17.12.2011 · Die Töpferscheibe ist eine der ältesten Erfindungen der Menschheit. Mit ihr konnten die Menschen Gebrauchsgüter in Serie fertigen.
Von Till NeuschelerEin bisschen Gottvertrauen war schon nötig: Mit dem Verschließen des Brennofens lieferten die Töpfer ihre Werke dem Feuer aus. Dann mussten sie ausharren und hoffen, dass sie zuvor keine Fehler gemacht hatten: dass aus dem Ton auch die kleinsten Luftblasen geknetet waren und dass beim Einsetzen der Ware in den Ofen die richtigen Abstände eingehalten wurden, damit sich die Hitze jetzt gleichmäßig im Inneren verteilen konnte. Erst beim Öffnen zeigte sich, ob die Gefäße die Feuerprobe bestanden hatten.
Ein einziger Fehler konnte die ganze Ladung ruinieren. Und die konnte riesig sein: Im französischen La Graufesenque haben Archäologen einen Brennofen ausgegraben, in dem Töpfer in einem einzigen Brand mehr als 10 000 Gefäße gleichzeitig brennen konnten. Der Brennraum war über drei Meter hoch und vier Meter breit, ein Brennvorgang dauerte mehrere Tage. Das große Fassungsvermögen war nötig, denn hier produzierten Töpfer Tafelgeschirr im Akkord. In den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus arbeiteten in Graufesenque bis zu 450 Töpfer in einer Art Genossenschaft und exportierten ihre Vasen ins ganze Römische Reich.
Voraussetzung für eine solche Serienfertigung war die schnell drehende Töpferscheibe. Dank ihr konnten Menschen schon früh wichtige Gebrauchsgegenstände wie Schüsseln, Teller, Becher und Krüge schnell in größerer Stückzahl herstellen. Zwar war jedes Gefäß noch ein handgefertigtes Einzelstück, aber die Grundidee des Gefäßes konnte dank der Scheibe ohne großen Aufwand kopiert werden.
Vor der Erfindung der Töpferscheibe musste der Töpfer für jedes Gefäß mühsam Tonerde zu Wülsten formen, danach die einzelnen Stränge vorsichtig übereinanderstapeln und schließlich die Übergänge mit Wasser glätten. Mit der schnell drehenden Scheibe konnte der Töpfer viel zügiger arbeiten: War der Tonklumpen in der Mitte der Scheibe einmal richtig zentriert, konnte der Töpfer den Klumpen mit den Daumen aufbrechen und mit wenigen Handgriffen die Gefäßwände hochziehen, statt mühsam Tonwulste zu kneten. So wurde die Serienproduktion mit der Töpferscheibe ein Urahn der späteren Massenfertigung.
Das war auch notwendig, denn nachdem der Mensch in der Jungsteinzeit sesshaft geworden war und Ackerbau betrieb, stieg der Bedarf an festen Gefäßen zur Lager- und Vorratshaltung sprunghaft. Die Jäger und Sammler hatten noch Behälter aus Leder und Pflanzenteilen verwendet. Getöpferte Behälter hatten demgegenüber große Vorteile. Sie waren stabil, konnten Wasser gut halten und waren einfach herzustellen. Mit Schnüren konnte man sie über das offene Herdfeuer hängen und darin Nahrung kochen. Zwar gab es bald auch schon die ersten Metallgefäße für denselben Zweck, sie waren aber erheblich teurer.
Und nicht nur das: Die Menschen konnten in den Tongefäßen Flüssigkeiten auch besser kühl halten. Denn solange die Gefäße nicht allzu heiß gebrannt wurden, blieben die Gefäßwände porös. Durch die Poren solcher Töpferwaren kann ein kleiner Teil der Flüssigkeit an die Außenseite gelangen und dort verdunsten. Die Verdunstungskälte kühlt die Flüssigkeit im Gefäß um ein paar Grad Celsius herab - ein wichtiger Vorteil mehrere tausend Jahre vor der Erfindung des elektrischen Kühlschranks. Sollten die Gefäße aber wasserdicht sein, wurden sie heißer gebrannt oder glasiert. Dann waren sie auch einfach zu reinigen.
Die frühen Töpfer waren meist auch Bauern. Ganz am Anfang half vermutlich der Zufall. Das Brennen von Erde mag nach dem Erkalten einer Feuerstelle entdeckt worden sein, als jemand bemerkte, dass der erdene Untergrund zu Stein geworden war. Offene Feuerstellen waren die Vorläufer aller späteren Brennöfen, doch im offenen Feuer bekommt die Keramik bei Zugluft oft Risse oder zerspringt. Um die Gefäße zu härten, sollte der Ton nämlich bei konstant hohen Temperaturen gebrannt werden. Deshalb stapelten die Menschen Steine und gruben Erdmulden, um die Keramik vor dem Wind zu schützen und die Hitze gleichmäßig zu stauen.
Wann die Töpferscheibe genau erfunden wurde, ist nicht ganz klar. Sicher ist aber, dass schon die Assyrer und Babylonier die Töpferei mit der Scheibe kannten. Anfangs war es ein schlichter Drehteller, der auf einem zentralen Zapfen gelagert wurde. Später haben die Töpfer die Erfindung weiter verbessert, eine zweite Scheibe kam hinzu: die Schwungscheibe. Beide Scheiben wurden durch eine feste Achse miteinander verbunden. Die untere Scheibe brachte der Töpfer (oder ein Gehilfe) mit einem Stab oder mit den nackten Füßen in Schwung, auf der oberen brachte er das Gefäß mit seinen Händen in Form. Je länger und ruhiger die Scheibe rotiert, umso einfacher seine Arbeit.
Die Erfindung der Töpferscheibe gilt gemeinsam mit dem Rad als eine der ältesten Basisinnovationen der Menschheit. Die älteste bekannte Töpferscheibe haben Archäologen in Mesopotamien, also dem heutigen Irak, entdeckt. Sie datieren den Fund auf etwa 3500 vor Christus. Keramikfunde legen aber nahe, dass es die Töpferscheibe schon früher gab.
Weil Keramik im Boden nicht so schnell verrottet, finden Archäologen viel und wissen viel. Manche Forscher haben sich daher gefragt, ob sie die historische Bedeutung der Töpferei vielleicht überschätzen wegen all der vielen Funde. Doch das ist eher unwahrscheinlich, denn die Keramik war zweifelsfrei ein zentraler Gebrauchsgegenstand beim Essen, bei der Vorratshaltung und beim Transport von Wasser, Öl und Wein. Die Zerbrechlichkeit der Gefäße sorgte zudem für eine stete, kaum versiegende Nachfrage. Eine Methode, die den Aufwand beim Herstellen dieser Alltagsgegenstände reduzierte, musste ein zentraler wirtschaftlicher Fortschritt sein.
Archäologen können aufgrund der Scherbenfunde die Verbreitung der neuen Technik recht gut nachvollziehen. Heute gehen sie davon aus, dass sich die Erfindung der Töpferscheibe vom Zweistromland über Ägypten, Kreta und den Peloponnes durch griechische Kolonisten im Jahrtausend vor Christus schon im gesamten Mittelmeerraum verbreitet hat. Auch in China haben Archäologen gedrehte Töpferware aus dieser Zeit gefunden. Nur in Amerika kannte man die Töpferscheibe nicht.