"Gebt den Mönchen ein ödes Moor oder einen wilden Wald, lasst ein paar Jahre vergehen, und ihr werdet nicht nur schöne Kirchen, sondern auch menschliche Siedlungen dort errichtet sehen." Diese Worte werden Theodor Fontane zugeschrieben. Er wusste offenbar, dass sich die Gottesmänner nicht nur aufs Beten, sondern vor allem aufs Wirtschaften verstehen. Die Geschichte gibt ihm recht.
Klöster sind seit dem Mittelalter stets geistige, kulturelle und wirtschaftliche Zentren gewesen und Quellen des Reichtums. Der Zusammenschluss von Menschen zu einer Lebensgemeinschaft nach bestimmten Regeln war immer auch ein ökonomisches Abenteuer. Schließlich musste dieser Mikrokosmos einer weitgehend autonom agierenden Gemeinschaft von Brüdern oder Schwestern im Herrn erst einmal überleben. Die ökonomische Gesundheit des Klosters war dafür die Grundvoraussetzung. Sie bildete das Fundament für die Erfüllung der Lebensaufgabe, der sich die Ordenszugehörigen verschrieben hatten: der Nachfolge Jesu und des Dienstes am Nächsten.
Starker Drang zum Unternehmertum
Im Rückblick auf die Geschichte der Klöster erstaunt zweierlei: erstens der starke Drang der Ordensleute zum Unternehmertum und zweitens ihre unternehmerische Beständigkeit. Warum also sind aus Klöstern vielfach echte Unternehmen geworden? Und warum sind diese so stabil?
Die Antwort auf die erste Frage ist logisch: Nur effizient wirtschaftende, im ökonomischen Sinne Mehrwert schaffende Klöster waren in der Lage, das Überleben ihrer Mitglieder zu sichern und darüber hinaus auch etwas für die Mitmenschen zu tun. So hat schon ihre Aufgabenstellung die Ordensleute über die Jahrhunderte zum unternehmerischen Erfolg verdammt. An diesem hatten die Startbedingungen im Mittelalter einen beträchtlichen Anteil.
Zu einer Abtei gehörte seinerzeit stets ausreichender landwirtschaftlicher Besitz, der der Gemeinschaft das materielle Überleben sicherte. Schon bei ihrer Gründung profitierten die Klöster von Schenkungen, die in der Regel Felder umfassten, Weinberge, Wiesen und Wälder. Traten junge Frauen und Männer in die Klöster ein, handelte es sich meistens um Sprösslinge adeliger Herkunft, die ihrerseits nicht mit leeren Händen kamen, sondern eine ordentliche "Mitgift" mitbrachten.
Das Bewirtschaften der Ländereien zum Zwecke materieller Selbstversorgung machte aus einem Kloster aber noch kein Unternehmen. Mit dem Beackern von Gärten haben sich die Mönche denn auch selten zufriedengegeben. "Klösterliche Grundherrschaften konnten echte Großbetriebe sein", meint Gudrun Gleba, Professorin für mittelalterliche Geschichte in Osnabrück. Beispiele gibt es reichlich. "Das nordfranzösische Kloster Wandrille besaß im Jahr 787 genau 1400 Bauernstellen und betrieb 39 Mühlen", führt sie an. Oder das Kloster in Werden an der Ruhr, das im 10. Jahrhundert in seinen Besitzbüchern mehrere hundert abgabepflichtige Höfe ausgewiesen habe.
„Die Erfinder der Arbeitsteilung“
Die Kombination aus der Notwendigkeit materiellen Überlebens und der Erfüllung ihres Auftrags, nämlich nicht nur zu beten, sondern sich auch um die Bedürftigen zu sorgen, bildete das Fundament für die Jahrhunderte überdauernde monastische Stabilität - wenn auch nicht jeder einzelnen Niederlassung, so doch eines Ordens, der unter seinen Mitgliedern immer wieder neue Unternehmer und mit seinen Niederlassungen erfolgreiche Firmen hervorbrachte.
Heute hat sich viel verändert - auch in der Landschaft der Klöster. Mit dem Auf und Ab der Geschichte sind mächtige Zusammenschlüsse verschwunden und neue entstanden. Viele aber sind geblieben. Das Durchschnittsalter zum Beispiel der Benediktinerklöster in Bayern, Baden-Württemberg und der deutschsprachigen Schweiz beträgt ein halbes Jahrtausend. Krisen sind über Klöster hinweggefegt, in denen sich manche nur mit dem Verschachern ihrer sakralen Kunstschätze das Überleben sicherten. Klösterliche Besitztümer haben sich ebenso verändert wie die monastische Produktion von Lebensmitteln, Gütern und Dienstleistungen.
Doch sind Mönche und Nonnen über die Jahrhunderte Unternehmer geblieben. Beispiele von heute gibt es hinreichend: Da zählt nicht nur das Kloster Andechs der Benediktiner am Ammersee dazu oder die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, die vor gut 100 Jahren in die Adelholzner Quellen investierte.
So stellt sich die zweite Frage: Warum sind diese klösterlichen Unternehmen so stabil und über Jahrhunderte in der Lage gewesen, derart erfolgreich den Widrigkeiten der Geschichte zu trotzen? "Klöster waren im Grunde die Erfinder der Arbeitsteilung", sagt die Zürcher Betriebswirtin Margit Osterloh. Sie hätten damit schon in frühen Zeiten ein Höchstmaß an ökonomischer Effizienz erreicht. Und bis heute sind sie bei diesem System geblieben. Viele Klöster seien genau dadurch sehr, sehr reich geworden.
Dass der Reichtum die Zusammenschlüsse der Ordensleute - von individuellen Verfehlungen abgesehen - über die Jahrhunderte nicht korrumpiert hat, liegt nach Meinung von Osterloh an den ausgefeilten Führungs- und Kontrollstrukturen. Die vielen Klöstern eigene "interne Corporate Governance" ist offenbar über Jahrhunderte in der Lage gewesen, Abteien vor Prunksucht, Müßiggang und Machtstreben zu schützen.
„Hohe Identifikation mit der Sache“
Fundament klösterlicher Führungsstrukturen sind meist alte Ordensregeln, im Falle der Benediktiner etwa die Regula Benedicti, die auf den Gründer des Ordens, Benedikt von Nursia (480 bis 547), zurückgeht. Sie ist nicht nur eine Art Handlungsanweisung für das klösterliche Leben unter dem Diktum von Demut, Gehorsam und Schweigen, von Beten und Arbeiten, sondern determiniert auch die Führungsstruktur der Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften. "Die Klöster sind durch diese Regeln auf ein Höchstmaß an Mitbestimmung festgelegt", sagt Osterloh. Die Äbte würden seit Jahrhunderten von den Mönchen gewählt. Die Mönche ihrerseits kennen ihre Ordensbrüder und wissen genau, für wen sie sich entscheiden. Das wiederum gilt auch in die andere Richtung mit Blick auf den Nachwuchs. "Für die Jahrhunderte überdauernde Stabilität sorgte zudem die starke Sozialisation und Selektion der Ordensbrüder", meint Osterloh, "die nicht zuletzt eine hohe Identifikation des Einzelnen mit der Sache garantiert." Das Kloster kennt seine "Mitarbeiter", seit sie Novizen sind. Informationen aus zweiter Hand wie Zertifikate oder Arbeitszeugnisse zu Fähigkeiten und Charaktereigenschaften spielen keine Rolle.
Bei den Klöstern also spielen mehrere Dinge zusammen: Die Sicherung des eigenen Überlebens und die Erfüllung der Aufgaben für den Nächsten machten und machen Ordensleute gerade in unternehmerischer Hinsicht besonders innovativ. Dazu kommen die Form ihrer inneren Organisation, die Corporate Governance also, und ihre Art der Selektion des Nachwuchses.
Doch sind das noch nicht alle Determinanten monastischer Unternehmenserfolge. Ein bisschen hatte und hat auch der Herrgott seine Hände im Spiel, weil die Ordensbrüder und Kongregationsschwestern in der Mehrheit nun einmal an ihn glauben. Und zwar so sehr, dass sie nicht der Welt und ihrem persönlichen Reichtum, sondern eben dem Himmel ihr Leben gewidmet haben. Das ist der entscheidende Unterschied zu Unternehmen, die ausschließlich von dieser Welt sind. Geteilte Werte senken nun einmal die Transaktionskosten, sofern der Wert nicht einzig in der Maximierung des Gewinns besteht.
Eine etwas idealisierte Sicht der Geschichte
harald schneider (asklepion1)
- 22.02.2010, 22:03 Uhr