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Wirtschaftsgeschichte Mönche erfinden die freie Marktwirtschaft

26.06.2011 ·  Handel bringt Frieden, Konkurrenz ist gut und zu viel Geld schafft Inflation: Das erkannten geistliche Gelehrte schon im 16. Jahrhundert. Wäre man ihnen früher gefolgt, hätten „Teile der Wirtschaftswissenschaft schneller entwickelt werden können“.

Von Karen Horn
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Sie hießen Martín de Azpilcueta, Jerónimo Castillo de Bovadilla oder Diego de Covarrubias y Leyva. Es sind klangvolle Namen – doch heute ist mit ihnen kaum jemand mehr vertraut. Sie und weitere Mönche lebten im 16. Jahrhundert, sie zählten zu den spanischen Spätscholastikern, der Schule von Salamanca. Warum sollte man sie kennen? Weil sie es waren, die den naturrechtlich begründeten Freiheitsgedanken in zahlreiche Gebiete der Wissenschaft hineintrugen. Weil ihre Beiträge geprägt waren vom Bekenntnis zum Recht des Menschen auf Leben, Freiheit, Würde, Eigentum und Meinungsfreiheit. Und weil sie somit wichtige geistliche Vordenker wettbewerblicher Märkte waren. Dass sich die Marktwirtschaft im Laufe der Menschheitsgeschichte immer mehr entfalten konnte, verdankt sich nicht nur den Calvinisten, wie Max Weber meinte – sondern auch den Vorarbeiten aus Salamanca.

Salamanca ist eine Kleinstadt gut 200 Kilometer nordwestlich von Madrid. Die Universität, 1218 gegründet und damit eine der ältesten Hochschulen der Welt, war im 16. Jahrhundert eine Hochburg der thomistischen Theologie. Von der Eroberung Süd- und Mittelamerikas, dem Renaissance-Humanismus und der Reformation fühlten sich die Denker herausgefordert, die Lehren Thomas von Aquins fortzuentwickeln: jenes großen Kirchenlehrers aus dem 13. Jahrhundert, dem es gelungen war, das religiöse Dogma mit Vernunft und Wissenschaftlichkeit zu versöhnen.

Auf den Spuren bahnbrechender Arbeit

Die strenge theoretische Argumentation zeichnete alle Scholastiker aus. Dabei war die Wissenschaftlichkeit kein Selbstzweck. Die Erforschung der Gesetzmäßigkeiten, innerhalb derer sich die Menschheit in der Welt bewegt, galt nur als notwendige Voraussetzung für die Moral. Auch der heilige Thomas von Aquin hatte sich in diesem Rahmen schon mit ökonomischen Fragen beschäftigt. Ein Meilenstein auf dem Weg zu Theorie und Praxis der Marktwirtschaft war seine Erkenntnis, dass der Wert eines Gutes nicht bloß den Produktionskosten entspricht. Der „gerechte Preis“ ergibt sich aus dem Zusammenspiel des Angebots mit der Nachfrage. Der (notwendig subjektive) Wert offenbart sich somit erst im Marktpreis.

Auf den Spuren Thomas von Aquins haben die Spätscholastiker auf allen Feldern der Wissenschaft bahnbrechende zivilisatorische Arbeit geleistet. Die Theologie verdankt ihnen Beiträge über die Existenz des Bösen, zur Vereinbarkeit von freiem Willen und göttlicher Allwissenheit, zur Vorbestimmung und zur Gnade. Ähnlich wie Luther unterschieden sie zwischen weltlicher und geistiger Macht; sie leiteten hieraus ein Argument zur Eindämmung der Staatsgewalt ab. In der Ethik befassten sie sich mit dem heiklen Thema des Tyrannenmordes. Politisch formulierten sie strenge Kriterien für einen „gerechten Krieg“ und haderten mit der Kolonisation; sie formulierten universelle Menschenrechte und Grundzüge des Völkerrechts.

Motivationsleistung des Eigentums

Für die Entstehung des Kapitalismus waren ihre Beiträge auf dem eigentlichen Gebiet der Ökonomie bedeutsam. Diego de Covarrubias y Leyva radikalisierte Thomas’ Werttheorie mit der Bemerkung, dass „der Wert einer Sache nicht von ihrer objektiven Natur, sondern selbst dann von der subjektiven Wertschätzung der Menschen abhängt, wenn diese verrückt sei“. Francisco de Vitoria fragte nach der moralischen Annehmbarkeit des Gewinns und ging einen entscheidenden Schritt weiter als Thomas von Aquin: Er begriff die Handelsfreiheit als Bestandteil der natürlichen Ordnung und erblickte hierin sogar eine die Menschheit friedlich verbindende Kraft. Zudem entstand das dynamische Konzept der unternehmerischen Konkurrenz. Jerónimo Castillo de Bovadilla erkannte, dass „die Preise bei Überfluss, Wetteifer und Konkurrenz der Verkäufer sinken“.

Luis de Molina erkannte die Motivationsleistung des Eigentums: Wem etwas gehört, der kümmert sich und setzt es sinnvoll ein. Den Zins begründeten die Spätscholastiker als Entschädigung des Geldverleihers für den Nutzen oder den Gewinn, den er anderweitig hätte erzielen können. Sie entdeckten die „Zeitpräferenz“, also die Tatsache, dass Konsum heute zumeist höher bewertet wird als Konsum morgen – auch so lässt sich ein positiver Zins begründen. Die spätere „Quantitätstheorie des Geldes“ nahmen sie ebenfalls vorweg und erkannten: Wenn zu viel Geld zirkuliert, gibt es Inflation. Auch deren verzerrende Wirkung war den Scholastikern klar, ebenso wie die fatale Wirkung von Höchstpreisen. Sie plädierten für eine volle Deckung von Bankeinlagen.

„Begründer der Wirtschaftswissenschaft“

Überrascht hätte die Padres aus Salamanca noch nicht einmal die wohl wichtigste Entdeckung Friedrich August von Hayeks, nämlich der Gedanke der „Wissensteilung“, der Sammlung, Nutzung und Neuentstehung verstreuten Wissens auf wettbewerblich verfassten Märkten. Denn schon Juan de Salas stellte fest, dass ein determinierter Gleichgewichtspreis gar nicht existieren könne: Niemand verfüge über die hierfür notwendigen Informationen, da diese erst auf dem Markt geschaffen, entdeckt und gehandhabt würden. Schon gar nicht die Regierung: „Es ist großer Unsinn, wenn der Blinde den führen will, der sieht“, schrieb Juan de Mariana.

Joseph Schumpeter zollte den Spätscholastikern in seinem postum veröffentlichten Mammutwerk „Geschichte der ökonomischen Analyse“ höchsten Respekt: „Die Scholastiker sind mehr als jede andere Gruppe die ,Begründer‘ der Wirtschaftswissenschaft geworden.“

Doch wenn alle ihre Leistungen so wichtig und so folgenreich waren, warum kennen dann heute nur noch dogmenhistorische Liebhaber die frühen Marktradikalen aus Salamanca? Ihre Schriften waren in Latein verfasst und fanden nur eingeschränkte Verbreitung; die Rolle der Kirche schwand ohnehin. Und die Theorie war bruchstückhaft. So fehlte eine Verteilungstheorie, man konnte weder den Lohn noch die Bodenrente vernünftig herleiten. Auch war wohl die Zeit noch nicht reif für die liberalen Lehren der Schule von Salamanca.

„Zeitraubender und arbeitsverbrauchender Umweg“

Selbst Adam Smith konnte nur teilweise an sie anknüpfen. Er übernahm den moralischen Gedanken von der natürlichen Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Doch seine Werttheorie fiel weit hinter Salamanca zurück – womit er den Boden für eine theoretische und politische Entwicklung bereitete, die ihn hätte erschauern lassen: den Marxismus mit seiner Arbeitswertlehre.

So schlug die Ökonomie erst noch „einen zeitraubenden und arbeitsverbrauchenden Umweg“ ein, wie Schumpeter klagte. Auf den Grundlagen der Schule von Salamanca „für einen brauchbaren und vollständigen analytischen Werkzeugkasten“ hätte „ein beträchtlicher Teil der Wirtschaftswissenschaft des 19. Jahrhunderts schneller – und mit weniger Mühe, als es tatsächlich geschehen ist – entwickelt werden können“. Doch Fortschritt verläuft nicht linear. Vergeblich waren die Mühen der Padres jedenfalls nicht. Drei Jahrhunderte später inspirierten sie den Österreicher Carl Menger, der die subjektive Werttheorie ausgrub und sie mit dem von ihm entdeckten Marginalismus verknüpfte: der Wert eines Gutes wird durch die subjektive Wertschätzung seiner jeweils letzten Einheit bestimmt. Mit Mengers Werk „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ (1871) entstand die österreichische Schule der Nationalökonomie, mit der sich neben Menger selbst und Hayek auch Namen wie Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises, Murray Rothbard und Israel Kirzner verbinden. Als „Austrian Economics“ floriert diese Schule heute international. Ihren Kern bestimmen nach wie vor Subjektivismus und Individualismus, die Betonung der Rolle des Unternehmertums und des verstreuten Wissens, sowie die Hinwendung zu dynamischen Prozessen statt zum statischen Gleichgewicht.

Karen Horn leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Quelle: F.A.Z.
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