Home
http://www.faz.net/-gqk-13u61
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Opel-Verkauf GM diktiert die Bedingungen

10.09.2009 ·  Zwar hat sich GM grundsätzlich entschieden, Opel an Magna zu verkaufen. Für den Abschluss haben die Amerikaner indes Bedingungen gestellt, um die ein großes Geheimnis gemacht wird. Kurios ist daran: Eigentlich war schon längst ausgehandelt, was Magna mit Opel vorhat.

Von Christoph Ruhkamp
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)

Seit Ende Mai haben General Motors (GM) und der Autozulieferer Magna über den Verkauf von Opel verhandelt. GM-Chefunterhändler John Smith und Magna-Co-Chef Siegfried Wolf konnten sich lange Zeit nicht darüber einigen, wie eigenständig Opel künftig agieren darf. Besonders wichtig ist dabei die Entwicklung neuer Fahrzeuge. Geht es nach dem Willen von Wolf, dann kooperiert Opel zwar weiter eng mit GM, kann die Entwicklung von Motoren aber auch bei fremden Anbietern in Auftrag geben, ohne dafür Gebühren an GM zu zahlen.

Nach der Übernahme von Opel plant Magna ein neues Unternehmen, an dem GM mit einem Anteil von 35 Prozent als strategischer Partner beteiligt bleibt. Magna selbst übernimmt gemeinsam mit der russischen Sberbank 55 Prozent der Anteile; die übrigen 10 Prozent gehen an die Beschäftigten – im Gegenzug für einen Lohnverzicht von rund 1,5 Milliarden Euro über fünf Jahre. Magna bringt dafür 500 Millionen Euro Eigenkapital bei Opel ein und erhält von Bund und Ländern einen Kredit von 4,5 Milliarden Euro zur Finanzierung der Sanierung. Europaweit werden gut 10.000 von 50.000 Stellen bei Opel abgebaut, in Deutschland, wo alle vier Standorte erhalten werden, sind es 2500 von 25.000.

Nach dem Konzept, das der Autozulieferer dem Finanzausschuss des Bundestags vorgelegt hat, sollen durch die fortgesetzte Kooperation mit GM Größenvorteile in der Produktion erhalten werden. Der amerikanische Staatskonzern soll weiter die Entwicklung kleiner und mittelgroßer Autos beim Entwicklungszentrum in Rüsselsheim in Auftrag geben und die dort angesiedelten 5500 Ingenieure dafür bezahlen. Im Gegenzug erhält GM weiter Lizenzen für die Nutzung von GM-Patenten in Höhe von 3,25 Prozent vom Preis jedes verkauften Autos.

Opel soll nicht in Magna integriert, sondern durch eine eigenständige Holding geführt werden. Chef von Opel soll Carl-Peter Forster werden, der jetzige GM-Europachef und Opel-Aufsichtsratschef. Darüber hinaus will Magna mit dem russischen Autohersteller GAZ als industriellem Partner vor allem den Marktanteil von Opel und GM in Russland auf 20 Prozent erhöhen – und den Anteil des Russlandgeschäfts am Umsatz von Opel auf 5 Prozent. Den Vertrieb in Russland will Magna gemeinsam mit GAZ und GM übernehmen. Um der Befürchtung eines Technologietransfers nach Russland entgegenzutreten, erhält GM ein Vetorecht gegen die Nutzung von GM-Patenten durch russische Partner.

Magna verfügt in Russland über vier Werke und erhofft sich dort ein starkes Wachstum von jährlich 15 Prozent. Allerdings ist der Autoabsatz in Russland in diesem Jahr um die Hälfte geschrumpft. In Korea und Amerika darf Opel nach Absprache mit GM keine Autos verkaufen. Ergänzend zur regionalen Expansion plant Magna die Produktion eines neuen Kleinstwagens, der unterhalb des Opel-Modells Corsa angesiedelt sein soll. Im Jahr 2011 bringt Opel zudem das Elektroauto Ampera auf den Markt.

Magna selbst ist mit 240 Fabriken der drittgrößte Autozulieferer der Welt und will sich bei Opel als Zulieferer, Auftragsfertiger und Entwicklungsdienstleister einbringen. In Lizenz fertigt Magna Autos wie den BMW X3, den Chrysler 300 oder die Mercedes G-Klasse. GM ist mit einem Anteil von einem Viertel am Umsatz schon der größte Kunde von Magna und wird durch die Opel-Übernahme von Magna gestützt. Das ist eines der wichtigsten Motive von Magna für die Übernahme. Der kanadisch-österreichische Konzern hofft, die Fabriken von Opel, deren Kapazität derzeit nur zur Hälfte genutzt wird, künftig mit fast 100 Prozent deutlich besser auszulasten. Neben der Schließung einzelner Werke sollen dazu andere Autohersteller kleinere Serien neuer Autos bei Opel in Auftrag geben, die sie nicht selbst bauen wollen.

Als Finanzierungspartner dient Magna die staatliche russische Sberbank, die größte Bank Russlands. Bei der Umsetzung des industriellen Konzepts soll auch der russische Automobilhersteller GAZ helfen, indem er sein Vertriebsnetz mit 130 Händlern in ganz Russland zur Verfügung stellt und im Gegenzug auf einen Zugewinn an technischem Fachwissen hofft.

Magna übernimmt mit einer Sperrminorität von 27,5 Prozent die Führung im Übernahmekonsortium für Opel und bündelt seinen Anteil mit dem Anteil der Sberbank zu einem Aktienpaket von 55 Prozent. Vielleicht reicht die Sberbank ihr Paket später an die staatliche russische VEB Bank weiter. Neben GM sollen außerdem auch die künftig noch rund 40.000 Beschäftigten von Opel über eine eigens dafür gegründete Aktiengesellschaft mit 10 Prozent an Opel beteiligt werden. Sie müssen dafür in fünf Jahren auf 1,5 Milliarden Euro Lohn verzichten.

Damit der ganze Plan aufgeht, braucht Magna insgesamt 5 Milliarden Euro für Opel, davon 4,5 Milliarden Euro Staatskredit. Von Bund und Ländern hat Opel schon einen Vorschuss von 1,5 Milliarden Euro auf diese Summe erhalten. Der Rest soll später von den übrigen europäischen Regierungen mit Opel-Standorten – darunter vor allem Belgien, Großbritannien, Polen und Spanien – geliefert werden. Als Rückzahlungsdauer für die Staatskredite sind fünf Jahre geplant. Vorgesehen ist, dass ein Mindestanteil von 30 Prozent des Nettogewinns zur Rückzahlung des von der öffentlichen Hand garantierten Kredits genutzt wird. Im laufenden Jahr wird Opel allerdings voraussichtlich einen Verlust vor Zinsen und Steuern von 2,4 Milliarden Euro ausweisen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Logisches Ende

Von Susanne Preuß

Die Schlecker-Filialen werden geschlossen, die Mitarbeiter stehen auf der Straße. Eine bittere Nachricht für die Beschäftigten. Aber es gibt auch ein gutes Fazit aus dem Ende der Drogeriekette. Mehr 11 33