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Serie: Wie wir reich wurden (6) Wie der Wettbewerb die Evolution antreibt

26.10.2009 ·  In der Wirtschaft ist es wie in der Natur: Neue Ideen wollen alte verdrängen. Doch jede dieser Mutationen ist einem Ausleseprozess unterworfen. Die Grundgedanken der Evolution lassen sich auf die Wirtschaft übertragen. Und dabei geht es nicht um einen kruden Sozialdarwinismus.

Von Thomas Straubhaar
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Was hat aus einem einfachen Molekül im Laufe der Evolution den Menschen werden lassen? Ein Masterplan? Zufall? Notwendigkeit? Oder wirkte alles zusammen: Zufall und Notwendigkeit, wobei der Zufall von einem Masterplan gesteuert wird? Heerscharen von Philosophen, Biologen, Chemikern und Physikern, Theologen und Geisteswissenschaftlern beschäftigen sich mit dieser zentralen Frage. So reichhaltig die Erklärungsansätze im Einzelnen sind - in der Gesamtheit zeigt sich, dass die Evolution ein stetiger, unumkehrbarer Prozess ist. Immer nach vorne, nie zurück.

Auf dem langen Weg der Evolution kommt es immer wieder von neuem zu zufälligen Störungen des normalen Ablaufs und spontanen Veränderungen. Jede dieser Mutationen ist einem Ausleseprozess unterworfen. Die Auslese erfolgt nicht zufällig oder gar willkürlich. Sie folgt einem Selektionsverfahren, dem ein ebenso klares Bewertungsprinzip zugrunde liegt: die Überlebensfähigkeit des makroskopischen Systems.

Im Laufe der Jahrmilliarden ist aus dem Einzeller erst ein Organverband und dann in einem langen evolutorischen Prozess die Menschheit entstanden. Jeder einzelne kleine Schritt auf diesem nahezu unendlich langen Pfad verdankt seine mikroskopische Form dem Zufall. Der Prozess der Auslese jedoch und damit die Evolution folgen einer unabwendbaren Notwendigkeit. Dabei geht es nicht um den - oft fälschlicherweise Darwin unterstellten - Kampf ums Dasein. Es geht, viel friedlicher, um einen permanenten Wettbewerb. Aus Milliarden von Mutationen setzen sich im Laufe der Zeit zwangsläufig jene Veränderungen durch, die makroskopischen Systemen die beste Anpassungs- und Reproduktionsfähigkeit ermöglichen.

„Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“

Die einfachen Grundgedanken der biologischen Evolution lassen sich auf den Erfolg von Volkswirtschaften, Gesellschaften und Firmen übertragen. Dabei kann es nicht um einen kruden Sozialdarwinismus gehen, der empirisch längst als Ideologie ohne Realitätsgehalt diskreditiert ist. Es geht um eine Evolutionsökonomik, die individuelles Entscheiden und Handeln als Streben nach besseren, überlebensfähigen Lösungen für die Gesellschaft insgesamt versteht.

Volkswirtschaften, Unternehmen und Menschen müssen sich stets von neuem an geänderte Umstände anpassen, um erfolgreich überleben zu können. Vor allem Mancur Olson hat in seinem aus einer ökonomischen Perspektive geschriebenen Buch "Aufstieg und Niedergang von Nationen" am Beispiel Großbritanniens bestätigt, dass Gesellschaften verkrusten können, wenn einzelne Interessengruppen nur noch egoistisch ihr eigenes Süppchen kochen und jeder Fortschritt als Angriff auf die eigenen Pfründen verstanden wird. Mikroökonomisches Gewinnstreben führt dann zu makroökonomischem Untergang. Wettbewerb wirkt in solchen Gesellschaften wie eine Frischzellenkur. Er verbessert die Anpassungs- und damit die Überlebensfähigkeit von Volkswirtschaften.

Die evolutionäre Wirkung des Wettbewerbs stand schon bei Adam Smith, dem Stammvater der modernen Ökonomie, im Zentrum. Smith sah im Konkurrenzmechanismus auf Wettbewerbsmärkten eine dynamische Kraft, die das soziale Ganze wie eine riesige Maschine antreibe. Die unsichtbare Hand des Marktes sorgt dafür, dass aus egoistischem Handeln altruistische Folgen zum Wohle aller entstehen.

Was auch immer heutzutage kritisch zum Konzept von Markt und Wettbewerb vorgetragen wird - empirisch belegbar ist, dass mit dem Wettbewerbsdenken historisch ein zunächst langsamer, im letzten Jahrhundert aber immer dynamischerer Wachstumsprozess angestoßen worden ist. Er hat vor allem jene Volkswirtschaften reich gemacht, die dem Wettbewerbsprinzip folgten. Ludwig Erhard hat es so formuliert: ",Wohlstand für alle' und ,Wohlstand durch Wettbewerb' gehören untrennbar zusammen; das erste Postulat kennzeichnet das Ziel, das zweite den Weg, der zu diesem Ziel führt."

Der Wettbewerb ist sozialpolitisch blind

Der Wettbewerb dient als Entdeckungsverfahren der ökonomischen Evolution. Er filtert unter Abertausenden um die Gunst des Publikums werbender Neuerungen diejenigen heraus, die für den Fortschritt der Menschheit am besten geeignet sind.

"Die Tatsache, dass der Wettbewerb nicht nur zeigt, wie die Dinge besser gemacht werden können, sondern alle, deren Einkommen vom Markt abhängt, zwingt, die Verbesserungen nachzuahmen, ist natürlich einer der Hauptgründe für die Abneigung gegen den Wettbewerb. Er stellt eine Art unpersönlichen Zwang dar, der viele Individuen dazu veranlassen wird, ihr Verhalten in einer Weise zu ändern, die durch keinerlei Anweisungen oder Befehle erreicht werden könnte." So beschreibt der deutsche Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek die evolutorische Kraft des Wettbewerbs in seinem berühmt gewordenen Kieler Vortrag 1968.

Wie beim sportlichen Wettkampf die Aussicht auf den Sieg Menschen zu körperlichen Höchstleistungen treibt, motiviert der Wettbewerb um Kunden und Gewinn den Unternehmer im wirtschaftlichen Leben dazu, mehr zu leisten, höhere Risiken einzugehen und neue Ideen zu verfolgen. Wer die Nase vorne hat und frühzeitig die Trends erkennt, wird mit Gewinnen reich belohnt. Wer technisch zurückbleibt, aufs falsche Pferd setzt oder zu teuer bleibt, wird durch Verluste hart bestraft.

Der Wettbewerb ist sozialpolitisch blind. Er legt nicht im Voraus fest, was gut und was schlecht ist. Das macht ihn für viele so unangenehm und für andere so grausam. Für die Gesellschaft insgesamt aber ist diese Ergebnisoffenheit des Wettbewerbs die fundamentale Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung. Keine Veränderung oder Neuerung wird im Voraus bevorteilt. Alle müssen sie gleichermaßen durch den Härtetest der Praxis. Nur was den kritischen Reaktionen der Öffentlichkeit insgesamt standhält, wird bestehen bleiben.

Märkte müssen offen und angreifbar sein

Schon früh erkannte auch der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter die evolutorische Kraft des Wettbewerbs. Dynamische Unternehmer kämpfen aus Gewinnstreben, Siegerwille oder Freude am Gestalten darum, Vorreiter zu sein. Dank neuer Technologien sind sie in der Lage, Monopolstellungen aufzubauen. Stoßen ihre Innovationen auf die Gegenliebe der Kunden, erhalten sie als Belohnung für ihr wagemutiges Vorangehen einen Pioniergewinn. Unter dem "Impuls des lockenden Gewinns" folgen bald einmal viele Nachahmer. Es kommt zu einem Innovationsschub. Veraltete, ineffiziente Betriebe verschwinden. So wurden Dampfmaschinen durch Elektrogeräte verdrängt, Propellerflugzeuge durch Düsenjets, Tischtelefone durch mobile Alleskönner.

Wie in der biologischen Evolution führt das mehr oder weniger zufällig motivierte mikroökonomische Gewinnstreben des einzelnen Unternehmers notwendigerweise zu einem makroökonomischen Erfolgserlebnis in Form eines allgemein gestiegenen Lebensstandards. Allerdings basiert der makroökonomische Segen auf einer wesentlichen Voraussetzung: Die Monopolmärkte müssen offen und bestreitbar sein. Ist der Markteintritt für Wettbewerber nicht oder nur schwer möglich, freut sich der Monopolist über die Gewinne, die er als exklusiver Anbieter zu Lasten seiner Kunden einstreichen kann. Genau aus diesem Grund wird in Deutschland der Wettbewerb durch das Kartellamt, die Monopolkommission und die Bundesnetzagentur geschützt.

Damit der Wettbewerb als Triebfeder der ökonomischen Evolution optimal wirken kann, bedarf es des erfolgreichen Wechselspiels zwischen zwei Ebenen. Einerseits braucht es in einer Gesellschaft entschlossene Unternehmer, die sich mit dem Status quo nicht zufriedengeben und die deshalb nach neuen Ufern aufbrechen wollen. Andererseits müssen die politischen, gesellschaftlichen und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen jenen Raum offenhalten, den dynamische Unternehmer benötigen, um kreativ und innovativ sein zu können. Die makroökonomische Anpassungsfähigkeit einer Gesellschaft an geänderte Umstände und die mikroökonomische Wettbewerbsfähigkeit dynamischer Unternehmer bedingen sich somit gegenseitig. Zusammen sorgen sie dafür, dass sich Volkswirtschaften im Laufe der ökonomischen Evolution weiterentwickeln - zum Wohle all ihrer Mitglieder.

Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI).

Quelle: F.A.S.
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