11.08.2011 · In der Krise verlor Deutschland weniger Jobs als Amerika. Daher ist oft vom deutschen „Wunder“ die Rede. Was sagen Ökonomen dazu?
Von Patrick WelterDeutschland erstaunt die Welt. Vom Wirtschaftswunder ist die Rede, und nicht nur die Vereinigten Staaten schauen neidisch auf den deutschen Arbeitsmarkt, der die schwere Rezession 2008/2009 so gut überstanden hat. Die Arbeitslosenquote stieg in Deutschland in der Rezession nur leicht von 7,4 auf 7,9 Prozent an, um schon vom Frühsommer 2009 an wieder zu fallen. In den Vereinigten Staaten dagegen verdoppelte sich die Arbeitslosenrate in der Krisenphase von 2007 bis 2009 auf rund 10 Prozent. Zwar zeigte sich in den vergangenen Tagen ein kleiner Hoffnungsschimmer: Für Juli dieses Jahres wurden 117 000 neue Stellen gezählt, deutlich mehr als von Ökonomen erwartet. Aber eine kräftige Belebung des Arbeitsmarktes ist noch nicht in Sicht.
Auch andere Arbeitsmarktindikatoren belegen bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland. Hierzulande fiel die Beschäftigung nur leicht, um fast sofort wieder zu steigen. In Amerika brach sie dagegen um 5,6 Prozent ein. Die Arbeitsstunden fielen in Deutschland "nur" um 3,4 Prozent, während Amerika ein Minus von 7,6 Prozent verzeichnete. Erstaunlich und wunderbar ist dies, weil die Rezession Deutschland schwerer zusetzte als den Vereinigten Staaten. Der Einbruch der Wirtschaftsleistung war in den Rezessionsquartalen stärker als derjenige in den Vereinigten Staaten. Dennoch hat der Arbeitsmarkt sich besser entwickelt.
Die Erklärungen der Ökonomen für dieses "Wunder" konzentrieren sich im Kern auf zwei Punkte: Erwartungen und institutioneller Wandel. Nach der Erwartungsthese vermuteten die Unternehmen, dass die Rezession nicht allzu lange andauern würde, und verzichteten auf übermäßige Entlassungen. Diese Erklärung ist nicht unplausibel. Die Rezession in Deutschland war Folge des Einbruchs im Welthandel, der dem Exportweltmeister Deutschland schmerzlich, aber nur kurz zusetzte. Mit den staatlichen Nachfragestimuli in Schwellenländern wie China war indes abzusehen, dass der Nachfrageeinbruch gerade nach deutschen Maschinen schnell überwunden würde.
Gemischt mit dem Fachkräftemangel war es für die Unternehmen so rational, ihre Mitarbeiter in der Krise zu behalten, anstatt sie zu entlassen. Die Kosten einer späteren Mitarbeitersuche und von Neueinstellungen waren höher als der Verzicht auf Entlassungen. In den Vereinigten Staaten dagegen entwich im Herbst 2008 unüberhörbar die Luft aus einer Aktien- und Hauspreisblase, und die Binnenwirtschaft brach zusammen. Von Anfang an war klar, dass die Wirtschaftskrise lange dauern würde. Insoweit verringerten rationale Unternehmen ihre Mitarbeiterzahl schnell und dauerhaft durch Entlassungen, um sich an eine erwartete niedrigere Nachfrage anzupassen.
Im Kern entsprechen diese unterschiedlichen Anpassungsstrategien dem typischen Muster beider Länder. Als Folge der hohen Kosten von Entlassungen neigten deutsche Unternehmen schon immer dazu, in einer Rezession eher die Arbeitsstunden je Beschäftigten zu reduzieren, als Arbeiter zu entlassen.
In den Vereinigten Staaten dagegen, dem Land des "Hire and Fire", passen die Unternehmen sich in Abschwüngen eher durch Entlassungen an. In der Rezession 2008/2009 war in Deutschland die Angst vor Entlassungen jedoch stärker als normal. Die Produktivität fiel, während sie üblicherweise in Rezessionen mit Entlassungen steigt. Das ist das Arbeitsmarktwunder, das es zu erklären gilt.
Die Arbeitsmarktökonomen Michael Burda (Berlin) und Jennifer Hunt (Montreal) fügen der von Erwartungen getriebenen Erklärung eine überraschende Variante hinzu. Sie schauen nicht nur auf die Erwartungen der Unternehmen während, sondern auch vor der Krise. Von 2005 bis 2007 erlebte Deutschland einen starken Aufschwung, der sich am Arbeitsmarkt nur sehr begrenzt niederschlug. Wie nach der Wiedervereinigung blieben die Unternehmen misstrauisch und zögerten, neue Mitarbeiter einzustellen. Damit gab es in der Rezession eben auch nicht so viele Arbeiter, deren Arbeitsplätze dem Kostenschnitt zum Opfer fielen. Wer nicht hoch gestiegen ist, kann nicht tief fallen.
Gemäß Burda und Hunt begründet der zurückhaltende Beschäftigungsaufbau in den Aufschwungjahren vor der großen Rezession rund 40 Prozent der fehlenden Entlassungen in der Krise. Die Ökonomen stützen dieses Urteil auf Vergleichsanalysen, in denen sie berechnen, wie stark die Beschäftigung in den Aufschwungjahren normalerweise gestiegen und anschließend gefallen wäre, hätte sich alles nach dem üblichen Muster entwickelt. Das hat es aber eben nicht, weil die Unternehmen diesmal anders tickten: Vor der Krise trauten sie dem Aufschwung nicht, während der Krise trauten sie den Katastrophenszenarien nicht.
Gestützt auf die theoretischen und empirischen Berechnungen gründen weitere 20 Prozent der in der Krise fehlenden Entlassungen möglicherweise in Lohnzurückhaltung, wobei diese in der Rezession erst spät einsetzte. Es bleiben 40 Prozent für den institutionellen Wandel, für die Erfolge der Hartz-Reformen, die dem Arbeitsmarkt mehr Flexibilität verschafften und die in der deutschen Diskussion jetzt so sehr als Grund für das Wunder zelebriert werden. Das Urteil der beiden Ökonomen fällt hier zögerlicher aus. Sie neigen der These zu, dass die vor der Krise eingeführten Arbeitszeitkonten für die fehlenden Entlassungen wahrscheinlich wichtiger waren als die großzügig ausgeweitete staatliche Subvention der Kurzarbeit. Die Leerung der prall gefüllten Arbeitszeitkonten ersparte den Unternehmen Überstundenzuschläge, die im Fall der Entlassung zu zahlen gewesen wären. Das minderte zugleich die Nachfrage nach Kurzarbeit.
Über die Berechnungen der beiden Ökonomen werden andere Ökonomen wie üblich streiten. Die Untersuchung ist dennoch lehrreich, weil sie im Blick auf die Erwartungen die Bedeutung der arbeitsmarktpolitischen Reformen nicht überhöht und so politischem, auch tarifpolitischem Übermut vorbeugt. Burda und Hunt öffnen den Blick wieder dafür, dass trotz des "Wunders" am deutschen Arbeitsmarkt eben noch nicht alles zum Besten bestellt ist.
Beruht der Artikel auf alten Statistiken?
Andreas Rheinhardt (AndreasRheinhardt)
- 11.08.2011, 19:42 Uhr
@Carsten Zimmermann - so siehts aus!
Karl Napp (KarlMariaNapp)
- 11.08.2011, 16:41 Uhr
Wer zahlt den Preis?
Carsten Zimmermann (Maltegreif)
- 11.08.2011, 13:52 Uhr