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Serie: Wie wir reich wurden (19) Das Schmiermittel des Handels

28.01.2010 ·  Weil die Leute ihre Geldsäcke zu Hause lassen wollten, haben sie den Wechsel erfunden. Es war der Beginn des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Teil 19 der Serie „Wie wir reich wurden“.

Von Gerald Braunberger
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Im Jahre 1487 reiste der Genueser Kaufmann Francesco Grimaldi (die Namen in dem nachfolgenden Beispiel sind fiktiv) zur Frühjahrsmesse nach Frankfurt, um nach Waren für sein Geschäft Ausschau zu halten. Fündig wurde er auf dem Stand des Bremer Kaufmanns Bartholomäus Dalfinger, der hochwertige Lederwaren feilbot.

Allerdings trug Grimaldi keinen größeren Geldbestand mit sich. Geld war damals Münzgeld, das sich in größeren Beträgen über weite Strecken nur schlecht transportieren ließ. Die Mitnahme zahlreicher Münzen war nicht nur unpraktisch und unbequem, sondern auch höchst unsicher, da hinter jeder Kurve Räuber lauern konnten.

Fernhandel hatte es in Europa seit der Antike gegeben; Messen sind seit dem 7. Jahrhundert bekannt. Das Wachstum des Fernhandels litt lange Zeit aber nicht nur unter der Armut der Bevölkerung, dem schlechten Zustand der Wege sowie der steten Gefahr von Überfällen. Als hinderlich erwies sich für den Fernhändler auch die Notwendigkeit, Münzen in größeren Summen mit sich zu führen.

Als sich Grimaldi mit Dalfinger in Frankfurt über den Kauf von Lederwaren einigte, war allerdings schon ein Weg bekannt, dieses Problem zu überwinden. Denn Grimaldi zahlte nicht in bar, sondern stellte Dalfinger eine Urkunde aus, die einen bevollmächtigten Vertreter Dalfingers ermächtigte, sich von Grimaldis Genueser Bank, dem Banco di San Giorgio, die Kaufsumme entweder in bar aushändigen oder auf einem Konto gutschreiben zu lassen. Weil ein geregelter Postverkehr damals noch unbekannt war, wurden vorsichtshalber mehrere Kopien der Urkunde angefertigt.

Eine solche Urkunde nannte man einen Wechsel - die wohl wichtigste Finanzinnovation des Mittelalters. Die Erfindung des Wechsels trug nach Ansicht von Wirtschaftshistorikern wesentlich zur Erleichterung des Handels und zur Finanzierung des wirtschaftlichen Aufstiegs in der frühen Neuzeit bei. Bis in das 20. Jahrhundert blieb der Wechsel geläufig, auch wenn er seine Rolle als wichtigste Finanzinnovation während der Neuzeit an die Banknote verlor. Vorläufer des Wechsels existierten im Römischen Reich; die Erfindung des modernen Wechsels wird den Norditalienern vermutlich im 12. Jahrhundert zugeschrieben. Von Italien breitete er sich vor allem über die regelmäßig stattfindenden Messen in Europa aus. In Deutschland ist er mindestens seit dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts bekannt.

Die Vielseitigkeit des Wechsels war seiner Verbreitung förderlich. So ließ er sich als Zahlungsmittel wie als Kreditmittel verwenden. Falls Dalfinger selbst in Norditalien Geschäfte betrieb, konnte er einem dortigen Vertreter - einer Bank, einem Geschäftsfreund oder einer dortigen Niederlassung seines Betriebs - den Wechselbetrag von Grimaldis Bank in Genua auszahlen oder auf einem Konto in Italien gutschreiben lassen. Bei einem solch grenzüberschreitenden Geschäft mussten für die in Frankfurt und Genua verwendeten Währungen ein Austauschverhältnis errechnet werden: Berühmt wurde dies unter dem Namen Wechselkurs.

Der Abschlag hieß Diskont

Dalfinger konnte aber auch versuchen, den Wechsel in Frankfurt oder in seiner Heimatstadt Bremen oder sonstwo einer Bank zu verkaufen, sofern Grimaldis Genueser Bank, der Banco di San Giorgio, dort als seriöse Adresse bekannt war: Dalfingers Bank würde allerdings auf einem Abschlag auf den Wechselbetrag bestehen, weil sie die Gesamtsumme anschließend erst noch in Italien eintreiben musste: Dieser Abschlag hieß Diskont; der Zinssatz, auf dessen Basis der Abschlag errechnet wurde, war der Diskontsatz. So spielte der Wechsel eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.

Der Wechsel war nicht nur Zahlungs-, sondern auch Kreditmittel. Grimaldi konnte auf der Frankfurter Messe einkaufen; der von ihm ausgestellte Wechsel wurde aber erst nach einer vorher vereinbarten Frist seiner Bank in Genua präsentiert. Während des Mittelalters besaß der Wechsel überdies eine weitere Eigenschaft: Durch eine "kreative" Gestaltung der Zahlungsbedingungen ließ sich das kanonische Zinsverbot umgehen.

Die zunehmenden Wechselgeschäfte förderten nicht nur internationalen Handel und Wirtschaftswachstum, sondern bildeten auch eine international angesehene Kaufmanns- und Bankenelite heraus. Wer sich an solchen grenzüberschreitenden Geschäften als Unternehmen oder als Bank beteiligen wollte, musste sich hohen Ansehens in Geschäfts- und Finanzkreisen erfreuen. Die Etablierung Amsterdams als bedeutender Finanzplatz in der frühen Neuzeit erklärte sich unter anderem dadurch, dass die dortigen Banken am internationalen Wechselgeschäft stark beteiligt waren. Eine hervorragende Rolle spielte dort lange die Amsterdamer Wechselbank. Freilich gab es im Geschäft mit Wechseln auch immer Betrüger. Um die Möglichkeit des Missbrauchs zu verringern, wurden im Laufe der Zeit zahlreiche Wechselordnungen und Wechselgesetze beschlossen.

Der moderne Zahlungsverkehr hat den Wechsel überflüssig gemacht

Der Wechsel spielte auch eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des modernen Notenbankwesens. Wenn ein Kaufmann einer Bank einen Wechsel einreichte, konnte er sich den Gegenwert nicht nur auf einem Konto gutschreiben, sondern auch bar auszahlen lassen. So entstand im Laufe der Zeit die Ausgabe von Banknoten im Zuge des Ankaufs von Wechseln. Die Deutsche Bundesbank betrieb dieses Geschäft noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und hielt den Wechsel auf diese Weise künstlich am Leben. Hätte sie den Wechsel nicht mehr angenommen, wäre diese Finanzierungsform vermutlich viel früher ausgestorben.

Denn wenn die Vorzüge des Wechsels während des Mittelalters und der frühen Neuzeit unbestreitbar waren, so muss er aus heutiger Sicht vor allem als ein kompliziertes Konstrukt gelten. Der moderne bargeldlose Zahlungsverkehr hat den Wechsel überflüssig gemacht. Auch als Kreditmittel ist er außer Mode gekommen, weil es einfachere Möglichkeiten gibt, bei einer Bank Geld aufzunehmen. Doch obgleich der Wechsel zweifellos der Vergangenheit angehört, kann seine Bedeutung für die Ausformung der modernen Wirtschaft nicht überschätzt werden.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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