17.10.2009 · John D. Rockefeller war der reichste Mann Amerikas. Sein Geld verdankte er dem Öl und einer pfiffigen Idee: Wer viel verdienen will, braucht einen Riesenkonzern. Denn er hatte schon früh verstanden, dass man entweder wächst - oder untergeht.
Von Lisa NienhausDass Öl reich machen kann, erscheint heute selbstverständlich. Zu den Zeiten, da John D. Rockefeller ein Kind war, in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, war dies den meisten Amerikanern jedoch nicht bewusst. Das Erdöl, das beispielsweise in Pennsylvania an die Oberfläche drang, empfanden sie als lästig. Es verschmutzte das Wasser und machte die Böden unfruchtbar. Niemand ahnte, dass dieses Öl schon sehr bald zur Quelle unermesslichen Reichtums werden würde - und zwar vor allem für einen Mann: John D. Rockefeller.
Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt ein Wissenschaftler, dass Erdöl dazu genutzt werden kann, Lampen zu betreiben, ein erster Run auf das Öl setzt ein. John D. Rockefeller ist zu jener Zeit ein junger Mann, der mit 16 Jahren eine Stelle als Buchhalter angetreten hat. Er begeisterte sich für Zahlen und die Genauigkeit des Jobs - sowieso ist er zu Disziplin und Ordnung erzogen worden, lebt asketisch und hält fünf Pence für ein großzügiges Trinkgeld. Doch nach drei Jahren in seinem ersten Job fühlt er sich unterbezahlt und gründete 1858 als 19-Jähriger gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Maurice Clark sein eigenes Handelshaus. Er handelt mit Fleisch und Getreide und macht schon 1862 einen Gewinn von 17.000 Dollar.
Die Banken lieben ihn
Doch das ist nichts gegen das Geschäft mit dem Öl, in das er kurz darauf hineingerät. Zunächst kauft er eine kleine Raffinerie. Sie wirft so hohe Gewinne ab, dass er mehr und mehr Kredite aufnimmt, um das Geschäft zu erweitern. Die Banken lieben ihn, denn er ist penibel und zahlt Zins und Tilgung püntklich wie sonst kaum jemand. Doch seinem Geschäftspartner geht es zu schnell. Er drängt auf langsameres Wachstum. Rockefeller hingegen ist zwar vom Typ her äußerst vorsichtig, doch er ahnt auch, dass nun die Zeit gekommen ist, in der man entweder wächst oder untergeht. Er bricht mit Clark, ersteht seine alte Firma in einer Versteigerung und sucht sich mit 27 Jahren einen neuen Geschäftspartner: Henry Flagler. Der ist nicht nur mutig, sondern erweist sich mit seinem großen Verhandlungsgeschick als gute Wahl, um das Ölgeschäft aufzurollen. Genau das hat Rockefeller vor.
Arbeit ist der wichtigste Lebensinhalt für den jungen Geschäftsmann. Als gläubiger Protestant hält er beruflichen Erfolg für seine Pflicht vor Gott. „Die Gabe, Geld zu verdienen, ist eine Gabe Gottes“, wird er später sagen, „ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen, so gut wir können.“ Und das tut er. Von sonstigen weltlichen Vergnügungen hält er sich fern. Müßiggang, Prasserei und üppiges Essen sind ihm zuwider. Tanzen hält er ebenso für Zeitverschwendung wie den Besuch von Theatern, Konzerten oder sonstige Geselligkeiten. Das Erstreben von Reichtum wird ihm zum wichtigsten Ziel.
Die Konkurrenz aus dem Weg geboxt
Dass der Ölmarkt dabei Chancen bietet, weiß Rockefeller schon früh. Doch der Markt ist jung, und in Amerika existieren zahlreiche kleine Raffinerien, die miteinander konkurrieren. Öl ist eben Öl und kann leicht durch ein Konkurrenzprodukt ersetzt werden. Hier gilt: Der Billigste gewinnt. Rockefeller erkennt schnell, dass mit Öl nur auf eine Weise ein großes Geschäft zu machen ist: indem man selbst groß wird. Denn dann kann man günstiger einkaufen, günstiger produzieren und am Ende niedrigere Preise bieten, die Konkurrenten schlucken - und noch größer werden. Rockefeller hat sein Geschäftsmodell gefunden, das noch heute oft kopiert wird und anderen zu Reichtum verhilft. Auf neuen Märkten schnell groß werden und die Konkurrenz aus dem Weg boxen: Das ist auch das umstrittene Erfolgskonzept von Konzernen wie Microsoft, wenn auch mit anderen Methoden.
Rockefeller verfolgt sein Ziel - Größe - teils überaus rabiat. So arbeitet sein Konzern mit Spionen und Bestechung. Vor allem aber macht er sich früh daran, mit anderen Raffinieriebesitzern zusammen ein Kartell zu bilden, um die Preise für den Transport des Öls herunterzuhandeln, der damals vor allem mit der Eisenbahn erfolgt. Verhandelt wird natürlich unter Leitung von Rockefellers und Flaglers Firma Standard Oil, die auch die Gewinne aus diesen Geschäften einstreicht. Über kurz oder lang machen alle großen Raffinerien mit.
Raffgierig, aber tief religiös
Das Kartell wird zum Großkonzern, denn Standard Oil verleibt sich als Holdinggesellschaft innerhalb eines Jahres beinahe alle Konkurrenten der Region ein. Rockefeller bezahlt bar oder mit Anteilen, wobei diejenigen schlau sind, die letztere Methode wählen. Sie werden mit Standard Oil reich. Denn das Unternehmen wächst und wächst. 1870 kontrolliert es schon zehn Prozent des in Amerika raffinierten Öls.Doch das ist Rockefeller nicht genug. In den 1870er Jahren gründet Standard Oil gemeinsam mit den Bahngesellschaften ein Transportkartell, das vor allem ein Ziel hat: die Konkurrenz behindern. Das ist zwar ungesetzlich, doch zunächst kommt Standard Oil damit durch und ist wenig mehr als zehn Jahre später zum Megakonzern und Quasimonopolisten angewachsen. Gemeinsam mit seinen stillen Teilhabern hat Standard Oil rund 90 Prozent des amerikanischen Ölmarktes in der Hand.
Die Wut der Bevölkerung und der Politik über die rabiaten und teils ungesetzlichen Methoden des Konzerns ist groß. Doch es dauert bis 1911, ehe ein Gerichtsverfahren dazu führt, dass Standard Oil zerschlagen und in viele Teile zerlegt wird, die unter Namen wie Exxon, Chevron und Amoco weiterleben. Rockefellers Reichtum tut das keinen Abbruch. Als er sich in den 1890er Jahren aus dem Geschäft zurückzieht, beträgt sein Vermögen rund 200 Millionen Dollar (heute rund 3,5 Milliarden); 1930 ist es auf eine Milliarde (heute etwa 30 Milliarden) angewachsen. Die enormen Summen bringen ihn in Gewissenskonflikte.
Zwar ist er raffgierig, aber auch tief religiös. Und seine Religion verbietet ihm die Zurschaustellung seines Geldes. Deshalb vererbt er nur einen (immer noch sehr gr0ßen) Teil seines Vermögens an seine Familie. Hunderte Millionen aber spendet er für wohltätige Zwecke, stiftet Schulen, Bibliotheken und Universitäten. Damit gelingt es ihm, seinen ramponierten Ruf teilweise wieder aufzupolieren, so dass Rockefeller heute nicht mehr nur für unermesslichen Reichtum und skrupellose Methoden steht, sondern auch für Wohltätigkeit. Seine Familie und die beschenkten Stiftungen zehren noch heute von den Erträgen.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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