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Serie: Wie wir reich wurden (13) Freie Preise sind gerecht

16.12.2009 ·  Schon Kirchenvater Augustinus wusste: Der wahre Wert eines Gutes ist Verhandlungssache. Der Spaß hört auf, wenn einer den anderen übers Ohr haut.

Von Ulrich van Suntum
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Warum sind nach dem Zweiten Weltkrieg die Menschen in Westdeutschland so schnell wieder wohlhabend geworden, im Osten aber nicht? Waren es die Dollar-Millionen aus dem Marshall-Plan, die den Unterschied ausmachten? Lag es vielleicht an der durch den Wiederaufbau erzeugten Nachfrage, die rasch wieder die Auftragsbücher füllte? Oder waren etwa die Westdeutschen besser ausgebildet und hatten mehr und bessere Maschinen aus den Trümmern gerettet als ihre Landsleute im Osten? Nichts von alledem trifft den wahren Grund des westdeutschen Wirtschaftswunders.

Dieser war viel einfacher, und es war ein einziger Mann, dem das Verdienst dafür gebührt: Ludwig Erhard. Anfangs tat sich nämlich ökonomisch kaum etwas im Nachkriegsdeutschland, weder im Westen noch im Osten. Es herrschten Rationierung und staatlich festgeschriebene Preise, denn niemand sollte bei der Verteilung der knappen Konsumgüter benachteiligt werden. Viele Lebensmittel gab es nur auf Bezugsschein in genau begrenzter Menge, Luxusgüter wie Nylonstrümpfe und Zigaretten waren nur auf dem Schwarzmarkt zu erhalten.

Die Folgen waren katastrophal: Niemand konnte die knappen Waren zu den staatlich festgesetzten Niedrigpreisen kostendeckend produzieren, stattdessen wurden sie sogar vom Markt zurückgehalten. Statt die dringend benötigten Güter zu produzieren, standen die Leute stundenlang Schlange, um sich um ihre Verteilung zu balgen. Weder der Arbeitsmarkt noch die Produktion kamen so in Schwung, die Mangelwirtschaft der Kriegszeit drohte sich weiter fortzusetzen. Es war Ludwig Erhard, der dem Spuk schließlich ein Ende bereitete.

Preise sind Botenstofe

Quasi im Alleingang, gegen den Widerstand von weiten Teilen der Politik und der Gewerkschaften, verfügte er als Direktor der sogenannten Bizone am 24. Juni 1948 die Aufhebung fast aller Preiskontrollen. Dies war der Startschuss für das beispiellose Wirtschaftswunder, das Westdeutschland in den kommenden Jahren erlebte. Produktion und Warenangebot schossen von Stund an in die Höhe, und Anfang der 60er Jahre war aus den Trümmern eine wettbewerbsstarke Volkswirtschaft mit Vollbeschäftigung entstanden.

Nur die Mieten blieben noch eine Zeitlang staatlich gebunden, weil man neue Wohnungen für Millionen von Menschen ja beim besten Willen nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen konnte.

Man kann die Bedeutung freier Preisbildung für den Wohlstand eines Landes gar nicht hoch genug einschätzen. Sie sind praktisch die Botenstoffe, die den Organismus der Wirtschaft überhaupt erst lebensfähig machen.

Preise müssen Knappheiten widerspiegeln

Vierzig Jahre Sozialismus in der DDR haben nachdrücklich gezeigt, dass diese Funktion durch staatliche Planung nicht annähernd erfüllt werden kann. Nur Marktpreise zeigen an, wie knapp die Güter wirklich sind und was eigentlich wie viel kostet. Wenn man sie aus vermeintlich sozialen Gründen reglementiert, geht diese Information verloren. Mehr und mehr muss der Staat dann auch in die Produktionssteuerung eingreifen, was das Chaos aber nur verschlimmert.

Ohne echte Marktpreise gleicht Wirtschaftspolitik einer Geisterfahrt im Nebel. Wie in der Schifffahrt nutzen auch in der Wirtschaft die besten Techniker und Maschinen wenig, wenn der Kompass fehlt. Nicht nur die DDR, auch alle anderen sozialistischen Volkswirtschaften mussten darum zwangsläufig untergehen.

Sind Marktpreise aber auch gerecht? Über diese Frage ist schon in Antike und Mittelalter gestritten worden. Der Kirchenvater Augustinus (354-430) störte sich daran, dass "sinnbegabte" Wesen wie Mensch und Tier am Markt oft weniger wert sind als "sinnentbehrende" Dinge wie Gold oder Perlen. Es widerspreche der gottgegebenen Ordnung, etwa einen Sklaven gegen zwei Esel zu tauschen.

Ächtung von Lug und Betrug

Augustinus erkannte allerdings auch, dass der Markt solche Unterschiede zwischen dem "Naturwert" und dem "Gebrauchswert" der Dinge nicht verursacht, sondern nur aufdeckt. Ihm ging es vor allem darum, dass die Menschen den wahren Wert der Dinge erkennen und in ihrem Tauschverhalten respektieren.

Ähnlich argumentierten rund 800 Jahre später die Scholastiker, deren wichtigster Vertreter Thomas von Aquin war. Sie hatten grundsätzlich nichts gegen Marktpreise, jedoch sollten Notlagen oder Unwissenheit der jeweils anderen Marktseite nicht ausgenutzt werden. Dafür entwickelten sie eine einfache Regel: Der gerechte Preis ("justum pretium") müsse sich im Zweifel immer nach der Wertschätzung des Verkäufers richten, nicht nach der des Käufers.

Das entspricht im Grunde auch heute noch unseren Vorstellungen von Fairness: Kennt etwa der Autoverkäufer einen versteckten Unfallschaden des Fahrzeugs, so muss er den Preis entsprechend niedrig ansetzen. Weiß umgekehrt der Tourist um die Notlage des Straßenhändlers, sollte er den Preis für die Ware nicht allzu stark herunterfeilschen. In beiden Fällen ist also letztlich die Wertschätzung des Verkäufers ausschlaggebend für den angemessenen Preis der Ware.

Solche Regeln haben aber nichts mit einer staatlichen Preisfestsetzung zu tun (wie sie etwa Martin Luther forderte). Sie unterstützen im Gegenteil die wichtige Institution des freien Handels, indem sie diesem durch Anstandsregeln und Ächtung von Lug und Betrug mehr Sicherheit und Akzeptanz verschaffen.

Staatlich manipulierte Preise haben Nebenwirkungen

Die Idee, dass Preise eine "soziale Funktion" haben sollten, ist erst sehr viel später entstanden. Und es ist oft genug der Fall gewesen, dass sich gerade staatlich manipulierte Preise als äußerst unsozial erwiesen haben. So führten zum Beispiel die englischen Getreidezölle in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu katastrophalen Hungersnöten auf der Insel. Bezeichnenderweise sind es die Manchester-Unternehmer Richard Cobden und John Bright gewesen, die mit einer großangelegten Kampagne zugunsten des Freihandels 1846 schließlich die Kornzölle zu Fall brachten. Die dankbaren Arbeiter haben ihnen zu Ehren sogar Denkmäler aufgestellt.

Die eminente Bedeutung wettbewerbsbestimmter Preise für den Wohlstand, gerade auch der ärmeren Schichten, gerät leider oft in Vergessenheit. So haben diejenigen Länder, die sich dem freien Welthandel geöffnet haben, im Durchschnitt höhere Wachstumsraten und Wohlstandsgewinne erzielt als Globalisierungsverweigerer. Selbst Spekulationsgewinne können eine wichtige soziale Funktion haben. Denn der Spekulant kauft Waren, die im Überfluss vorhanden und damit billig sind, und er bringt sie auf den Markt, wenn sie knapp und teuer sind. Damit trägt er zum Marktausgleich bei, was etwa auf dem Getreidemarkt durchaus Menschenleben retten kann.

Am besten sorgt der Staat für gerechte Preise, indem er möglichst viel Wettbewerb unter den Anbietern schafft. Denn zumindest in einem Punkt sind sich Marktwirtschaftler und Sozialisten weitgehend einig: Dauerhafte Monopole, wie wir sie etwa im Strombereich immer noch haben, sind für alle von Übel.

Ulrich van Suntum lehrt Volkswirtschaft an der Universität Münster

Quelle: F.A.S.
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