Home
http://www.faz.net/-gqk-12ik5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Von Mode und Macht Der Pullover des Sergio Marchionne

10.05.2009 ·  Wer traut sich, beim geschniegelten deutschen Wirtschaftsminister im Bollerpullover vorzufahren? Natürlich, ein Italiener. Mamma mia. Warum trägt Fiat-Chef Sergio Marchionne bloß diese unscheinbaren, graublauen, schlecht geschnittenen Pullover?

Von Dirk Schümer
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (10)

Wer traut sich, beim geschniegelten deutschen Wirtschaftsminister im Bollerpullover vorzufahren? Natürlich, ein Italiener. Mamma mia. Da bestaunt und analysiert das deutsche Management seit Jahren Stil und Klasse der alta moda, lernt die Namen von neapolitanischen Herrenschneidern auswendig und spart ab dem ersten Karriereschritt auf Armani-Schnitt – und da kommt der derzeit namhafteste Kollege aus Italien, um nicht nur mal eben eine alteingesessene Autofabrik deutschen Ursprungs zu kaufen, sondern auch noch um die modischen Erwartungen an seinesgleichen kühl zu düpieren. Warum also trägt Sergio Marchionne bloß diese unscheinbaren, graublauen, schlecht geschnittenen Pullover?

In Italien wird darüber nicht diskutiert, denn ab einer bestimmten Gehalts- und Hierarchiestufe darf ein mächtiger Mann machen, was er will. Genau genommen definiert ihn das sogar. Der einstige Fiat-Chef, der mythische Familienpatron Gianni Agnelli, wirkte mit markantem Gigoloprofil und tadellosen Maßanzügen zwar wie einem Mailänder Modemagazin entstiegen; nie hätte er, außer bei der eleganten Tiefschneeabfahrt in Sankt Moritz, einen Pullover übergestreift. Doch auf der Manschette seines Maßhemdes prunkte eine winzige Uhr, so dass er nicht den Ärmel hochzuschieben brauchte, wenn er wissen wollte, wie spät es ist. Ein Spleen, genau genommen die pure Idiotie. Doch sie reichte, um ihn mit Fug von allen normalen Italienern zu unterscheiden.

Wo der kuschlige Pullover „Golf“ heißt

Zurück zu Sergio Marchionnes Pullovern. Bevor er im Mai 2003 bei der fast schon ruinierten Fiat als Außenseiter anfing, sah der Mann noch ganz normal aus: Kurzhaarschnitt, blauer Anzug, Krawatte. Doch der in Kanada großgewordene, in Amerika ausgebildete und in der Schweiz zum Sanierer gereifte Manager begriff als Sohn eines Carabiniere-Marschalls Essentielles über Uniformen: Wer eine Armee anführt, muss sich unterscheiden. Und um in die großen Fußstapfen des Gianni Agnelli zu treten und einer Schar von topmodischen Autodesignern zu imponieren, wählt man am besten den Weg hinab zum „casual look“. Das britische Lehnwort, das genauso auch im Italienischen verwendet wird, führt quasi direkt zum kuschligen Pullover, der in Italien mit einem ganz anderen, doch ebenso britischen Wort bezeichnet wird: „Golf“.

„Golf“ klingt zwar verdächtig nach Volkswagen, und das wäre bei Fiat nun in der Tat ein Handicap. Doch gleichzeitig hat so ein Pullover etwas sympathisch Informelles, so als wollte sich der Chef jeden Moment die Ärmel hochkrempeln und an der Montagekette selber anpacken. Oder am Zeichenbrett dem neuen Punto-Kotflügel den entscheidenden Schwung verleihen. Diesen Anflug von Dynamik hatte die marode Fiat spätestens seit Marchionnes Einstieg bitter nötig. Und der neue starke Mann stieg aus dem Jackett in den Pulli, obwohl er doch recht eigentlich kein Zupacker, sondern ein ausgefuchster Bilanzfachmann ist, zu dem Ärmelschoner viel besser passen würden.

Marchionne gegen di Montezemolo - Panda gegen Ferrari

Was wir nicht vergessen dürfen: Die Sanierung des Turiner Kleinwagenherstellers war nicht nur Marchionnes Werk. Ihm assistierte mit mächtigen Verbindungen von Politik bis Formel 1 der adelige Verwaltungsratschef Luca di Montezemolo, und der ist vom toupierten Blondscheitel bis zur handgenähten Ledersohle nun wirklich der Prototyp eines klassischen Signore. Mit dem Luxusmodell Montezemolo zu wetteifern, das wusste Marchionne, der leicht pummlige Kleinbürgerspross aus den armen Abruzzen, wäre von vornherein vergeblich gewesen: Panda gegen Ferrari. Dann schon lieber einen blauen Pulli her und sich nebenbei noch bei den Gewerkschaften als Nonkonformist beliebt machen. Berlusconi hat das ganz ähnlich angestellt, indem er jahrelang zur Verzweiflung aller Stilberater im unmodischen Zweireiher herumlief und auf Italiens blasierten Geldadel so wirkte wie ein auf die Vorstandsetage verirrter Teppichvertreter. Dabei war Berlusconi da schon viel reicher und einflussreicher als alle Agnellis und Konsorten zusammen. Manchmal - Achtung Herr Baron von und zu Guttenberg! - ist italienische Mode eben ein ganz hinterhältiger Code, damit die anderen einen unterschätzen.

Heute trägt der geliftete Berlusconi Armanishirts und coole Anthrazitblazer, aber das lässt ihn in Gesellschaft sehr junger Damen nur noch älter aussehen. Der neue Modeleitstern des Landes heißt längst Marchionne, weil Erfolg nun einmal sexy macht und Obama mit ihm bereits dreimal so lange konferiert hat wie mit dem armen Silvio. Und sind nicht auch die Benettons, eine andere Familie aus allerkleinsten Verhältnissen, mit nichts als Pullovern zu Milliardären geworden? Was lernen wir daraus? Am besten nichts. Am besten überwinden deutsche Manager ihren geilen Geiz, lassen sich einen dezenten italienischen Herrenschneider empfehlen und begnügen sich damit, den südalpinen Schick bescheiden zu kopieren.

Bis es in Berlin oder München so weit ist wie in Mailand, wo sich die Mächtigen am Kolorit ihrer Einstecktücher oder am handgestickten Hemdenmonogramm erkennen, werden bei uns wohl noch ein paar Generationen vergehen. Gerne sollten sich Manager und Politiker am Ökonomen Marchionne ein Beispiel nehmen, aber - per favore! - nicht den Opelsanierer mit einem Dressman verwechseln. So eine verschrobene Idee wie mit dem Pullover darf bei uns einfach nicht Schule machen. Sonst kriegen wir bald Ackermann im Blaumann, Steinbrück im Kittel oder Merkel in der Latzhose geboten. Das wäre für Opels, die wie Fiats aussehen, dann doch ein zu hoher Preis.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7