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Serie: Wie wir reich wurden (3) Der Kühlschrank macht Lebensmitteln Beine

03.10.2009 ·  In der modernen Küche ist er wichtiger als der Herd. Bevor es den Kühlschrank gab, mussten sich die Menschen täglich selbst um frische Lebensmittel kümmern. Doch dann kam die Kälte plötzlich aus der Steckdose.

Von Jürgen Kaube
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Der Schriftsteller Peter Kurzeck hat in seinen hinreißenden Hörbuch-Erinnerungen an die eigene Jugend („Ein Sommer, der bleibt“) folgende Geschichte des Konsums in der Nachkriegszeit erzählt: Erst wurde die Butter unglaublich billig. Dann kamen die Kühlschränke, denn die brauchte man ja, weil man die ganze billige Butter gar nicht sofort essen konnte.

Außerdem kamen die Einkaufszentren außerhalb der Dörfer. Dort war auch alles, nicht nur die Butter, so billig, dass man noch mehr Stauraum brauchte. Also kamen die Gefriertruhen auf den Markt und später die Gefrierschränke. Die Leute fuhren auf den Umgehungsstraßen, die es dann auch gab, die Einkaufszentren ab, entweder um einzukaufen oder um die Preise zu vergleichen. Also mussten sie noch mehr auf Vorrat kaufen, damit sich das Autofahren auf den langen Umgehungsstraßen auch lohnte. Und schließlich, das muss so um 1970 herum gewesen sein, bauten die Kommunen Trimm-dich-Pfade, weil bei all dem eingefrorenen und später reichlich verzehrten Essen die Leute natürlich zugenommen hatten.

Hausarbeit ist schlecht fürs Bruttosozialprodukt

Das ist wohl keine Kausalkette, die in allen Punkten der wirtschaftshistorischen Überprüfung standhielte. Aber sie verdeutlicht in ihrer Verdichtung ein zentrales Merkmal der Industriegeschichte: dass manche Innovationen unvorhersehbare Wirkungen in alle Richtungen haben. Der Kühlschrank ist so eine Innovation.

Lebensmittel haltbar zu machen gehört zu den ältesten Kulturtechniken überhaupt. Trocknen, salzen, in Essig einlegen, räuchern, fermentieren - bis zum späten 18. Jahrhundert war das häusliche Praxis. Dann aber erfuhr diese Selbsthilfe eine doppelte Veränderung: Zum einen wanderten viele dieser Techniken ganz allmählich aus den Haushalten heraus. Die Nahrung wurde immer öfter schon in haltbarem Zustand geliefert. Fürs Bruttosozialprodukt war das gut, denn Hausarbeit geht bekanntlich nicht ins Sozialprodukt ein, sie schafft keinen Wert.

1804 hatte der Konditor Nicholas Appert, der darüber nachdachte, wie man Lebensmittel aufbewahren könne, ohne ihren Geschmack und ihre Struktur zu zerstören, die erste Konservenfabrik gegründet. Die stellte 1827 auch die erste Kondensmilch her.

Zum anderen wurde mit dem Aufstieg der Physik über Maschinen nachgedacht, die es den Haushalten ermöglichten, die Konservierung selbst zu übernehmen. Mit anderen Worten: Nicht bloß die Produktion, auch der Konsum wurde kapitalintensiv.

Doppelt so teuer wie die ersten Autos

Wir haben es also mit einer vierstufigen Abfolge zu tun: Zuerst gibt es das Wissen darüber, was konserviert, beispielsweise Kälte, ohne dass dafür schon eine wissenschaftliche Erklärung existierte.

Dann ermöglichen Wissenschaft und Verfahrenstechnik die Maschinisierung des Vorganges. Vor der Erfindung der Kältemaschinen wurde Natureis in Kellern und Höhlen eingelagert. In den Köpenicker Hallen von Carl Bolle etwa, der Eis- und Milchhändler war, sollen Ende des 19. Jahrhunderts drei Millionen Kubikmeter gelegen haben. Jetzt kommt die Kälte aus der Steckdose.

Danach kommt jemand auf den Gedanken, dass man die Maschinen, die ursprünglich nur für die Industrie gedacht waren, auch auf Haushaltsformat bringen könnte. Als 1911 das erste Patent des französischen Mönchs Marcel Audiffren umgesetzt wurde, wogen Kühlmaschinen zwar nicht mehr Tonnen, aber sie kosteten etwa doppelt so viel wie die ersten Personenkraftwagen. Ein Fünftel eines durchschnittlichen Jahresgehalts.

Die Hausarbeit selbst wird zumeist nicht spezialisiert verrichtet. Damit erreicht der Prozess die vierte Stufe: Produkte wie Tiefkühlpizzen kommen auf den Markt oder „frische“ tiefgefrorene Nudeln. Man lässt kochen, aber nicht vom Personal, sondern von Firmen. Einfrier- und Auftaugeräte, für die dann eigene Waren hergestellt werden, erledigen den Rest.

Die Siedlungsstruktur völlig verändert

Dass Kälte durch Verdunstung entstehen kann, hatte 1756 als Erster der schottische Mediziner William Cullen entdeckt, der Dimethylether in ein Teilvakuum hinein verdunsten ließ. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts folgten die ersten Patente für Kühlsysteme, 1834 das erste, das auf Gaskompression setzte, also den Effekt, dass verdichtete Gase kühlen, wenn sie sich wieder ausdehnen. Die ersten Experimente mit Ammoniakgas als Kältemittel machten die französischen Brüder Carré. Damit war 1851 das Prinzip vorgestellt, das heute beispielsweise in Minibars funktioniert. Carl von Lindes Patent von 1895 war es schließlich, das es ermöglichte, Gasgemische in großen Mengen zu verflüssigen. Lindes Kältemaschinen waren zusammen mit Brauereien entwickelt worden.

Die größten Auswirkungen hat das maschinelle Kühlen auf die Raumökonomie. Denn was der Kühlschrank überwindet, sind nicht nur natürliche Temperaturen, sondern vor allem Wegstrecken. Das schafft Zeitgewinn. Ohne die Erfindung des Kühlschranks wäre die Siedlungsstruktur moderner Gesellschaften nur aufrechtzuerhalten, wenn wir alle wieder landwirtschaftliche Selbstversorger würden. Vom Welthandel mit Lebensmitteln gilt das ohnehin: Was wäre Neuseeland ohne Kühlmaschinen? Schon 1876 hatte der Franzose Charles Tellier gewettet, eine Lammkeule in genießbarem Zustand über den Atlantik zu bringen, und stattete dazu das Dampfschiff „Frigorifique“ mit Kompressionsmaschinen und Kühlräumen aus. Das Fleisch soll trotzdem streng gerochen haben. Um 1900 war die Technik dann so weit, dass die fleischverarbeitende Industrie ihre größte Expansion erlebte. 90.000 Tonnen pro Tag wurden von den Chicagoer „Meat-Packers“ gefroren.

Der Blick aufs Haltbarkeitsdatum hat das Schmecken ersetzt

Zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts ging der Kühlschrank dann als Heimgerät in Serie. Vom „Monitor-Top“ der Firma General Electric wurden eine Million Stück verkauft. Zur selben Zeit führte die Technologie auch zur Einführung von Klimaanlagen, zuerst in Kinos und Theatern. Zwischen 1926 und 1929 stieg die Zahl der Kühlschränke von 315.000 auf 1,7 Millionen. Bis 1955 dann 80 Prozent der amerikanischen Haushalte einen Kühlschrank besaßen. Heute sind es praktisch 100 Prozent.

Die Privathaushalte machte der Kühlschrank vor allem vom Nutzgarten unabhängig. Insofern hat er auch das Städtebild geprägt. „Weder die Jahreszeit noch die Geographie hat länger eine Bedeutung“, notierte das Magazin „Fortune“ 1939 in einem Artikel über den Siegeszug der „Fridges“. Das Einkaufen entkoppelte sich stärker von Terminen und Bedarf, der Haushalt wurde weniger planungsbedürftig. Nicht der Herd, sondern der Kühlschrank steht im Mittelpunkt der modernen Küche, meint daher der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann. Man muss auch weniger über Nahrung wissen, seit es den Kühlschrank gibt. Der Blick aufs Haltbarkeitsdatum hat das Schmecken und kritische Betrachten ersetzt. Was wiederum Nostalgiker wieder zum Selbermachen und aufwendigen Saisonalkochen bringt. So dient selbst der Widerstand gegen die Kühlmaschinen dem Wirtschaftswachstum.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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