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Wie wir reich wurden Der Luxus treibt die Wirtschaft an

19.11.2011 ·  Die Reichen wollen immer mehr haben. Damit wecken sie den Erfindergeist. So wurde die industrielle Revolution möglich. Am Ende profitieren die Armen.

Von Karen Horn
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© AFP Arbeiten war verpönt, reich sein hingegen nicht

„Im Ganzen herrscht in Berlin doch viel weniger Luxus als in andern großen Städten. Obgleich der Hof hier residirt und dieß den Wohlstand der Stadt vermehrt, so sind doch bey den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten und Festen desselben keine Uebertreibungen, sondern es herrscht überall der Geist der Ordnung.“ Dies ist unter dem Stichwort Luxus im „Berlin-Lexicon“ des Johann Christian Gädicke von 1806 zu lesen. Dem Autor war der Reichtum einiger Berliner ein wenig peinlich, und er betonte, dass es nicht allzu viele dieser Gutgestellten gebe. Aber: „Zu viel Luxus herrscht wohl besonders in Kleidern bey der weiblichen dienenden Classe.“

Es musste noch mehr als ein Jahrhundert vergehen, bis Werner Sombart 1913 in seinem Buch „Luxus und Kapitalismus“ genau diese angeblich angeborene Schwäche der Frau als wichtige Triebkraft auf dem Weg zur Entstehung des Kapitalismus empfiehlt. Wobei er mit dem Schlagwort „Kapitalismus“ weniger auf die Freiheitlichkeit von Märkten zielt, sondern auf das Volumen, die Abstraktheit, die Internationalität des modernen Wirtschaftens.

Gelockertes Dogma im Mittelalter

Mit dem Reichtum hat sich die Christenheit in ihren Sittlichkeitsvorstellungen immer schwergetan - ebenso wie mit dem Konsum, den der Reichtum ermöglicht. In der Antike war man da unbefangener: Als verwerflich galt nicht der Reichtum, sondern nur dessen Erwerb. Geld verdienen zu müssen, war niedrig, Geld zu haben bedeutete Ansehen und Anerkennung. Über materielle Ungleichheit zerbrach man sich im antiken Griechenland nicht den Kopf. Mit dem Christentum hingegen erhielt der Sozialneid seinen theologischen Freispruch. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“, sagt Jesus im Matthäusevangelium, und dieser Satz prägt unser Denken bis heute.

Immerhin gelang es Thomas von Aquin im Mittelalter, das Dogma ein wenig zu lockern. Er betrachtete Reichtum als gottgefällig, solange dieser in den Dienst der Nächstenliebe gestellt wird. Reichtum indes, der allein dem egoistischen Konsum dient, hat noch nie die Billigung jener Instanzen gefunden, die sich in der Gesellschaft für Moral zuständig sehen. Eine Ethik der Mäßigung hat sich verfestigt. Luxus gilt als untugendhaft.

Luxus als relativer Begriff

Dabei ist Luxus ein relativer Begriff. Fließend Wasser im Haus zu haben war beispielsweise bis ins 19. Jahrhundert hinein Luxus; heute empfindet in Europa kaum jemand mehr so. Luxus ist ein Genuss, der nach den herrschenden Konventionen als nicht notwendig gilt und für die meisten Menschen nicht erschwinglich ist. Heute ist es oft schlicht Müßiggang, der als Luxus empfunden wird.

Das Unerreichbare übt freilich eine enorme Anziehungskraft aus. Wir wollen besser leben. Und wir wollen mit dem, was wir uns erarbeitet haben, gegenüber Mitmenschen angeben. Darum kaufen wir Autos, die schneller fahren können als erlaubt; Ferienvillen, in denen wir zwei Wochen im Jahr verbringen; Designerkleidung, die zwickt. „Conspicuous consumption“, „zur Schau gestellter Konsum“, nannte Thorstein Veblen dies 1899 in seiner „Theory of the Leisure Class“.

Die Welt in der Moderne

Thorstein Veblen verfasste sein Buch am Scheitelpunkt der zweiten industriellen Revolution. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war der Übergang von der Handarbeit zur maschinellen Massenproduktion in Gang. Es entstand eine ungekannte wirtschaftliche Dynamik. Verarmte Kleinbauern zogen in die rapide wachsenden Großstädte und verdingten sich dort unter, wie man heute sagen würde, prekären Umständen. Im Ergebnis wurden die Verhältnisse in Europa umgewälzt. Kapitalismus und Demokratie ergänzten Vernunft, Fortschrittsglauben und Säkularisierung als politisches und geistiges Erbe der Aufklärung; es entstand der moderne Staat. Die Welt befand sich nun in der Moderne.

Woher kam der Geist, der dies ermöglichte? Werner Sombart sah langfristige Prozesse am Werk. Seine Erklärung greift auf das höfische Leben seit dem Mittelalter zurück, mit der Entstehung von Reichtum in Folge der Kreuzzüge, der Entstehung von Großstädten als Zentren des Konsums, der Säkularisation der Liebe im Unterschied zur ehelichen Verbindung, dem die ganze Gesellschaft prägenden Modediktat der Kurtisanen. Der Luxusbedarf der Oberschichten habe Unternehmergeist geweckt: „So zeugte der Luxus, der selbst ein legitimes Kind der illegitimen Liebe war, den Kapitalismus.“ Groß- und Einzelhandel differenzierten sich; es entstanden Kaufhäuser; erstmals gab es feste Preise. Und es brauchte freien Welthandel, um die erstrebten Luxuswaren heranzuschaffen, zunächst vor allem Gewürze, Farbstoffe, feine Tuche und Schmuck.

Industrialisierung demokratisierte den Wohlstand

Ohne das Streben der Menschen nach Konsum und ohne den kapitalistischen Geist hätte es die Industrialisierung nicht gegeben. Umgekehrt ermöglichte die Industrialisierung einen gesteigerten Konsum der Massen. Sie demokratisierte den Wohlstand: Was früher als Luxus galt, war nun auch den Massen zugänglich. Den Reichen behagte das wenig. „Eine Wohlstandsschwemme bringt eine Schwemme von Übel mit sich: falschen Geschmack, falschen Appetit, falsche Wünsche, (...) und eine Parteilichkeit, welche die Gemeinschaft beständig gären lässt und am Ende alle Besonderheiten der gehobenen Stände zerstört, sodass universelle Anarchie und Aufruhr die Folge sein müssen“, lässt Thomas Smollett 1771 seine Romanfigur Matthew Bramble stöhnen. Die Reichen schufen Abhilfe, indem sie immer neue Statussymbole kürten.

Dieser Wettlauf wurde zum Schwungrad des Fortschritts. Die Reichen sind mit ihrem Konsum Vorreiter, setzen Maßstäbe, bereiten den Weg. Friedrich August von Hayek hat dies auf den Punkt gebracht, als er 1960 in seiner „Verfassung der Freiheit“ schrieb, „dass in jedem Stadium des Fortschritts die Reichen, indem sie mit neuen Lebensstilen experimentieren, die den anderen noch unzugänglich sind, einen notwendigen Dienst erfüllen, ohne den der Fortschritt der Armen viel langsamer wäre“. Der Akzeptanz dieser Erkenntnis steht nur unser Neid im Wege. Doch auch der Neid, sofern er sich in Streben und Nachahmung übersetzt, ist eben eine Schwungfeder des Kapitalismus.

Karen Horn leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Quelle: F.A.S.
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