24.07.2009 · Im Konflikt zwischen Deutschland und GM sind zwei Kaufinteressenten für Opel verblieben - der Zulieferkonzern Magna und der Finanzinvestor RHJ. In Wahrheit aber nimmt der Streit ideologische Züge an.
Fred Irwin ist in diesen Tagen viel unterwegs. In einem Opel-Insignia mit Chauffeur brauste der Chef des Opel-Treuhandbeirats an Donnerstag und Freitag durch Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen. In den Staatskanzleien der „Opel-Länder“ erläutert Irwin die Vertragsentwürfe der beiden verbliebenen Kaufinteressenten für Opel - also des Zulieferkonzerns Magna und des Finanzinvestors RHJ. Begleitet wird er von einem der Manager des Opel-Mutterkonzerns General Motors (GM).
Als Präsident der Amerikanischen Handelskammer spielt Irwin die Rolle des Unabhängigen im Opel-Treuhandbeirat. Er versucht, den Konflikt zwischen Deutschland und GM zu entschärfen: Bund und Länder haben sich auf Magna festgelegt. GM dagegen sieht nur den Vertragsentwurf mit RHJ als unterschriftsreif an. Mit Magna dagegen müssten noch viele Probleme gelöst werden, berichten Verhandlungskreise. Eigentlich sollten die Höhe von Staatskredit und Eigenkapital des Investors sowie die zu erhaltenden Arbeitsplätze im Vordergrund stehen. In Wahrheit aber nimmt der Streit ideologische Züge an.
Heikle Situation
Im Zentrum steht die Frage: Wie eng darf oder muss Opel an GM angebunden bleiben? Noch Ende Mai wurde hierzulande gefeiert, dass GM seine Tochtergesellschaft Opel nach 80 Jahren im Konzern in die Freiheit entlassen habe. Damals wurden - einen Tag vor der Insolvenz von GM - in aller Eile 65 Prozent der Opel-Anteile zur Verwaltung auf eine Treuhandgesellschaft übertragen und Opel so von GM abgetrennt. Das ermöglichte einen deutschen Staatskredit von 1,5 Milliarden Euro, der Opel vorerst vor der Insolvenz bewahrte. Die Treuhand - in der Deutschland und GM gleichgewichtig das Sagen haben - erhielt den Auftrag, Opel bis Jahresende zu verkaufen.
Die Situation ist nun heikel. Denn die frühzeitige öffentliche Festlegung der Politik auf Magna hat sogar jene zwei Mitglieder im fünfköpfigen Beirat der Treuhand verärgert, die eigentlich Bund und Länder vertreten sollen - den ehemaligen Continental-Chef Manfred Wennemer und den hessischen FDP-Politiker Dirk Pfeil. Sie wollen kein „Stimmvieh“ sein und würden die Entscheidung über Opel lieber nach kaufmännischen als nach politischen Gesichtspunkten treffen.
Aber hier kommt die von der deutschen Politik um fast jeden Preis angestrebte Eigenständigkeit von Opel wieder ins Spiel, die es bisher nicht gibt: Die rund 5500 Ingenieure am Opel-Stammsitz in Rüsselsheim entwickeln für den GM-Konzern alle mittelgroßen Autos. Im Gegenzug zahlt Opel für jedes verkaufte Opel-Auto Lizenzgebühren für Patentnutzungen an GM. Unter dem Strich bekommt Opel mehr, als es zahlt. Deshalb ist die Verbindung so wichtig.
Von „Falken“ und „ Stalinisten“
GM und Magna streiten darum, wer in der Produktentwicklung die Oberhoheit haben soll. Nach dem Ende des Insolvenzverfahrens von GM und der Wiedergeburt als Staatskonzern wittern die Amerikaner offenbar Morgenluft. Einige GM-Leute - in der Branche gern als „Falken“ oder „Stalinisten“ bezeichnet - wollen nicht nur gemeinsam mit Magna den Produktplan aufstellen. Sie wollen auch bestimmen, ob einzelne Komponenten wie etwa das Getriebe bei externen Zulieferern eingekauft werden dürfen. Zudem fürchtet GM, dass über die russische Sberbank als Magna-Finanzier technisches Fachwissen abgezogen wird.
Können sich Deutschland und GM nicht einigen, dann stünde Opel bald abermals vor der Insolvenz - für 2009 drohen 2,4 Milliarden Euro operativer Verlust. Den anderen europäischen Ländern mit Opel-Standorten, die zu einem Staatskredit beitragen sollen, wurden die Konzepte am Donnerstagabend vorgestellt. Von Begeisterung war danach jedenfalls nicht die Rede. Der Verwaltungsrat von GM will angeblich am 3. August beraten. Vielleicht gibt es dann eine Entscheidung.
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