum Weinen gibt's genügend. Ansätze aus der Wissenschaft, was der Mensch damit bezweckt, existieren schon weniger. Grund genug also, um dem Rätsel auf die Spur zu gehen.

          Natürlich sollte man Schlagertexten grundsätzlich misstrauen. Manchmal aber bringen sie die Dinge auf den Punkt. Dass beispielsweise Tränen in den allermeisten Fällen tatsächlich nicht lügen, ist so ziemlich das einzige, was man sicher über sie sagen kann.

          Im Grunde genommen ist nicht einmal klar, weshalb der Mensch überhaupt weint. Dass Lebewesen schreien, um Hilfe herbeizuholen, oder dass sie unterwürfig wimmern, leuchtet sofort ein: Ein bisschen Gejammer kann das Leben verlängern, wenn man Reißzähne an der Gurgel spürt oder die Klinge eines Feindes. Doch das sind Ausnahmesituationen, zumal für den modernen Menschen. Weshalb aber weinen wir so emotional? Weshalb vergießen wir Tränen? Und weshalb in Situationen, in denen das, zumindest aus biologischer Sicht, keinen nennenswerten Nutzen erbringt: beim Lottogewinn, bei einer Beerdigung oder nach einem verlorenen Fußballspiel?

          Nüchtern betrachtet, kann man das Weinen als eine sekretomotorische Reaktion definieren, deren auffälligstes Charakteristikum das Ausscheiden von Tränen aus dem Lakrimalapparat ist. Dabei kommt es zu Veränderungen der für die Mimik zuständigen Muskulatur, der Stimme und einer Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur, die zu einem konvulsivischen Ein- und Ausatmen führen kann, dem Schluchzen.

          Einer der ersten war Charles Darwin

          Einer der ersten, die über die Gründe für diese ausschließlich dem Menschen vorbehaltene Form, Gefühle auszudrücken, unter wissenschaftlichen Aspekten nachdachten, war Charles Darwin. Er formulierte zwei Erklärungsansätze, die seitdem immer wieder diskutiert werden. Zum einen sei Weinen ein Hilfssignal, zum anderen wirke es entspannend. Weshalb Menschen allerdings salzige Tränen dabei vergießen, das erklärt weder die eine noch die andere These. Und dass Weinen entspannend und beruhigend wirkt, ist in der neueren Forschung umstritten - häufig ist eher das Gegenteil der Fall.

          Um den methodischen Problemen zu entgehen, die psychologische oder soziale Modelle des Weinens mit sich bringen, hat der amerikanische Biochemiker William Frey versucht, eine rein physiologische Erklärung des Weinens vorzulegen. Seiner Ansicht nach werden mit Hilfe des Tränenflusses toxische Stoffe ausgeschwemmt, etwa Abfallprodukte von Schmerzreaktionen. Den Tränendrüsen käme in diesem Fall eine ähnliche Funktion zu wie den Nieren. Allerdings konnten in gefühlsbedingten Tränen keine toxischen Substanzen in überzeugender Menge nachgewiesen werden.

          Es ist daher kein Zufall, daß sich die meisten Untersuchungen zum Weinen auf dessen kommunikative Funktion konzentrieren. So sieht der amerikanische Psychologe Jeffrey Kottler in Tränen Signale, die Zuwendung und Hilfsbereitschaft mobilisieren sollen. Dass nur Menschen weinen, erklärt er mit deren verzögerter frühkindlicher Entwicklung, die ein Verhalten notwendig mache, das dem Kind Nahrung, Schutz und Hilfe zukommen lässt.

          Zeichen der Entspannung

          Die Psychologen Jay Efran und Thomas Spangler sehen in Tränen dagegen vor allem Zeichen der Entspannung. Im Rahmen ihres zweistufigen emotionspsychologischen Modells nehmen sie an, daß emotionale Erregung das Ergebnis misslungener Integration von Ereignissen oder Erlebnissen ist. Eine kognitive Neubewertung, ausgelöst etwa durch ein neues Ereignis, führt schließlich zur Wiederherstellung des emotionalen Gleichgewichts. Dabei kommt es zu einer Erregung des Parasympathikus, also jenes Teils des vegetativen Nervensystems, das die Regeneration und Erholung steuert. Und mittelbar eben auch das Weinen beeinflusst.

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