06.03.2010 · Noch unter Goethe war die Brille ein Zeichen des Alterns, heute ist sie ein notwendiges Übel, das den Alltag erleichtert. Denn die Erfindung der Sehhilfe hat die Arbeitsmöglichkeiten der Menschen verlängert. Und damit die Produktivität ernorm gesteigert.
Von Werner PlumpeBrillen sind ein notwendiges Übel. Im Grunde hindern sie einen daran, völlig unbeschwert durch die Welt zu gehen: Man muss aufpassen, dass sie nicht zerbrechen, verliert sie leicht und weiß nicht immer, wo man sie hingelegt hat. Ein Brillenträger kann nicht alles tun, was er möchte, er kann zum Beispiel kein Pilot werden. Die Brille schafft auch nichts Neues, sie erhält nur etwas: die Sehschärfe. Die lässt meist ab dem 40. Lebensjahr nach. Trotzdem nehmen wir die Nachteile des Brillentragens in Kauf, um uns von unserer Natur zu befreien.
Die Brille war früher vor allem ein Zeichen des Alterns. Junge Leute schienen sie nicht zu benötigen. Der alte Johann Wolfgang Goethe fand es geradezu respektwidrig, wenn junge Leute eine Brille trugen. Heute brauchen auch junge Menschen vermehrt Sehhilfen. Glaubt man der Statistik, tragen 64 Prozent der Menschen, die älter als 16 Jahre sind, eine Brille. Tendenz steigend, gerade auch bei Kindern und Jugendlichen. Die Brille ist nicht mehr eine notwendige Plage des Alterns, sie gehört zum Alltag. Wegen ihrer Nützlichkeit.
Denn erst die Korrektur von Sehschwächen ermöglicht uns die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die volle Nutzung unserer Produktivität. Hier liegt auch der ungeheure Gewinn, den die Massenherstellung von Brillen seit der frühen Neuzeit hatte: Die Brille verlängerte das Arbeitsleben, gerade bei hochqualifizierten Arbeitskräften, die Maschinenbau und Feinmechanik benötigten.
Der Blick auf die Welt wandelte sich
Zuvor ging die Arbeitskraft vor allem der erfahrenen Menschen mit dem Alter deutlich zurück, obwohl andere körperliche Einschränkungen gering blieben. Die Arbeit in den zumeist nicht gut beleuchteten Werkstätten des Handwerks wurde mit eingeschränkter Sehfähigkeit nach dem 40. Lebensjahr immer schwieriger. Die Brille schuf Abhilfe, und die Herstellung von billigen Sehhilfen, die spätestens mit dem 16. Jahrhundert einsetzte, wurde sowohl zu einem lohnenden Geschäft als auch zu einer wesentlichen Bedingung der „industrious revolution“, der Steigerung der menschlichen Produktivität als Bedingung der wirtschaftlichen Modernisierung.
Die Erfindung der Brille war allerdings kein rein wirtschaftlicher Vorgang, sondern ein evolutionärer Prozess, der sich seit dem 13. Jahrhundert beschleunigte. Das Wissen um die vergrößernde Wirkung geschliffenen Glases und geschliffener Kristalle war seit der Antike bekannt. Es wurde jedoch zunächst nicht für die Herstellung von Sehhilfen verwendet. Auch die Tradierung des antiken Wissens in den arabischen Raum löste dort keine Innovationsprozesse aus.
Der Durchbruch erfolgte erst im 13. Jahrhundert in Italien. Von da breitete er sich schnell über das abendländische Europa aus, das in dieser Zeit begann, seinen Blick auf die Welt zu wandeln. Europa begann mit der „Messung der Wirklichkeit“, wie es der amerikanische Historiker Alfred W. Crosby nennt. Es waren zunächst alternde Mönche, die Lesehilfen brauchten. So zeigten es auch die ersten Brillendarstellungen der Malerei, wie der Wildunger Altar von Conrad von Soest (1403) mit seinem weltberühmten Brillenmönch.
Ein Massengebrauchsgegenstand für wenige Pfennige
Den Anfang der Sehhilfen bildeten Lesesteine, Halbkugeln aus Glas oder Bergkristall (Beryllium), die auf die Schrift gelegt wurden, um sie zu vergrößern. Diese Halbkugeln mit einem Stiel zu versehen, um sie direkt vor das Auge halten zu können, war nur ein kleiner Schritt. Ebenso lag es nahe, zwei Stielhalbkugeln zu einer Brille zusammenzunieten. Das erfolgte bereits Ende des 13. Jahrhunderts.
So entwickelte sich ein Brillenhandwerk, das immer bessere und auch preiswertere Brillen anbot, so dass sich die Brillennutzung seit dem 15. Jahrhundert rasch verbreitete. Zunächst wurden Brillen allein zur Korrektur von Altersweitsichtigkeit getragen. Nikolaus von Kues beschrieb aber bereits konkave Linsen zur Korrektur der Kurzsichtigkeit. Reinhold Reith berichtet in seinem Artikel „Brille“ in der Enzyklopädie der Neuzeit, dass bereits im 16. Jahrhundert Kurz- und Weitsichtigkeit durch den Abt Franciscus Maurolicus von Messina genau beschrieben wurden.
Die Brillenherstellung war seit dem späten 15. Jahrhundert über Handwerkerzünfte organisiert. Es fand technischer Fortschritt statt, vor allem bei den Brillengestellen - sie bekamen Nasenbügel. Die erste moderne Brille mit Bügeln für die Ohren stammt aus dem England vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Nun konnte die Brille auch im Gehen getragen werden und wurde zum ubiquitären Hilfsmittel.
Die Herstellung von Gestellen und Glas sowie das Schleifen der Gläser in Standardstärken blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts handwerklich. Doch wurden durch maschinelle Verbesserungen in den Zentren der Brillenherstellung wie Regensburg, Nürnberg und Fürth erhebliche Produktivitätsfortschritte erzielt. Die Brille wurde zu einem preiswerten Massengebrauchsgegenstand, der von fliegenden Händlern zu niedrigen Preisen „um wenige Pfennige“ vertrieben wurde. Diese Händler aber hatten keinen guten Ruf. Die Worte „Brillen verkaufen“ wurden geradezu synonym verwendet mit „betrügen“.
Dank „Durchbrillung“ von der Natur emanzipiert
Die massenhafte Verbreitung der Brille war in doppelter Hinsicht von großer Bedeutung. Zum einen erleichterte sie die Verbreitung von Druckschriften. Die Erfolgsgeschichte des Buches mit all ihren Folgen und die Verbreitung der Brille sind daher durchaus ein koevolutiver Prozess.
Zum anderen dehnte die Brille die Lebensspanne aus, in der produktive Arbeit möglich war. Dies war gerade bei der qualifizierten Facharbeit eine wesentliche Ressource zur Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität, zumal die Sehhilfen auch ein wichtiger Faktor bei der Weiterentwicklung von Feinmechanik und Maschinenbau waren. Auch die Fortentwicklung der Uhrenherstellung zu immer kleineren und präziseren Instrumenten hing ganz wesentlich an Brillen und Lupen.
Zuerst kam es zur Industrialisierung der Brillenherstellung, zu Fortschritten der Augenheilkunde, zur massenhaften Verbreitung von Sehhilfen in jeder denkbaren Form, später zur Entdeckung des Gleitsichtprinzips in Frankreich und schließlich zur Individualisierung der Brillen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie letztlich zur Entstigmatisierung der Brille und zu ihrer Aufwertung zum modischen Accessoire - mit alldem ist die „Durchbrillung“ der westlichen Gesellschaften heute weitgehend vollzogen.
Angesichts der Zunahme von Bildschirmarbeit und anderer visueller Aktivitäten ist auch kein Ende der „Durchbrillung“ abzusehen. So ist die Brille ein Symbol der Moderne geworden. Symbol der Emanzipation des Menschen von den Schranken der Natur und für den Wunsch, die Funktionsweise der Natur nach wissenschaftlicher Einsicht zu korrigieren. All das wäre ohne die Erfindung der Brille unvorstellbar geblieben.