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Serie: Wie wir reich wurden (46) WWW - drei Buchstaben verändern die Welt

21.08.2010 ·  Erfunden von Militärs und dann übernommen von Wissenschaftlern wurde das Internet erst populär, als die Geschäftsleute kamen. Und mag es auch Gefahren haben: Es hat das Leben der Menschen umgewälzt.

Von Patrick Bernau
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Im Jahr 1901 testeten zwei Psychologen in New York, wie gut Menschen Flächen schätzen können. Sie fanden heraus: Wer bei großen Rechtecken richtigliegt, macht bei kleinen oft schon wieder Fehler. Dieses Experiment ist wahrlich kein Klassiker der Forschungsgeschichte - aber wer sich heute in Deutschland für die Ergebnisse interessiert, kann den Abstand von 6000 Kilometern und 109 Jahren innerhalb von Sekunden überbrücken und hat den Bericht in wenigen Augenblicken auf seinem Computer. Denn der steht im Internet.

Das Internet hat das Leben der Menschen umgewälzt. Mag es auch Gefahren haben, es hat enorme Fortschritte gebracht: Schulkameraden, die sich seit 40 Jahren nicht mehr gesehen haben, kommen wieder in Kontakt. In Windeseile kommt jeder an die neuesten Nachrichten. Und wer Lust hat auf Kultur, auf Bücher, Musik oder Filme, der bekommt die zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Haus. Junge Bands können ihre Musik auch ganz umsonst anbieten, um für sich Werbung zu machen, denn sie müssen keine CDs mehr pressen. Und das Angebot an Waren ist unermesslich. Weil Online-Shops keine teuren Läden brauchen und keine dicken Kataloge, können sie eine schier unbegrenzte Vielfalt an Dingen anbieten. Der Käufer weiß sogar schon beim Bestellen, ob sein Wunschprodukt gerade ausverkauft ist. Und all das erscheint heute auch noch völlig selbstverständlich.

Schon früh sparte das Netz viel Geld

So revolutionär das Internet ist, so klassisch wurde es erfunden und entwickelt: Die Grundlagen legten Wissenschaftler in Diensten von Staat und Militär. Unters Volk brachten die Entwicklung allerdings Leute, die damit Geld verdienen wollten. Der Reihe nach: Alles begann, nachdem die Sowjetunion den ersten Satelliten der Welt - Sputnik - in den Orbit geschossen hatte. Weil die Sowjetunion technisch so weit voraus war, bekamen die Amerikaner den „Sputnik-Schock“ - und beschlossen, möglichst schnell aufzuholen. Auch für die Armee gründeten sie eine eigene Forschungsagentur, die sogenannte „Agentur für hochentwickelte Forschungsprojekte“, kurz: ARPA. Und die begann bald mit der Entwicklung eines Computernetzes, das auch einem zerstörerischen Krieg standhalten sollte - weil es keine feste Zentrale hat, sondern chaotisch strukturiert ist und viele verschiedene Wege durch das Netz führen.

1969 wurden die ersten Kabel gezogen. Ende des Jahres waren vier Computer im so genannten „Arpanet“ miteinander verbunden: an den Universitäten in Santa Barbara, Los Angeles und Utah sowie am Forschungsinstitut in Stanford. Überliefert ist, dass das erste Wort zwischen Los Angeles und Stanford ausgetauscht wurde. Es hieß „lo“. Eigentlich sollte es noch weitergehen, aber der Computer stürzte nach den ersten zwei Buchstaben ab. Vielleicht hätte das Wort „login“ heißen sollen. Schon früh sparte das Netz Geld: Der erste praktische Nutzen war, dass teure Großrechner auch von Forschern an anderen Orten genutzt werden konnten. Am beliebtesten war aber bald eine andere Funktion, nämlich die E-Mail, die zwei Jahre nach dem Entstehen des Netzwerks aufkam.

Der Erfinder des WWW wollte es gar nicht teilen

Bald diskutierten die Forscher auf einem neuen E-Mail-Verteiler über: Science- Fiction. In den siebziger Jahren wurden an verschiedenen Orten auf der Welt ähnliche Computernetze aufgebaut, die anfangs keine Verbindung hatten. Erst 1975 setzte sich ein gemeinsamer Kommunikationsstandard durch, der die verschiedenen Computernetze miteinander verband - dies war die Verbindung zwischen mehreren Netzen, englisch: Internet. An dieses Internet schloss sich auch die amerikanische Wissenschafts-Stiftung mit eigenen Computern an. Bald übertraf das Netz der Wissenschaftler das Netz der Arpa bei weitem. Die Agentur gliederte erst den militärischen Datenverkehr aus, dann überließ sie das Netz komplett den Forschern.

Doch die hatten das Netz nur wenige Jahre für sich. Zu verdanken ist das einem Physiker namens Tim Berners-Lee, der damals am Kernforschungszentrum in Genf arbeitete. Er entwickelte für das Internet ein System, in dem die Nutzer sich mit sogenannten „Links“ von einer Seite zur nächsten hangeln konnten: das „World Wide Web“ (WWW). Es machte das Internet sehr leicht zu benutzen. Berners-Lee selbst hatte kein Interesse daran, dieses System kommerziell zu nutzen. Ihm ging es vor allem um die Kommunikation im Forschungszentrum, darum tat er auch recht wenig für die Verbreitung des WWW. Das übernahmen dafür andere. An der Universität von Illinois entstand 1993 ein Programm namens Mosaic, das Texte und Bilder auf dem Bildschirm miteinander kombinieren konnte und das World Wide Web so attraktiv machte. Dieses Programm wurde von der Universität verkauft - und entsprechend vermarktet. Ende des Jahres 1993 waren bereits zwei Millionen Exemplare von Mosaic im Umlauf.

Beim Platzen geht viel Geld verloren

Die Entwickler wollten mehr. Einige verließen die Universität und gründeten die erste eigene Internetfirma: Netscape. Sie bot ebenfalls ein Programm für den Zugang zum World Wide Web an. 1995 ging sie an die Börse. Es war der erste Börsengang der sogenannten Dotcom-Blase. Netscape machte seine Aktionäre sehr reich. Als Vorzeigefirma der New Economy verdreifachte es seinen Kurs bis 1999, dann wurde die Firma von AOL übernommen.

Es geschah, was mit revolutionären Neuentwicklungen oft geschieht: Die Menschen erwarteten zu viel vom Internet - zum Beispiel, dass die Börsenkurse ewig steigen. Eine Blase entstand. „Sie glauben nicht, dass das etwas werden kann?“, fragte damals so mancher Journalist seine Leser angesichts gewagter Geschäftsmodelle - und antwortete direkt: „An der Börse ist die Firma schon einige Millionen wert.“

Beim Platzen geht viel Geld verloren. Doch dank der Blase werden auch Investitionen getätigt, die der neuen Technik später zum Durchbruch verhelfen. Im Fall der New Economy war das die Ausstattung der Welt mit Internetkabeln - und die Entwicklung immer neuer und immer modernerer Computerwerkzeuge, die im vergangenen Jahrzehnt die Entwicklung neuer Internetdienste billig möglich machten - zum Beispiel Facebook, das inzwischen eine halbe Milliarde Menschen nutzen.

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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