26.11.2011 · Die Kleiderordnung signalisierte früher die Zugehörigkeit zu einer Schicht. Das machte das Leben leichter und half dem Geschäft.
Von Jürgen KaubeEigentum ist nicht nur ein Rechtstitel, nicht nur eine Quelle des Konsums, nicht nur eine Sicherheit. Eigentum ist auch eine Mitteilung. Man versucht deshalb nicht nur zu besitzen, was man liebt. Man liebt auch, was man besitzt - weil man sich dadurch ausgezeichnet sieht und die Wahrnehmung anderer dadurch auf sich, den Besitzer, hinlenken kann.
Georg Simmel hat darauf 1908 in seiner „Soziologie“ in einem „Exkurs über den Schmuck“ hingewiesen. Der Schmuck diene dem Egoismus mittels Großzügigkeit. Man zeichne sich aus, indem man dem Gegenüber eine Freude zu sein versuche. Man hebt sich heraus, kann das aber nur, insofern man beachtet, was als bewundernswert gilt. Wer sein Ego unterstreichen will, sieht sich auf die Gesichtspunkte der anderen verwiesen.
Der Schmuck und die Mode stehen darum seit jeher in der Polarität von persönlichem Akzent und Teilhabe am, Gehorsam gegenüber dem Kollektiv. Die Kleiderordnungen der guten Gesellschaft geben ein Beispiel für diesen Zusammenhang. Überall dort, wo Schichtzugehörigkeit der entscheidende soziale Unterscheidungsgesichtspunkt war, in Europa weit bis ins 18. Jahrhundert, lag es nahe, ihre Wahrnehmung zu erleichtern: durch strikte Regulierung, wem was zu tragen gestattet ist. Man unterstrich sein Ego nur als Repräsentant der Familie, des Standes, der Berufsgruppe - und konnte entsprechenden Respekt verlangen. Kleidung teilte Zugehörigkeit mit. Schon Tacitus berichtet, dass die Briten, als sie sich den Römern annäherten, auch begannen, die Toga zu tragen, und er verwendet den Begriff „Habitus“ dafür: „Inde etiam habitus nostri honor et frequens toga.“
Warum? Zum einen hatte man etwas gegen Mischungen. Unter Trajan soll der Präfekt Ägyptens einen Ortsansässigen getötet haben, der im Theater von Alexandria nicht weiß gekleidet erschienen war. In der Öffentlichkeit und an zeremoniellem Ort sollte man sich also gerade nicht als Einzelner hervortun. „Soll der Schmuck das Individuum durch ein Überindividuelles erweitern, das zu Allen hinstrebt und von Allen aufgenommen und geschätzt wird, so muss er, jenseits seiner bloßen Materialwirkung, Stil haben“, schreibt Simmel. Stil ist Wiedererkennbarkeit, Stil ist Verneigung vor dem Publikum.
Das Konzil von Trier (1277) legte Mönche und Nonnen* auf schmuckloses Erscheinen fest, was bis heute in einer bunten Umgebung seinerseits stilvoll wirkt. Die Kleiderordnungen des 14. Jahrhunderts kannten Farben für Amtsträger, Dirnen hatten Gelb oder Gelb-Rot zu tragen, purpurne Mäntel standen unter Adelsvorbehalt und so weiter. Für die Hersteller hieß das Berechenbarkeit.
Zum anderen ist die Ständegesellschaft rangempfindlich, und die Rangwahrnehmung ist irrrtumsempfindlich. Sklaven, heißt es in der „Historia Augusta“, sollten erkennbar sein. Salvian von Marseille, der Chronist der Völkerwanderung, notiert, wer seine Kleider wechsele, wechsele seinen Rang. Geregelt war die Verteilung der Farben später nicht zuletzt, weil sie teuer waren und es unerwünscht schien, dass der Besitz den Rang aussticht. Noch sollte man Eigentum nicht einfach in Ansehen umtauschen können. Kleiderordnungen des 14. Jahrhunderts banden die Mode an die Steuerleistung. Vor allem die Nachahmung höfischer Mode durch Nichtadlige sollte unterbunden werden. Zum anderen bekämpfte man die Prunksucht durch Obergrenzen, die für Kleiderausgaben festgelegt wurden.
„Ein Kaiser neuerer Zeiten“, schreibt der junge Hegel Ende des 18. Jahrhunderts, sei nach wie vor "als derselbe Kaiser, der Karl der Große war, dargestellt, dass er ja sogar noch dessen eigne Kleider trägt". Das führt auf einen letzten Grund der Kleiderordnung: das politische Ritual einer Gesellschaft, der an ständiger Sichtbarmachung ihrer Strukturen gelegen war. Feste, Turniere, Hochzeiten, Einzüge und Huldigungen, so die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, waren nicht „kulturelles Beiwerk“, Freizeit, sondern gehörten zur Politik, weil Politik auf der ständigen Demonstration von Verwandtschaft, Loyalität und Anerkennung von Machtdifferenzen diente. Entsprechend hatten die Juweliere, die Schneider, Goldschmiede und Nadelspitzenmacher als Dekorateure der Macht viel zu tun.
Kleidung stellte also Schichtung dar. Der Heraldiker Michel Pastoureau hat in „Etoffe du Diable“ eine der merkwürdigsten Folgerungen beschrieben: die Aversion der alten Zeit gegen gestreifte Kleider. Als Ludwig der Heilige 1254 von einem Kreuzzug nach Paris zurückkehrt, bringt er aus Palästina Karmelitermönche mit. Über deren quergestreifte Gewänder regt sich die Bevölkerung so auf, dass es zu einem jahrzehntelangen Konflikt des Ordens mit den Päpsten in der Kleiderfrage kommt. 1287 erfolgt ein Bann gestreifter Gewänder.
Wieso? Farbenwechsel auf einer Fläche symbolisierte „diversitas“. Abweichende Verhaltensweisen - Prostitutierte, Narren, Kriminelle, Häretiker - wurden gestreift dargestellt. Streifen, so Pastoureau, erlauben nicht mehr zu sehen, was Vordergrund und was Hintergrund ist, was als Höchstmaß an Unordnung und mitunter geradezu als diabolisch empfunden wurde. Erst allmählich gewöhnte man sich an Streifen als Muster.
Es gab allerdings noch einen anderen Gegensatz zur Ordnung der Kleider. In einer Novelle des Giovanni Sercambi (1348-1424), so berichtet der französische Historiker Philippe Braunstein, gerät ein Kürschner aus Lucca im öffentlichen Bad in Panik, weil er inmitten all der Nackten um seine Identität fürchtet. Weshalb er ein Kreuz aus Stroh an seiner Schulter befestigt, das sich aber löst und einem anderen in die Hände fällt, worauf der Kürschner sich buchstäblich als „tot“ empfindet. Braunstein merkt an, wie boshaft es war, als Narren dieser Geschichte einen Pelzmacher zu wählen.
Die Kritik der Kleider hat als Kritik an gesellschaftlichen Rangverteilungen das Motiv der Nacktheit stets gern ins Feld geführt. Die „nackte Wahrheit“, der ursprünglich - von Geburt an, aber auch im Paradies - nackte Mensch, beide vertreten die Indifferenz gegen soziale Rücksichtnahme. Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, 1837 veröffentlicht, spielt mit diesem Motiv, das aus einer Sammlung moralischer Geschichten des 14. Jahrhunderts stammte.
Viel mehr aber als durch den Hinweis auf die Natur und den bloßen Schein, der sie einkleidet, ist die Kleiderordnung durch die soziale Mobilität verwandelt worden. Die Kleiderordnung wird in der modernen Gesellschaft nicht abgeschafft, sondern in Bewegung versetzt. In saisonale Bewegung: Die Farben und die Rocklängen müssen abwechseln. Und in soziale Bewegung: Die Mode diffundiert von oben nach unten, aber auch - die Jeans und Vivienne Westwood haben es gezeigt - von unten nach oben.
Einen stabilen Dress-Code gibt es nur noch in Sonderwelten, in manchen Büros, in Clubs, bei Hochzeiten auf höchstem Niveau. Wer hat denn noch einen Cutaway, Stresemann, Frack und Smoking im Schrank? Ansonsten aber liegen, zumindest für Frauen und Jugendliche, genau so hohe Prämien auf dem Mitmachen wie auf dem Abweichen. Zu jedem einzelnen Zeitpunkt mag, besonders für Jugendliche, Gruppendruck auf der Kleiderwahl liegen. Aber die Richtung, in die er geht, wechselt.
Das gibt der Modeindustrie ungeheure Freiheitsgrade, was ihre Farben, Formen und Materialien angeht. Das verweist sie jedoch zugleich auf ein ganzes Unterstützungssystem aus Medien, Werbung und Einzelhandelsgeschäften, die mit dem Anschein der Unumgänglichkeit versehen, was genauso gut anders sein könnte. Denn die Mode soll ja beides erlauben, im Trend zu liegen und zugleich die Einzige zu sein, die mit diesem Kleid auf der Party erscheint.
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