Home
http://www.faz.net/-gqt-c5g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wirtschaftsgeschichte Die Erfindung des Unternehmens

14.05.2011 ·  Unternehmen werden gegründet und gehen pleite. Beides ist wichtig. Wenn Unternehmen nicht mehr untergehen können, werden sie behäbig.

Von Werner Plumpe
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Die moderne Wirtschaft ist ohne Unternehmen nicht vorstellbar, obwohl es sich hierbei um ausgesprochen fragile Gebilde handelt. Gründung und Konkurs - beides gehört zum Alltag des Kapitalismus, der seine ökonomischen Zwecke gerade deshalb so effizient verfolgen kann, weil es diese extrem flexible Möglichkeit der Organisation gibt. Stets wechselnde Unternehmen sind die Träger des ökonomischen Strukturwandels. Das Unternehmen ist die Form, in der sich gleichzeitig alles ändern und alles gleich bleiben kann. "Das Unternehmen ist tot, es lebe das Unternehmen" - der eigentlich auf Könige bezogene Spruch trifft viel eher noch auf die moderne Wirtschaftswelt zu.

Gesellschaften, in denen wirtschaftliche Zwecke nicht über freie Unternehmen verfolgt werden, tun sich mit wirtschaftlichem Strukturwandel schwer, ja verhindern ihn im Grunde. Das galt schon für die vormoderne Welt, als die Unternehmensgründung nicht selten von politischer Privilegienvergabe abhing. Die privilegierten Unternehmen, etwa die mit obrigkeitlichem Monopol ausgestatteten Manufakturen der frühen Neuzeit, verhinderten wirtschaftlichen Wettbewerb. Sie waren, als mit der Französischen Revolution und der überlegenen englischen Konkurrenz Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die Welt der Privilegien unterging, ohne Überlebenschance. Aber auch die Kombinate des Sozialismus überlebten den Mauerfall nur kurze Zeit. Dabei waren nicht einmal die Besitzverhältnisse entscheidend; verheerend waren die Ausschaltung des Wettbewerbs und die staatliche Bestandsgarantie. Wenn Unternehmen nicht mehr untergehen können, werden sie behäbig.

Das Auf und Ab der Unternehmen ist also nicht eine lästige Eigenschaft der modernen Wirtschaft; es ist ihre notwendige Voraussetzung, wenn sie dynamisch bleiben will. Daher konnte sich eine moderne Wirtschaft erst durchsetzen, als flächendeckend die Hindernisse der freien Unternehmensbildung gefallen waren. In Deutschland beziehungsweise Preußen war das mit den preußischen Reformen nach der verheerenden Niederlage gegen Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall.

Es gab mehrere Gründungswellen

Seit dieser Zeit konnten sich Unternehmer frei betätigen - und sie taten das, so dass in mehreren Gründungswellen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts jene Unternehmenslandschaft entstand, die wir heute kennen. In den 1820er und 1830er Jahren wurden zahlreiche Textilunternehmen, Maschinenbauanstalten und Eisenbahngesellschaften gegründet; seit den 1850er Jahren (der eigentlichen Gründerzeit) kamen zunächst Unternehmen der Schwerindustrie, dann der chemischen und elektrotechnischen Industrie, der Konsum- und Verbrauchsgüterindustrie, später der Automobilindustrie hinzu. Seither ist das Muster beständig: Entstehen neue wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten, entstehen zumeist auch neue Unternehmen. Manche Unternehmen schaffen es, sich zu wandeln; sie bleiben dann länger erhalten. Doch in der Mehrzahl der Fälle gilt, dass Unternehmen nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Der Strukturwandel, aber auch Fehler in der Unternehmensführung und konjunkturelle Schwankungen können schnell das Aus bedeuten.

Was aus volkswirtschaftlicher Sicht ein großer Vorteil ist, stellt sich im Einzelfall als Problem dar. Hier kommen wir auch der historischen Entstehung der Unternehmen auf die Spur. Derjenige, der sein Geld zur Gründung eines Unternehmens gibt, läuft Gefahr, alles zu verlieren. Dass das der Strukturwandel ist, dass hiervon unter Umständen alle profitieren, wird den Kapitalgeber kaum trösten, der sein Vermögen schwinden sieht. Neben den rechtlichen Restriktionen war es diese Verlustangst, die in Deutschland die Menschen noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vor industriellem Engagement zurückschrecken ließ: Man kaufte lieber Staatsanleihen oder Grundstücke, als Gefahr zu laufen, Geld zu verlieren.

Die gewerbliche Produktion wurde den Handwerkszünften überlassen. Handels- und Bankhäuser, die größere Mengen Kapitals benötigten, wurden als Familienbetriebe organisiert, in der auch nicht immer sicheren Überzeugung, dass Verwandte auch gute, vor allem aber loyale Geschäftspartner seien. Die "libri di famiglia", die ältesten erhaltenen italienischen Kaufmannsbücher aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit, zeigen diese Vermischung von Geschäft und familiärer Loyalität sehr schön. Doch waren sowohl den Familien wie den Zünften Grenzen gesetzt.

Mit der Ausdehnung insbesondere des internationalen Seehandels entstanden seit dem hohen Mittelalter neue gewinnversprechende Handlungschancen, die man aber nur nutzen konnte, wenn man bereit war, viel Kapital aufzubringen (für Schiffsausrüstung, Mannschaft, Verpflegung, Waren), und auch vor dem immer drohenden Totalverlust nicht zurückschreckte.

Aus dieser Welt stammt unser Begriff des Risikos, der in der älteren italienischen Tradition auch immer den Gewinn des Kaufmanns aus derartigen Geschäften bezeichnete. Dieses "rischio" war dabei - im Gegensatz zu reinen Geldgeschäften (Zinsverbot) - ethisch durchaus legitim. Was lag näher, als dass sich verschiedene Kaufleute zusammentaten und Aufwand und Gewinn, unter Umständen aber auch den Verlust teilten.

Die niederländische Ostindien-Kompanie

Diese Verträge, geschlossen seit dem 12. Jahrhundert, transformierten eine Verlustgefahr in ein Risiko; sie waren zumeist erfolgreich, zumal auf andere Weise eine große Expansion des Handels kaum möglich gewesen wäre. Zunächst für jeweils eine Fahrt geschlossen und nach deren Ende abgerechnet und wieder aufgelöst, entstanden hieraus entsprechend der Expansion des Handels dauerhafte Verbindungen, die ihre Gewinne nicht mehr jeweils auszahlten, sondern zumindest zum Teil in das Geschäft und dessen Expansion reinvestierten. Die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) der Niederlande war - so gesehen - im 17. Jahrhundert die erste börsennotierte Aktiengesellschaft der Welt.

Und mit dem Entstehen der neuen technischen Möglichkeiten im Bereich von Industrie und Gewerbe wurden auch hier, im Bergbau, in den Hüttenbetrieben und bei anderen großen Unternehmungen, die einen hohen Kapitalvorschuss verlangten, derartige Unternehmensformen ausprobiert, bis sie im 19. Jahrhundert die Entstehung einer modernen kapitalistischen Marktwirtschaft erst ermöglichten. Zwar gibt es auch eine Traditionslinie der Familienunternehmen - und es ist angesichts von deren Vorteilen gegenüber großen Kapitalgesellschaften nicht davon auszugehen, dass sie verschwinden. Aber auch hier hat das Gesellschaftsrecht längst für Haftungsregeln gesorgt, die zumindest im Regelfall die Verlustrisiken begrenzen.

Historisch gesehen entstanden Unternehmen also, weil es auf diese Weise gelang, Gefahren in Risiken, also Handlungschancen, zu transformieren. In der modernen Institutionenökonomie geht man davon aus, dass Unternehmen als Organisationsformen deshalb gewählt werden, weil es effizient ist, das Verhalten der Menschen in einem bestimmten Bereich (etwa der Produktion von Automobilen) hierarchisch zu koordinieren. Denn ein Unternehmen zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass seine Beschäftigten der Weisungsbefugnis der Unternehmensleitung unterworfen sind - und das kann eben vorteilhafter sein, als stets auf unmittelbare ökonomische Anreize zu setzen. Das ist funktional richtig, erklärt historisch aber nichts. Denn die Vorteile eines Unternehmens kann man erst kennen, wenn man es gegründet hat. Zuvor geht es um ein Risikokalkül - und erst das moderne Unternehmen hat diesem Risikokalkül eine Form gegeben, in der es zur Massenerscheinung und damit zur Grundlage der modernen Wirtschaft werden konnte.

Der Autor lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Universität Frankfurt.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ein besseres Signal

Von Markus Frühauf

Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank haben viele Investoren Aufsichtsratschef Börsig vorgeworfen, bei der Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden versagt zu haben. Sie haben recht. Dass die Suche so holprig verlief, lag aber auch an der Eitelkeit Ackermanns. Mehr