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Serie: „Wie wir reich wurden“ (28) Wieso Robert Bosch acht Stunden arbeiten ließ

 ·  Soziales Wirtschaften hat nichts mit Sozialromantik zu tun. Wer seinen Arbeitern Gutes tut, hat mehr Erfolg. Robert Bosch hat das früh erkannt: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle.“

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Wer wie Robert Bosch 1861 auf der Schwäbischen Alb geboren wurde, dem ward das Wissen, wie man reich wird, nicht gerade in die Wiege gelegt. In dieser kargen Landschaft war Armut endemisch, und selbst die schwäbische Volksweisheit, dass vom Geldausgeben noch niemand reich geworden ist, klingt in dieser Umgebung eher zynisch.

Die Reichen, die den pietistischen Geist des schwäbischen Kapitalismus repräsentierten, pflegten ihre eigene Art von Sparsamkeit, die dem Industriekapitalismus im Ländle fast religiöse Züge verlieh. Die Sparsamkeit wurde schließlich auch als Maxime für den Erwerb industriellen Reichtums exportiert: „Akkumuliert, akkumuliert, das ist Moses und die Propheten“, so formulierte Karl Marx schließlich die Grundregel des Unternehmertums.

„Ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle“

Vor diesem Hintergrund mutet Boschs Verständnis vom Reichwer-den geradezu revolutionär an: „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle.“ Der Bruch mit den Binsenweisheiten des Industriekapitalismus machte Bosch nicht nur selbst zu einem der reichsten Männer Europas. Er hinterließ auch ein Unternehmen, das noch heute den Kern der nachindustriellen Produktionsweise repräsentiert. Und der immerhin verdankte Deutschland über alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinweg seinen Reichtum.

Robert Bosch ist einer der Pioniere dieser neuen Epoche. Er begann seine Unternehmerkarriere als Feinmechaniker und Elektriker im Handwerk. Am Ende verkörperte er einen neuen Typus wirtschaftlicher Wertschöpfung, mit der er das industrielle Zeitalter glatt übersprang. Denn industrielle Produktion im engeren Sinne war ihm verhasst.

Wo immer er im eigenen Unternehmen Ansätze „einer besseren Blechwarenfabrik“ erkannte, ließ er die „Blechbude“ abreißen. Er wusste warum: Wertschöpfung, die diesen Namen verdiente, hatte längst nichts mehr - wie in der alten Industrie - nur mit der materiellen Transformation von Rohstoffen und Materialien zu tun. Es kam auf den Inhalt an, und der war immaterieller Art.

Wirtschaft und Wissenschaft in engem Verhältnis

Bosch stand mit dieser Erkenntnis nicht allein. Gerade in Deutschland gingen Wirtschaft und Wissenschaft zum ersten Mal ein enges produktives Verhältnis ein und erschlossen bis dahin verborgene Produktivitätsreserven. Neue Branchen entstanden, wie die Chemie, die Elektrotechnik und der Maschinenbau, die noch heute die deutsche Wirtschaft prägen. Sie nutzten von Anfang an wissenschaftliche Forschungsergebnisse, aus denen sie Innovationen entwickelten. Im Sog der einsetzenden Globalisierung beherrschten sie damit weltweit die Märkte.

Bosch begegnete dieser Mischung aus Spitzenforschung und Weltmarktorientierung in Stuttgart eher zufällig, war aber gut auf sie vorbereitet. Er hatte in seiner 1886 gegründeten „Feinmechanischen Werkstätte“ auf Kundenwunsch einen Zündapparat für Motoren nachgebaut, den die Gasmotorenfabrik Deutz für OttoMotoren entwickelt hatte. Obwohl Boschs Niederspannungsmagnetzünder den deutschen Auto-Pionieren Carl Benz und Gottlieb Daimler wohlbekannt war, kam die Anregung, den Zünder kraftfahrzeugtauglich zu machen, aus England.

Bosch nahm die Herausforderung an, denn ihm waren die Chancen, die der angelsächsische Markt eröffnete, aus eigener Anschauung vertraut. Seine Wanderjahre als Geselle hatte er ganz bewusst in Amerika und England verbracht.

Wo immer Kraftfahrzeuge fuhren: Boschteile steckten darin

Er sorgte aber auch dafür, dass die Wissenschaft Einzug in sein Unternehmen hielt: Einer seiner ersten Lehrlinge, Gottlob Honold, schloss später ein Studium der Elektrotechnik an der Technischen Universität Stuttgart ab - und übernahm dann die Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Bosch. Gerade rechtzeitig, um in den rasch wachsenden Stuttgarter Betrieb wissenschaftliche Standards einzubringen. So gelang Honold 1902 etwa der Durchbruch mit der Lichtbogenzündung, dem Vorläufer der Zündkerze.

Boschs Unternehmen war nun längst keine Werkstätte mehr, sondern es hatte großen Anteil am Siegeszug des Automobils rund um die Welt. Die Exportquote der Firma lag schnell bei 88 Prozent. Der Generalvertretung in England folgten Niederlassungen in 25 Ländern bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Bosch konzentrierte sich ganz auf immaterielle Wertschöpfung. Und seine Produkte machten das Auto zu einem Objekt verwissenschaftlichter Produktion: Nach der Zündkerze entwickelte die Forschungsabteilung Lichtmaschine und Scheinwerfer. Nach dem „Bosch-Öler“ erfand sie Einspritztechnik und Hydraulik. Aber auch Starter, Batterien, Scheibenwischer, Winker, Bremsanlagen und das berühmte Bosch-Horn gehörten bald zum Programm. Wo immer Kraftfahrzeuge fuhren: Boschteile steckten darin.

Ein Blick für das menschliche Vermögen der Facharbeiter

In seinen Facharbeitern und Technikern sah der Firmengründer nicht nur Kostenfaktoren, sondern vor allem das menschliche Vermögen, das er am dringendsten für sein Unternehmen brauchte.

Als sein Unternehmen begann, sich dynamisch zu entwickeln, zahlte er um 62 Prozent höhere Löhne als die Konkurrenz. Trotz der höheren Kosten erzielte seine Firma am Ende noch ein Plus von 15 Prozent. Er zögerte auch nicht, schon 1906 den umstrittenen 8-StundenTag einzuführen, gegen heftige Proteste seiner Unternehmer-Kollegen. Er tat das nicht aus philanthropischer Neigung, sondern weil er die Idee der kürzeren Arbeitstage „für die wirtschaftlichste hielt und am zuträglichsten für die Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft“. Der arbeitsfreie Samstagnachmittag folgte 1910.

Auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zahlte Bosch seinen Arbeitern, damit war er Vorreiter. Wie viele andere Unternehmen ließ Bosch seine Mitarbeiter und Facharbeiter am Arbeitsplatz mitbestimmen, lange bevor das Gesetz es befahl. Auch in der neuen Sozialversicherung sah er kein Übel. Er erkannte: Sie nützt der Pflege des Humankapitals. Es versteht sich auch von selbst, dass Bosch auch das aufkommende duale Ausbildungssystem ausbaute. Bis dahin war Ausbildung noch auf das Handwerk fixiert. Bosch wusste, dass die soziale Verantwortung des Unternehmers nicht die Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität schwächte - sondern dass sie den nachindustriellen Kapitalismus erst möglich machte: „Wir übernehmen alles, was die Leistung erhöht, die Organisation verbessert und zugleich dem Arbeiter nützt, denn sein Nutzen ist auch der des Arbeitgebers.“

Werner Abelshauser lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bielefeld und ist einer der Direktoren des Instituts für Weltgesellschaft.

Quelle: F.A.S.
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