Home
http://www.faz.net/-gqt-6vq4z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wie wir reich wurden Der Tiefpflug macht richtig Dampf

10.12.2011 ·  Erst wurden Hakenpflüge von Menschen gezogen, dann von Zugtieren. Im 19. Jahrhundert tauchten gewaltige Dampfmaschinen auf den Feldern auf. Sie zogen einen Pflug, der Rekordernten möglich machte.

Von Winand von Petersdorff
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© AFP Der Hakenpflug im Einsatz

Kaum ein Gerät verkörpert die Zweischneidigkeit des technischen Fortschrittes so sehr wie der Pflug. Das Symbol des friedlichen Ackerbaus hat Leben möglich gemacht, und zwar in einem Ausmaß, das in starkem Kontrast steht zu seiner technischen Komplexität.

Gleichzeitig hat seine erschöpfende Anwendung Menschen in tiefes Elend gestürzt. John Steinbecks „Früchte des Zorns“ nimmt seinen Ausgangspunkt in einer wahren Katastrophe, die mit dem Pflügen zusammenhing: Die Staubstürme, die sich von 1930 an einige Jahre über Teile von Oklahoma, Texas, Kansas und New Mexico legten, vertrieben Zehntausende verzweifelter Farmerfamilien. Die Ursache waren neben den Dürrejahren wenig nachhaltige Methoden des Ackerbaus. Die Prärie war tief gepflügt und mit Weizen bestellt worden. Solange Regen fiel, waren die Ernten gut. Doch als die Dürre kam, wehte der Wind den staubtrockenen, durch den Pflug gelockerten Boden davon. Mit dem Wind ging die Fruchtbarkeit dahin.

Pflügen ist nicht originell. Schon 5000 vor Christus begannen die Bauern unterschiedlicher Weltregionen den Grabstock durch den Hakenpflug zu ersetzen. Er ritzte die Erde auf, legte das Unkraut flach und vereinfachte die Saat.

Am Anfang wurden die Hakenpflüge von Menschen gezogen, was sich aber doch als ein elendes Joch erwies. Die nächste Stufe brachten Zugtiere: Ochsen oder Kühe zogen die Hakenpflüge. Sie schafften mehr am Tag als der müde Mensch. Und der Pflughaken, ein angespitzter Knüppel, konnte tiefer in den Boden gedrückt werden. Die Felder wurden größer und laugten nicht so schnell aus.

„Pflügen weckt die Lebensgeister des Bodens“

Pflügen dient mannigfaltigen Zwecken: Es macht die Nährstoffe des Bodens für die Pflanzen verfügbar, indem es den Boden durchlüftet. Luft wiederum fördert die Zersetzung des Pflanzenmaterials zu Humus. Der Pflug zerstört zudem die Wurzeln der gerade abgeernteten Ackerfrucht und des keimenden Unkrauts. (Die ideale Pflugschar dreht dafür den herausgebrochenen Erdbalken um 135 Grad.) Schließlich bringt der Pflug nährstoffreichen Mist in den Boden. „Pflügen weckt die Lebensgeister des Bodens, es macht seine Reserven für die Nutzpflanze verfügbar“, sagt Klaus Herrmann, Leiter des Landwirtschaftsmuseums Hohenheim, das Europas größte Sammlung an Pflügen aus allen Epochen hat.

Eine Ahnung von den Vorzügen scheinen die Landmänner und Landfrauen schon früh gehabt zu haben. Umso bemerkenswerter ist es, wie lahm der Fortschritt seine Furchen zog. Noch bis ins Mittelalter war der Hakenpflug verbreitet. Vom sechsten Jahrhundert an bekamen die Pflüge Räder. Die Pflugschare aus Holz wurden mit Eisen beschlagen und später durch geschmiedete Schare ersetzt. Mit der Erfindung des Hufeisens kamen Ackergäule zum Einsatz. Der wahre Sprung jedoch gelang erst im 19. Jahrhundert mit der Mechanisierung der Landwirtschaft. Bevor die industrielle Revolution einsetzte, ernährten vier Bauernfamilien eine weitere Familie. Heute versorgt ein Bauer mehr als 25 Familien.

Arbeitsteilung, Urbanisierung, Fortschritt

Erst diese Nahrungsmittelüberschüsse erlaubten Arbeitsteilung, Urbanisierung und letztlich Fortschritt. Die Erfindung des Kunstdüngers, der Agrarchemie und neue Pflanzenzüchtungen spielten dabei eine Rolle. Doch einen besonderen Effekt hatte die Vollmechanisierung des Pflügens. Um 1850 herum begann in Europa ganz langsam der Siegeszug des Dampfpflugs. Der Brite John Fowler hatte ein alltagspraktisches Gerät auf einer Ausstellung vorgestellt, der Deutsche Max Eyth, der Begründer der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, trug als Angestellter des Briten zur technischen Verbesserung und globalen Verbreitung des Gerätes bei.

Zum Dampfpflug gehörten zwei Dampfmaschinen. Sie wurden an gegenüberliegenden Feldrändern aufgestellt und waren mit einer Seilwinde verbunden. Am Seil wurde der Pflug über den Acker gezogen. Kamen die klassischen Hakenpflüge zehn Zentimeter tief, schaffte es der Dampfpflug 35 bis 40 Zentimeter tief. Dadurch wurde der Anbau neuer Feldfrüchte wie der Futterrübe (aus der durch Züchtung die Zuckerrübe wurde) erst möglich. Zudem wurde tiefer Boden für die Pflanzen mobilisiert, was die Ernten verbesserte. Auch schafften die Geräte deutlich mehr als die Ackergäule. Die Dampfkraft erlaubte es, auch trockene harte Böden zu bearbeiten, was die Erträge steigerte. Schließlich machten die Dampfpflüge Flächen wie Moorlandschaften im Emsland erst urbar.

Trecker verdrängten die Dampfstationen

Allerdings kostete ein Dampfpflug im Paketpreis so viel wie ein kleiner Bauernhof. Sie gehörten Unternehmern oder Genossenschaften, die das Pflügen im Auftrag ausführten. Nur die Großagrarier, vor allem in Pommern und Ostpreußen, hatten eigene Dampfpflüge, die Fürsten von Thurn und Taxis hatten sogar zwei. Später verdrängten Trecker mit Verbrennungsmotor die Dampfstationen.

Heute gilt Pflügen als zweischneidig: Es lockert den Boden und befördert so die Erosion durch Wind und Wasser. In großen Teilen Amerikas wird nicht mehr gepflügt, ohne dass Erträge litten, wie Karlheinz Köller, Leiter des Instituts für Agrartechnik an der Universität Hohenheim, sagt. Dafür setzen die Landwirt starke Unkrautvernichter ein, sogenannte Totalherbizide. Auch das ist eine zweischneidige Angelegenheit.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7