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Wie wir reich wurden Immer Ärger mit der Einheitswährung

13.08.2011 ·  Inflation und Ungleichgewichte gab es schon im 16. Jahrhundert - das zeigt der sächsische Münzstreit zwischen Albertinern und Ernesterinern. Daraus könnten wir beispielsweise lernen, nicht nur „Übermünzung“ zu vermeiden, sondern alle Übermengen an Geld.

Von Bertram Schefold
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Wenn sich die Politiker und die Geschäftsleute Europas, die Journalisten und die Intellektuellen um den Euro streiten, läuft das anders ab als früher. Oft setzte man sich nur an den Fürstenhöfen auseinander, unter Ausschluss von Bauern und Handwerkern. Aber es gab auch Reichstage und die Stimme des Volkes. Die erste wirtschaftspolitische Kontroverse, die in gedruckten Pamphleten ausgetragen wurde, fand in sächsischen Landen während der Reformationszeit statt, und das kam so:

Nach der aus dynastischen Gründen 1485 vorgenommenen sächsischen Teilung handhabten die beiden Linien der Dynastie, die Albertiner und die Ernestiner, die Bergwerke und die Münzversorgung gemeinsam. Der Inhaber der Kurwürde, der Ernestiner Friedrich der Weise, der bis 1525 lebte, und sein albertinischer Vetter, Herzog Georg, strebten zusammen eine stabile Münzpolitik an. Aber 1525 löste Johann der Beständige Friedrich den Weisen ab. Er unterstützte den evangelischen Glauben, während der Herzog Georg katholisch blieb. In Geldnot griff Johann einen Vorschlag auf, den Silberpreis zu erhöhen und in den Münzen weniger Silber zu verwenden – auch weil der alte, hohe Silbergehalt der Münzen die Menschen dazu verführt hatte, sie im Ausland einzuschmelzen. Herzog Georg war dagegen, und daraufhin prägte man in Sachsen für einige Jahre die Münzen getrennt. Es entbrannte ein Streit, in dem jede Seite der Öffentlichkeit ihr Anliegen erklärte.

Der Ernestiner sag die Münzfrage als Bestandteil der Entwicklungspolitik

So schimpften die katholischen Albertiner 1530 in einem Pamphlet: Der ernestinische Vorschlag, aus dem Silber, aus dem gegenwärtig 8¼ Gulden geprägt würden, künftig 10 Gulden zu schlagen, führe zu einem zusätzlichen Münzgewinn der Herren von 1 ¾ Gulden. Aber dieses Einkommen hätten die Herren nur, solange die Preise dieselben blieben. Die Münze werde nach ihrem Silbergehalt bewertet, und so würden schließlich mehr Münzen für dieselbe Ware verlangt. Die Münzentwertung bringe der Regierung lediglich einen vorübergehenden Vorteil, sie benachteilige die Grundeigentümer, deren Renten in Münzeinheiten festgelegt seien, und verschaffe den Schuldnern einen ungerechtfertigten Gewinn.

Das ernestinische Pamphlet, auch aus dem Jahr 1530, verteidigt den Abwertungsplan mit der These, man müsse nur eine „Übermünzung“ vermeiden; dann würden die Preise stabil bleiben. Der Ernestiner war damit ein Anhänger dessen, was heute „Quantitätstheorie des Geldes“ genannt wird. Ihm ging es nicht nur darum, mehr Geld für die reformatorische Politik zu schaffen. Er sah die Münzfrage als Bestandteil der Entwicklungspolitik. Die guten Münzen flössen ins Ausland und dienten einem Luxuskonsum, den er nicht billigte. Gekauft würden die teuren Textilien des Westens und die Gewürze und Genussmittel des Ostens, die aus Venedig und durch Portugal herangeschafft würden – mit dem Ziel, durch den Handel dem Land das Silber wegzunehmen.

Der Ernestiner bezichtigte die großen Handelsmächte der Zeit also des sogenannten „Merkantilismus“, bevor diese selbst so eine Politik formuliert hatten. Merkantilismus, das bedeutet in der einfachsten Form ein Ziel: Durch einen Exportüberschuss konnte ein Land ohne nennenswerte eigene Edelmetallvorkommen, wie England oder Venedig, sich die Edelmetalle der anderen verschaffen.

„So würde man doch des fürwitz ym Lande nich los...“

Der Ernestiner hätte nun tadeln können, dass der Abfluss der hochwertigen Münzen Sachsen seines Hauptreichtums beraube. Das Argument kommt auch vor. Er ist aber noch besorgter, dass so die heimische Lebensart untergraben würde. Die Kleider aus England nähmen den eigenen Handwerkern, den Spinnern und Webern, ihr Brot weg, und andere Einfuhren gingen zu Lasten der einheimischen Landwirtschaft. In seinem lutherischen Rigorismus schlägt er nun nicht etwa eine Entwicklung der eigenen Landwirtschaft und Industrie vor, sondern er wünscht sich die Beschränkung des Außenhandels, um die gewohnte Lebensform beizubehalten. Er warnt also wie ein Entwicklungspolitiker vor den Gefahren einer Monokultur, mit der Gründung der Wirtschaft auf den einseitigen Silberexport, aber er empfiehlt nicht zusätzliche Branchen, sondern Abschließung.

Der Albertiner versprach sich von ökonomischem Dirigismus keine moralische Besserung: „So würde man doch des fürwitz ym Lande nich los...“. Wenn der Händler die Gewürze nicht mehr importiert, wird sie ihr Liebhaber selber in Venedig holen lassen! Immer aber kommt es auf die Qualität des Geldes an, „man teuscht den Hendeler nicht“. Dass man eine im Silbergehalt herabgesetzte Münze im Ausland zum alten Wert annähme, nur weil sie knapp gehalten würde, scheint ihm unwahrscheinlich.

Nun hatte der Ernestiner allerdings beobachtet, dass die Preissteigerungen schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingesetzt hatten. Die Argumente des Ernestiners verweisen auf die Monopolstellung der großen Handelsgesellschaften wie der Fugger und auf die gestiegene Nachfrage.

Mit den Manufakturen begann die Zeit des Merkantilismus

Der Albertiner antwortete im Jahr darauf, 1531: Wer gegen Luxus sei, solle Luxusgesetze erlassen, aber nicht deshalb den Handel strangulieren. Sein Argument ist nun: Wenn sich das Geld schon bei guter Prägung entwertet, wie muss es erst bei schlechter werden! Dann bliebe das Silber zwar in der Tat eher im Lande, aber nicht beim Volk, sondern beim Fürsten. Sachsen besitze eben zu wenig, um anderes als Silber zu exportieren.

In dieser Diagnose sind sich die Gegner einig. Es sollte noch etwa eine Generation dauern, bis sich in Spanien, bald auch in Italien und England Stimmen erhoben, man müsse das Gewerbe fördern, um dem Elend im Land zu entkommen und um am Welthandel teilnehmen zu können. Mit der Einrichtung von Manufakturen und einer sie stützenden Arbeitsmarktpolitik begann dann die hohe Zeit des Merkantilismus, die als Ausgangspunkt des modernen Kapitalismus angesehen werden kann. Gibt es aktuelle Analogien? Vom Albertiner könnten wir lernen, nicht nur „Übermünzung“ zu vermeiden, sondern alle Übermengen an Geld. Und vom Ernestiner, dass es Gefahren birgt, den Finanzsektor zu stark zu päppeln.

Bertram Schefold lehrt Wirtschaftstheorie an der Universität Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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